Glückliche Kühe mit Loch im Bauch

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Hohenheim. Das Institut für Tierernährung der UniversitätHohenheim hat Kühe mit Löchern im Stall. Von Franziska Neumann

Hohenheim. Das Institut für Tierernährung der UniversitätHohenheim hat Kühe mit Löchern im Stall. Von Franziska Neumann

Es ist ein friedliches Bild. Kühe und Schafe grasen zusammen auf der Weide und genießen scheinbar den sonnigen Herbsttag. Bei dieser Szene würde wahrscheinlich jedem Bauer das Herz aufgehen. Störend ist eigentlich nur das Loch auf der linken Seite des schwarz-weiß gefleckten Rindes. Und vielleicht auch die Wissenschaftlerin, die ihren Arm bis zum Ellenbogen tief in den Magen des Tieres steckt. Die Schilderung mag bizarr klingen, aber an der Universität Hohenheim gehört das zum Alltag. Im Stall des Institutes für Tierernährung gibt es eben Kühe mit Löchern.

Natürlich verfolgen die Forscher des Institutes einen bestimmten Zweck damit. Die Löcher, auch Fisteln genannt, sollen helfen, den Nahrungszersetzungsprozesses einer Kuh zu erforschen. Dabei hilft eine wieder verschließbare Öffnung im Größten der vier Mägen einer Kuh, dem Pansen. "Wir wollen herausfinden, wie Wiederkäuer es schaffen, schwer verdauliche Nahrung wie Gras oder Stroh mit einem hohen Anteil an Zellulose zu zersetzen und für sich nutzbar zu machen. Nur die Wiederkäuer können das", sagt Markus Rodehutscord vom Institut für Tierernährung. Mit Hilfe der Fistel können die Hohenheimer Wissenschaftler Proben entnehmen oder auch Substanzen in den Vormagen hinein geben, um zu untersuchen, welche Mechanismen im Verdauungsprozess einer Kuh ablaufen.

Den Vorwurf der Tierquälerei weißt der Forscher zurück. "Ausschließlich das Regierungspräsidium Stuttgart erteilt gemäß des Tierschutzgesetzees die Genehmigung zur Einsetzung einer Fistel", sagt Rodehutscord. Dazu wird das Rind in Vollnarkose versetzt und ein Spezialist vernäht die Fistel mit der Außenhaut. Ist die Wunde erst einmal verheilt, lebt die Kuh ganz normal weiter. Sie grast, kalbt und gibt Milch. "Die Kühe merken von dem Loch gar nichts. Abgesehen von der täglichen Reinigung der Fistel, sowie der Probenentnahme unterscheidet sich ihr Alltag nicht von dem der anderen Kühe", sagt Susanne Stabenow, Versuchstechnikerin an der Universität Hohenheim.

Ein Begriff der oft mit der Pansen-Forschung in Verbindung gebracht wird, ist die Methangasreduzierung. "Die Zersetzung schwer verdaulicher Nahrung geschieht mit Hilfe von Bakterien. Ein Nebenprodukt ist Methangas, welches von den Kühen an die Umwelt abgegeben wird" , sagt Rodhutscord. Somit tragen die Darmgase der Kühe erheblich zur Klimaerwärmung bei. Jedoch können Kühe nur auf diesem Wege aus einfachem Pflanzenmaterial hochwertige Milch herstellen. Durch die Fistel haben Wissenschaftler die Möglichkeit zu beobachten, wie sich bestimmte Substanzen auf den Verdauungsprozess eines Wiederkäuers auswirken und welche zur Verminderung der Gasbildung beitragen. Daraus können wiederum Rückschlüsse auf Fütterungsmaßnahmen gezogen und Strategien zur Verminderung der Methangasemission entwickelt werden. "Gerade im heutigen Kontext des Klimawandels, ist die Methangasreduzierung zu einem zentralen Forschungsgebiet geworden."

Trotz aller Vorteile, die das Einsetzen einer Fistel mit sich bringt, versuchen die Wissenschaftler den Tierversuchsaufwand so gering wie möglich zu halten. Durch Simulationstechniken können Pansen auch modelliert und die wichtigsten Prozesse nachgestellt werden. Viele Erkenntnisse über die Verdauungsmechanismen wurden bereits auf diesem Wege gewonnen. Allerdings ist eine 100-prozentige Simulation nicht möglich, weshalb auf experimentelle Forschung nicht verzichtet werden kann.

Momentan gibt es in Hohenheim zwei Kühe, die mit Fisteln versehen sind. Schon seit vielen Jahrzehnten wird an der Universität mit Hilfe dieser Forschungsmethoden gearbeitet. "Auch meine Vorgänger haben sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Es ist bisher nur nicht in der Öffentlichkeit bemerkt worden. Dabei weiden unsere Kühe ganz normal auf dem umlegenden Gelände, wo auch viele Spaziergänger vorbeikommen. Wir haben hier ja nichts zu verstecken", sagt Rodehutscord und seine Versuchstechnikerin ergänzt "Viele fragen auch, warum die Kühe Löcher haben und dann erklären wir es ihnen. Die Passanten sind immer sehr interessiert."

Fisteln können übrigens nicht nur Kühen, sondern auch Schafen eingesetzt werden. Da Rindern aber eine größere landwirtschaftliche Bedeutung zukommt, sind sie für die Forschung wichtiger.

Auch wenn es für die Mehrheit der Hohenheimer mittlerweile nur noch normale Tiere sind, für die Menschen aus der Umgebung bleiben sie bestimmt noch lange was sie sind: Kühe und Schafe mit Löchern.

Redaktion Degerloch

Ansprechpartner
Cedric Rehman
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