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Gottlieb Schumacher Über den Jordan

Von Frank Daubner und Klaus Eichmüller 

Bauingenieur, Archäologe und Templer: Gottlieb Schumacher Foto: Schumacher Institut, Uni Haifa
Bauingenieur, Archäologe und Templer: Gottlieb SchumacherFoto: Schumacher Institut, Uni Haifa

Das abenteuerliche Leben des Gottlieb Schumachers: Von der Uni Stuttgart ins gelobte Land.

Stuttgart - Gottlieb Schumacher ist vergessen, zumindest an der Universität Stuttgart. Dabei war ihr Absolvent als Bauingenieur, Archäologe und Templer vor über 100 Jahren eine der prägenden Figuren im damaligen Palästina.

Gottlieb Schumacher war ein umtriebiger Mann und ein Multitalent. Er war Mitbegründer von Haifa, erster Ausgräber des biblischen Megiddo, Eisenbahnpionier im Nahen Osten; er erhielt den Titel eines königlich württembergischen Baurats und war amerikanischer Vizekonsul in Palästina. Und er ging "über den Jordan". Schumachers Reisebericht "Across the Jordan" ist jetzt als Neudruck wieder erschienen. Darin beschreibt er ausführlich einen Ort, der zuletzt in den Schlagzeilen aufgetaucht ist: Deraa, auch Daraa oder Dar'a genannt.

"Überall sieht man die Ruinen antiker Gebäude und neuerer Hütten, die verlassen und zerfallen sind", schildert Schumacher 1884 den Ort in Südsyrien. Möglicherweise sieht es dort, wo vor ein paar Wochen der Aufstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad begann, auch heute so aus.

Auf ins gelobte Land

Verlässliche Angaben über die aktuelle Lage in Deraa und deren 120.000 Einwohner gibt es nicht. Seit dort Panzer eingerückt, seit die Wasser-, Strom- und Telefonleitungen gekappt sind, gibt es nur noch Gerüchte. Von Hunderten Toten ist die Rede, von beschossenen Moscheen. Möglicherweise tobt in Deraa ein Kleinkrieg in einer ausgedehnten alten Höhlensiedlung. Die erste Beschreibung dieser Unterwelt stammt von Schumacher. Diese Stadt im Untergrund ist bis zu 20 Meter tief in den Fels geschlagen und umfasst Räume, Gänge, Zisternen und Lüftungsschächte.

Im Lauf seiner Geschichte war Deraa, das antike Adraa, immer wieder ein Spielball der Mächte und der Mächtigen. Ein halbes Jahrhundert vor Schumachers Besuch war die Stadt menschenleer. Der Grund waren Blutrache und einfallende Stämme von der arabischen Halbinsel. Im biblischen Edrai, der Residenz des Königs Og von Basan, besiegten die Israeliten unter Führung von Moses in blutiger Schlacht die Riesen.

Als Gottlieb Schumacher 1884 über den Jordan ging, hatte er Großes im Sinn. Der Bauingenieur suchte eine Trasse für eine Bahnstrecke zwischen Haifa und Damaskus, die das Tal des Jordan 246 Meter unter Normalnull queren und bei Deraa in die geplante Hedschasbahn zwischen Damaskus und Medina münden sollte. Geldmangel stoppte beide Projekte. Erst Jahrzehnte später, als der deutsche Kaiser imperiale Ansprüche im Nahen Osten durchsetzen wollte, wurden die Bahnstrecken realisiert, zum Teil auf der von Schumacher geplanten Trasse. 1908 ist Deraa ein Bahnknoten und damit, am Vortag des Ersten Weltkriegs, strategisch enorm wichtig. Wenige Jahre später wird der britische Agent Thomas Edward Lawrence durch seine Anschläge auf die Hedschasbahn als Lawrence von Arabien zur Legende werden.

Gottlieb Schumacher wurde am 21.November 1857 in Zanesville, Ohio, geboren. Sein Vater Jakob aus Tübingen war 1848 mit zwei Brüdern in die USA ausgewandert. Der strenggläubige Pietist hatte sich früh den Freunden Jerusalems angeschlossen, aus denen später die Templergesellschaft hervorging. Als 1869 die langgehegten Pläne der Templer, nahe der heiligen Stätten in Palästina Kolonien zu errichten, greifbar schienen, packten auch die Schumachers ihre Sachen. Vater Jakob, die aus Wüstenroth stammende Mutter Julie und der zwölfjährige Gottlieb machten sich auf ins gelobte Land - und fanden zunächst nicht das Paradies.

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