Mercedes Benz

Großkontrolle an der A8 Wer nicht zahlen kann, bleibt stehen

Von Jürgen Bock 

Der nächste Kandidat rollt auf den Parkplatz: Rund 50 Einsatzkräfte von Polizei und Zoll haben am Mittwoch Lastwagen und Busse überprüft Foto: factum/Bach
Der nächste Kandidat rollt auf den Parkplatz: Rund 50 Einsatzkräfte von Polizei und Zoll haben am Mittwoch Lastwagen und Busse überprüftFoto: factum/Bach

Staunende japanische Touristen, ein italienischer Busfahrer in Verlegenheit oder eine rumänische Truckerin mit Steinblöcken im Lkw: Einsatzkräfte sind bei einer Großkontrolle an der A8 manchem Kuriosum begegnet.

Stuttgart/Leonberg - Im Reisebus mit italienischem Kennzeichen herrscht große Aufregung. 50 japanische Touristen sehen sich uniformierten und bewaffneten Männern gegenüber, die sie höflich bitten auszusteigen. Leicht bedröppelt stehen die Reisenden im Regen – bis einer die Kamera zückt und es ihm viele schlagartig gleichtun. Zwölf Tage dauere ihre Reise durch Europa, fünf Länder gelte es in dieser Zeit abzuhaken, erzählt der Reiseleiter – doch das aufwühlendste Erlebnis haben die Touristen womöglich an diesem Mittwoch auf der Autobahnraststätte Sindelfinger Wald, auf der Fahrt von Frankfurt nach Venedig.

Die Ludwigsburger Polizei und das Stuttgarter Hauptzollamt sind mit 50 Einsatzkräften angerückt, um sechs Stunden lang bei einer Großkontrolle Lastwagen und Busse unter die Lupe zu nehmen. Auf der A 8 werden Abstand und Geschwindigkeit gemessen. Wer auffällt, wird von Polizeimotorrädern auf die Rastanlage geleitet. Dazu kommen Fernbusse, Reisegesellschaften oder weitere Lkw, die nach dem Zufallsprinzip herausgefischt werden.

Während die Japaner noch staunen, zeigt ihr italienischer Fahrer keinerlei Nervosität. Technisch steht sein Bus gut da, lässig richtet sich der elegant gekleidete Mann die nass gewordenen Haare. Neben dem Fahrersitz steht die edle Lavazza-Kaffeemaschine. Doch bei der Überprüfung der Daten gehen bei den Beamten die Alarmglocken an: Das Unternehmen hat in Deutschland mehrfach die Steuer für die kommerzielle Personenbeförderung nicht bezahlt. Fast 2500 Euro sind offen. Und plötzlich kommt Hektik auf. Der Fahrer versucht vergeblich, das Büro in Italien zu erreichen. Er muss Geld auftreiben. „Wenn Sie das nicht schaffen, bleibt der Bus stehen“, wird ihm unmissverständlich auf Englisch mitgeteilt. Die Reisegruppe zückt die Fotoapparate. Dass ein ungeplanter Halt droht, ist den Touristen nicht so recht klar.

Zoll baut einen mobilen Gepäckscanner auf

Nebenan müssen die Passagiere eines kroatischen Reisebusses aussteigen und ihre Koffer holen. Der Zoll hat einen mobilen Gepäckscanner in einem Kleinbus dabei. Eine Tasche nach der anderen wird durchleuchtet. „Für uns ist die Suche nach Waffen, Drogen und Schmuggelware interessant“, sagt Sprecher Thomas Seemann. Dieser Bus ist sauber, doch vor zwei Wochen sei man bei ähnlicher Gelegenheit auf ein Kilo Heroin und mehrere Kilo Amphetamine gestoßen.

Die Fahrgäste ertragen die Kontrolle mit Gleichmut. „Ich finde das in Ordnung. Heutzutage sind so viele Kriminelle unterwegs“, sagt einer und zündet sich eine Zigarette an. Manche vermuten einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Brüssel. Doch damit hat die Aktion nichts zu tun. „Uns geht es vor allem um die Verkehrssicherheit“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn. Auf den Autobahnen rund ums Leonberger Dreieck habe es im vergangenen Jahr allein 786 Lkw-Unfälle gegeben. 341 waren selbst verschuldet. Bei einem Drittel davon lauteten die Ursachen zu hohe Geschwindigkeit oder zu geringer Abstand. Bei den Fernbussen wiederum sorge der wachsende Konkurrenzdruck unter den Anbietern dafür, dass sich das Verhalten der Fahrer verschlechtert.

42 Verstöße allein bei Lastwagen

An diesem Tag zählt die Polizei 44 teils schwere Verstöße – 42 davon bei Lastwagen. Auch ein großer 40-Tonner aus Rumänien zählt dazu. Er hat verbotenerweise überholt. Als die Maschine auf den Parkplatz biegt, können sich die Beamten ein Schmunzeln nicht verkneifen – am Steuer sitzt eine zierliche Fahrerin, daneben ihre Mutter, die sie auf der Tour von England nach Italien begleitet. Auf der Ladefläche hat das außergewöhnliche Duo zwei riesige Steinblöcke. „Für Grabsteine“, sagt die Truckerin lachend. Die 105 Euro Strafe nimmt sie gelassen hin: „Was soll’s. Die Jungs sind nett.“

Die japanische Reisegruppe sitzt derweil wieder im Bus. Ihr Zwangsaufenthalt an der Rastanlage hat deutlich länger gedauert. Doch jetzt hat der Fahrer eine Sofortüberweisung veranlasst. Es geht weiter Richtung Venedig. Sofern dafür jetzt noch Zeit ist.

Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 3.97

Lesen Sie jetzt