Gemeinwohl statt Gewinn Der Traum von der realen Utopie

Heidemarie A. Hechtel, 28.07.2012 15:00 Uhr
Rainer Müller setzt sich nach einem vielfältigen Berufsleben für die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie ein.

Stuttgart - Ein Beruf fürs ganze Leben, das gilt heute als so überholt wie das Reisen mit der Postkutsche. Wer bestehen wolle im Arbeitsleben, müsse flexibel sein, kreativ, mobil und bereit zum Wechsel, predigen die Zukunftsforscher. Rainer Müller kann darüber nur lächeln. Denn der Wandel war das Beständigste in der beruflichen Biografie des heute 73-Jährigen. Er will gestalten und verändern. Kritisch und kreativ.

Seit jeher schon, denn mit dieser Motivation kam er bereits vor mehr als drei Jahrzehnten auf die Redaktion zu, um seiner Kritik an den lieblos vernachlässigten Schul- und Pausenhöfen ein öffentliches Forum zu verschaffen: „Hier verkommen die Schüler doch seelisch“, empörte er sich seinerzeit. Als professioneller Farbberater appellierte er an Eltern, Schüler und Lehrer, selbst gestalterisch tätig zu werden. Mittlerweile hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt.

Genau dafür, für eine Veränderung des Bewusstseins, macht er sich auch jetzt wieder stark, wie wir bei einer zufälligen zweiten Begegnung nach einem halben Menschenleben erfahren. Mit dem gleichen Engagement für öffentliche Belange, der gleichen Eindringlichkeit und der Freiheit, unkonventionell zu denken. Jetzt geht es um nichts weniger als ein Umdenken über das wirtschaftliche System.

Gemeinwohl und Kooperation statt Gewinnstreben und Konkurrenz mit den Auswüchsen von Maßlosigkeit und Gier

Das Thema trifft den Nerv der Zeit. Kaum reichte der Saal im Rotebühlzentrum aus, als Christian Felber hier die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie vorgestellte. Der Österreicher (40), Universitätslektor, Autor von Sachbüchern über Wirtschaftsthemen, Globalisierungsgegner und Mitbegründer von Attac, hat dieses „Wirtschaftsmodell der Zukunft“ entwickelt. Ihr wichtigstes Prinzip: Gemeinwohl und Kooperation statt Gewinnstreben und Konkurrenz mit den Auswüchsen von Maßlosigkeit und Gier.

Der Stein, den er ins Wasser geworfen hat, zieht auch in Stuttgart Kreise: „Wir haben 60 Rückmeldungen von 150 Zuhörern bekommen, darunter sind auch 20 Unternehmer“, versichert Müller, der am Aufbau der Gruppe Region Stuttgart maßgeblich beteiligt ist. Das Thema passe genau in seine aktuelle Lebenssituation: „Jetzt sind die sozialen und politischen Interessen dran“, hatte Müller beschlossen, als er die letzte Etappe seines reichen Berufslebens beendete.

Mit der Absicht, Innenarchitektur zu studieren, absolvierte der gebürtige Stuttgarter eine Ausbildung zum Schreiner. Aus der Innenarchitektur wurde dann doch nichts, vom Handwerksberuf riet ihm sein Arbeitgeber Max Fürst, Tischler und Romanautor („Gefilte Fisch“), ab: „Du bist kein Schreiner, du bist ein Intellektueller.“ Müller entschied sich für den Textilhandel, ging noch mal in die Lehre, leitete lange Jahre die Textilabteilung eines renommierten Stuttgarter Einrichtungshauses und landete nach einer Spezialisierung zum Farbgestalter mit eigenem Büro schließlich im Architekturbüro Heinle und Wischer. „Mit 39 habe ich mich gefragt, ob ich das weitermachen will“, erzählt er. Er wollte nicht, sondern ließ sich zum Waldorflehrer ausbilden und unterrichtete 25 Jahre als Werklehrer an der Michael-Bauer-Schule. Ganz am Schluss machte er einen Leinenhandel auf.

„Ich glaube, dass derzeit ein historisches Fenster für Veränderung offen ist“

Die Gesetze des Handels sind ihm also nicht fremd, Blauäugigkeit kann man ihm nicht vorwerfen. „Die Menschen machen sich doch heute keine Illusionen mehr über den Kapitalismus“, sagt er. Bei diesen Auswüchsen, vor allem der Finanzwirtschaft, sei das auch kein Wunder. Die Idee, „das Wirtschaftssystem evolutionär umzusteuern“, sei faszinierend. Utopie oder Vision? „Eine reale Utopie“, wagt Müller eine Prognose: „Ich glaube, dass derzeit ein historisches Fenster für Veränderung offen ist.“

Müller räumt ein, dass das neue System zu einem „Spagat zwischen wohlbegründetem Eigeninteresse an Gewinn und Wohlstand einerseits und Verzicht zugunsten des Gemeinwohls andererseits führt: Es gibt da bittere Pillen zu schlucken“. Zur Gemeinwohl-Ökonomie gehört nicht nur eine deutliche Reduzierung der maximalen Einkommen und Vermögen. Auch Otto Normalverdiener soll sich mit 1250 Euro Minimum bei 33 Wochenstunden Arbeitszeit begnügen und die freie Zeit fürs Allgemeinwohl nutzen.

