Generationengerechtigkeit Die Rente mit 67 ist schon Geschichte

Von Sabine Marquard 

Gefährliche Schieflage: Nach einer Untersuchung wollen knapp zwei Drittel der 50- bis 64-Jährigen vorzeitig in Rente gehen Foto: dpa
Gefährliche Schieflage: Nach einer Untersuchung wollen knapp zwei Drittel der 50- bis 64-Jährigen vorzeitig in Rente gehenFoto: dpa

Wer heute 30 ist, kann nicht damit rechnen, mit 67 in Rente zu gehen – eher mit 70. Eine auskömmliche Rente wird er oder sie auch nicht mehr bekommen. Es muss was passieren, damit die Jungen dem System nicht den Rücken kehren, warnen Experten.

Stuttgart - Die Menschen leben länger. Das ist eine gute Nachricht. Die wachsende Zahl der Rentner stellt jedoch den Generationenvertrag in der gesetzlichen Rente auf eine harte Probe. Wer heute in Rente geht, hat im Schnitt noch 20 Jahre zu leben, Männer etwas weniger, Frauen etwas mehr. Tendenz steigend.

Die Beitragszahler der Rentenversicherung müssen das finanzieren. Weil die Beitragszahler von 2020 an – wenn die Babyboomer ins Rentenalter kommen – deutlich weniger werden, stößt das System schon bald an seine Grenzen.

Angst vor "Diktatur der Alten"

Es droht eine Diktatur der Alten, fürchten viele und prognostizieren den Aufstand der Jungen, die sich den wachsenden Lasten entziehen werden. Hubert Seiter ficht das nicht an. Der Chef der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg bleibt Optimist: „Ich wage die These, dass die Jungen zumindest auf den zweiten Blick ein gutes Verhältnis zum Generationenvertrag haben.“

Seiter diskutiert des Öfteren mit Schulklassen, was den Generationenvertrag ausmacht: Die Beitragszahler finanzieren mit ihrem Geld die Rentnergeneration. Sie tun das, weil sie darauf vertrauen, im Alter selbst von der nächsten Generation versorgt zu werden. Auch junge Menschen können schon von der Rentenkasse profitieren, macht Seiter klar. „Wir zahlen auch 20 000 Euro für eine Entziehungsmaßnahme für junge drogenabhängige Arbeitnehmer.“

Im Gespräch mit den Schülern macht der 64-Jährige überraschende Erfahrungen: „Junge Menschen haben ein unglaublich hohes Sicherheitsbedürfnis. Sie schätzen am Generationenvertrag, dass die Solidargemeinschaft einspringt und sie im Alter hält, wenn sie nicht mehr arbeiten können.“ Jugendliche empfänden die Solidargemeinschaft als etwas sehr Verlässliches in einer Zeit, in der Familien das nicht mehr leisten könnten.

Risiko, im Alter arm zu sein, steigt

Doch mit der Sicherheit für künftige Rentnergenerationen ist es nicht mehr so weit her. Das Risiko, im Alter arm zu sein, steigt. Die Entwicklung lässt sich an den Versichertenkonten der Rentenversicherung ablesen: Menschen sind langzeitarbeitslos, sie sind nicht durchgehend beschäftigt, arbeiten oft Teilzeit, wechseln von abhängiger Beschäftigung in die nicht abgesicherte Selbstständigkeit, arbeiten in Minijobs. Der demografische Wandel – weniger Kinder und immer mehr ältere Menschen – verschärft die Lage.

Das Rentensystem muss umgebaut werden, wenn es stabil bleiben soll, fordern Ökonomen schon länger. Sie sehen mehrere Möglichkeiten: Entweder zahlen Arbeitnehmer höhere Beiträge, oder die Rentenleistungen werden gesenkt, oder das Rentenalter wird heraufgesetzt. Vermutlich kommt von allem etwas.

Angesichts der Entwicklung werden viele Junge nach Möglichkeiten suchen, sich dem Generationenvertrag zu entziehen, prophezeite der Ökonom Bernd Raffelhüschen kürzlich in einem Interview. Es sei keineswegs sicher, dass die Jüngeren zu Beitragszahlern werden. Sie können sich selbstständig machen oder ins Ausland gehen und dort arbeiten.

Die Arbeitswelt werde sich zudem durch die Digitalisierung völlig verändern. In vielen Berufen werde man arbeiten, ohne an einen bestimmten Ort gebunden zu sein. Der Rentenversicherung werde dadurch ein Teil der Jobs wegrutschen. „Alle diese Möglichkeiten, den Generationenvertrag zu kündigen, werden genutzt werden“, ist Raffelhüschen überzeugt.

Was ist der Generationenvertrag wert?

„Steigende Rentenbeiträge und vor allem das sinkende Rentenniveau schaffen den Generationenvertrag langsam, aber sicher ab“, sagt Igor Dimitrijoski. Der Geschäftsführer der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, einer unabhängigen Denkfabrik, fragt: „Was ist der Generationenvertrag wert, wenn bei historischen Höchstbeiträgen am Ende Renten knapp über Sozialhilfeniveau rauskommen?“ Das Absinken des Rentenniveaus müsse unbedingt gestoppt werden.

Darauf deutet aber nichts hin. Im Gegenteil, mit der Rente mit 63 und der Mütterrente hat die Politik der jungen Generation weitere Lasten aufgebürdet.

Werden junge Menschen von heute bis 70 arbeiten müssen? Die Große Koalition hätte die Chance, den Übergang ins Rentenalter flexibler zu gestalten. Seit Monaten tagt die Arbeitsgruppe zur Flexi-Rente, ein Ergebnis ist bisher nicht in Sicht. Im Kern geht es darum, dass Frührentner einfacher und mehr zu ihrer gesetzlichen Rente hinzuverdienen dürfen, ohne dafür mit Rentenabzügen bestraft zu werden. „Manche werden sicher erfreut sein, wenn sie länger arbeiten dürfen, andere werden leider aus der Not heraus länger arbeiten müssen“, so Seiter.

Künftige Rentnergenerationen werden von ihrer gesetzlichen Rente allein nicht mehr gut leben können. Weil die Niedrigzinsen aber auch die privaten Ersparnisse und die Betriebsrenten schmelzen lassen, ist Seiter sicher: „Die Menschen werden froh sein, dass es so ein konservatives System gibt, das nicht von den Zinsen abhängig ist.“

Der Chef der baden-württembergischen Rentenkasse möchte mehr Flexibilität ins System bringen. „Arbeitgeber fragen, warum sie ihre 60-jährigen Mitarbeiter nicht jedes Jahr zur Reha schicken können statt nur alle vier Jahre.“ Und sie denken offenbar darüber nach, ob es nicht sinnvoller wäre, Beiträge zur Betriebsrente der gesetzlichen Rentenkasse anzuvertrauen statt der Finanzwirtschaft.

Es liegt auf der Hand: Viele Arbeitgeber ­wollen ihre erfahrenen, älteren Mitarbeiter länger im Berufsleben halten, weil sie die ­gesunden Jungen nicht mehr bekommen.

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