Ist das nicht zu idealistisch gedacht? Ist Egoismus nicht stärker als Altruismus? Er baue auf „soziale Urtriebe“, sagt Müller: „Es ist doch befriedigend, für andere etwas in Gang zu setzen und zu bewegen“, sagt er. Denn er glaubt an die Kraft der Demokratie von unten. Dafür arbeitet er jetzt.

 
 
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Kommentare (6)
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Albert Seitzer Ist schon länger als 1 Jahr her
Erzwungener Verzicht, oder durch Nötigung, oder durch Angstmachen erzwungener Verzicht dient einzig und allein der unbegrenzten Gier. Es ist doch genügend für alle da auf der Erde, trotzdem soll die Mehrheit sich einschränken, damit eine winzige Minderheit im Überfluss ersäuft. Warum tut einer alles um Milliardär zu werden? Weil er eine ungeheure Angst hat zur darbenden Mehrheit hinuntergestoßen zu werden. In seiner Gier zerstört er die Resourcen und vergrößert damit noch seine nun berechtigte Angst. Ich erlebte einmal Folgendes: Ein paar wenige neu eingetroffene Gäste hatten Angst, nicht genug Obst zu bekommen, sie füllten mehrere Teller für sich voll und nahmen noch mit aufs Zimmer. Nachfolgende Gäste gingen leer aus. In den nächsten Tagen stürmten mehr Gäste das Obstbüffet. Obwohl der Koch zusätzlich Obst bestellt hatte reichte es nicht. Das Reinigungspersonal beklagte sich, dass auf den Zimmern riesige Mengen faulendes Obst anfiel. Die Mehrheit hatte in diesen Tagen kein Obst. Erst als der Koch veranlaßte dauernd Obst nach zu füllen normalisierte es sich langsam wieder.
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Steffen Andreae Ist schon länger als 1 Jahr her
Passend zum Artikel empfehle ich www.reale-utopie.de
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Leser Ist schon länger als 1 Jahr her
€1.250 sind im obigen Artikel kein Minimum und kein Mindestlohn. Es ist laut Herrn Müller (zumindest wie es dieser Artikel darstellt) vielmehr das Maximum, was jemand verdienen dürfen sollte. Wenn ich eins nicht leiden kann, dann wenn jemand Wasser predigt und Wein säuft. Deshalb war meine Frage nach dem Beispiel, welches Herr Müller vorlebt, sehr ernst gemeint.
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Albert Seitzer Ist schon länger als 1 Jahr her
Es ist genügend Wasser und guter Wein für alle da. Wer Wein nicht genießt und ihn im Unverstand säuft schadet sich selbst am meisten. Herr Rainer Müller gehört da garantiert nicht dazu. Ich zähle ihn zu den Leuten, die sich Gedanken machen, wie die Lebensqualität allgemein verbessert und auch für zukünftige Generationen nachhaltig ermöglicht wird. Angesichts der Verfilzung des momentanen Giersystems erscheinen manchen nur noch Zwangssysteme als Lösungsmöglichkeit, das ist aber keine, denn sie erzeugen wieder Angst und damit Gier. 1250 Euro ist im obigen Artikel das Minimum, also der Mindestlohn. Wegen der Inflation kann man solche Beträge aber gar nicht festlegen. Wie Sie nun richtig schreiben, sollte man vom Mindestlohn zumindest anständig leben können.
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Albert Seitzer Ist schon länger als 1 Jahr her
Außer, es würde hier unter dem Etikett Gemeinwohl und Kooperation, eine Ökodiktatur angestrebt werden, die letztendlich aber nicht zu Gemeinwohl führt und auch nicht zu wirklichem Naturschutz. Wir haben kaum noch gesunde Konkurrenz, sondern verstärkt zerstörerische Kontrakurrenz. So bejubelten viele gutsituierte Studenten z. B. die Studiengebühren, weil damit weniger bemittelte Konkurrenten ausgeschlosssen wurden. Maßlosigkeit und Gier entstehen aus sozialen Ängsten, diese entstehen, zu Recht, aus um sich greifendem Betrug. Dieses Betrugssystem wird verschleiert, indem die Parlamente den Betrug legalisieren und die Regierungen sogar die Betrüger 'retten'. Wobei das Wort 'retten' pervertiert wird, es wird ja niemand aus seiner Not geholfen, im Gegenteil, die Opfer werden oft noch vor Gericht verhöhnt, wenn sie sich überhaupt noch vor Gericht trauen. Die großen Parteien haben sich ein korruptes und korrupierendes System geschaffen und legalisiert, das sie kaum noch selbst wieder ändern können. Selbst bei einem großen Zusammenbruch, der in diesem Giersystem natürlich ist, kann es sein, dass der Neuanfang wieder auf das selbe hinaus läuft. Deshalb sollte man nicht auf den Zusammenbruch warten und auch kein neues Zwangssystem einrichten, sondern in zäher politischer Arbeit darauf hinwirken, dass auch Finanzbetrug, wie jeder Betrug wieder verboten wird. Die Täter müssen zu Wiedergutmachung herangezogen werden, so dass sich Betrug nicht mehr lohnt und riskant ist. Da gibt es aber ein ganz schleimiges Hindernis, die Korruption. Während der einfache Beamte hart dafür bestraft wird, haben sich die Spitzenpolitiker ein ausgeklügeltes System geschaffen und legalisieren lassen. Wer nicht von Anfang an mit macht fliegt raus. Das geht so weit, dass Leute, wie z. B. Herr Wulff es anscheinend gar nicht mehr wahrnehmen.
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