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Gemeinschaftsschulen Region Stuttgart Schulart zwischen Boomen und Bangen

Von Carola Fuchs 

Die Schüler loben ihre Gemeinschaftsschule in Schwaikheim. Trotzdem werden dort immer weniger Kinder angemeldet. Foto: Gottfried Stoppel
Die Schüler loben ihre Gemeinschaftsschule in Schwaikheim. Trotzdem werden dort immer weniger Kinder angemeldet.Foto: Gottfried Stoppel

Der Zulauf ist unterschiedlich: Manchen Gemeinschaftsschulen in der Region Stuttgart macht die große Konkurrenz in der Nachbarschaft schwer zu schaffen – wie in Schwaikheim (Rems-Murr-Kreis).

Stuttgart - Viertklässler in Schwaikheim haben die Qual der Wahl. In ihrer Heimatgemeinde und in den benachbarten Orten Korb, Leutenbach, Winnenden und Waiblingen-Neustadt gibt es fünf Gemeinschaftsschulen (GMS), außerdem zwei Realschulen und zwei Gymnasien – alle nur vier, fünf Kilometer weg und gut mit dem Fahrrad zu erreichen. Wer sich nicht abstrampeln möchte, setzt sich in die S-Bahn. In Waiblingen, Fellbach und Stuttgart öffnen sich in Kürze zusätzliche Schulwelten.

„Als Gemeinde mit knapp 10 000 Einwohnern haben wir den Anspruch, eine weiterführende Schule zu stellen“, sagt der Bürgermeister Gerhard Häuser (Freie Wähler). Weil die benachbarten Orte weder kleiner noch anspruchsloser sind, kämpft die Gemeinschaftsschule in Schwaikheim ums Überleben.

Eltern loben Engagement der Lehrer

Nach Prognosen des Kultusministeriums wollten sich in diesem Jahr nur 16 Schüler dort anmelden, halb so viele wie 2014 und nur stark ein Drittel der Fünftklässler des ersten GMS-Jahrgangs 2013. Landesweit hat nur Ofterdingen schlechtere Anmeldezahlen. Dass es in Schwaikheim nun tatsächlich 18 neue Fünftklässer geworden sind und sich bei der Konkurrenz in Leutenbach die Anmeldezahlen genauso drastisch verschlechtert haben, macht es nicht besser. Von der geplanten Zweizügigkeit ist man meilenweit weg. „Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Adressaten ins Haus bekommen“, sagt der Schulleiter Eberhard Bischoff. Wenn Eltern und Kinder erst einmal hereingeschnuppert hätten, davon ist er überzeugt, würden sie sich leichten Herzens für seine Schule entscheiden.

Liegen die Probleme allein an der großen Konkurrenz? In Schwaikheim glaubt man das nicht. Innerorts hat die Schule zwar zugelegt, 13 der 18 Fünftklässler wohnen auch in der Gemeinde. Vor zwei Jahren waren noch 30 der 44 Fünftklässler von außerhalb. Mehrere Eltern loben auch das Engagement der Lehrer, die bei Problemen auch abends oder am Wochenende ansprechbar seien. „Da wird fantastische Arbeit geleistet“, sagt eine Mutter. Schwierig sei es aber, mit der Schulleitung und der Gemeinde ins Gespräch zu kommen. Manche Väter und Mütter wünschten sich mehr Offenheit und eine bessere Einbindung vom Rathaus und von der Schulleitung. Dafür gilt die Ausstattung als gut. In den Klassenzimmern hängen digitale Whiteboards statt Kreidetafeln, es gibt ein Lernatelier, und die Kinder arbeiten mit iPads und Laptops. 1,3 Millionen Euro sind in die Sanierung des Hauses geflossen. Weitere fünf Millionen will die Gemeinde in eine neue Schulmensa investieren. Auch Leutenbach baut für 3,5 Millionen Euro neue Speiseräume, um attraktiver zu werden.

Schule ohne Noten, nicht ohne Leistung

Die Kinder indes scheinen zufrieden zu sein. Die drei Sechstklässlerinnen, die sich mit ihren Arbeitsblättern ins Treppenhaus verzogen haben, haben nichts zu meckern. Als sogenannte Lernprofis dürfen sie auch außerhalb des Klassenzimmers arbeiten. Alle drei wählten zwischen Real- und Gemeinschaftsschule und entschieden sich der Nähe und des Konzepts wegen für Schwaikheim. Der Ganztagesbetrieb hat sie nicht geschreckt. „Meine Schwester besucht eine Realschule. Wenn ich heimkomme, macht sie noch Hausaufgaben. Ich habe dann frei“, sagt die elfjährige Amélie. Mittlerweile tagt ein Krisenstab. Eltern, die Schulleitung, die Verwaltung und das Staatliche Schulamt in Backnang beratschlagen, wie die Schule in Schwaikheim an Zugkraft gewinnen könnte.

Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) hat ganz andere Sorgen: Die nächste GMS ist im sechs Kilometer entfernten Möglingen. Für Kinder aus Eberdingen und Korntal-Münchingen ist das zu weit. Die Glemstalschule Schwieberdingen-Hemmingen brummt deshalb so sehr, dass es den Schulträger-Gemeinden zu viel wird. Sie wollten für dieses Schuljahr nur vier Fünferklassen zulassen. Doch das Land musste die Fünfzügigkeit anordnen. „Bei uns stehen die Schüler im Mittelpunkt“, so erklärt sich Sandra Vöhringer, die Rektorin der Glemstalschule, den Erfolg.

„Wir sind zwar eine Schule ohne Noten. Das heißt aber nicht, dass wir eine Schule ohne Leistung sind.“ Die Eltern werden konsequent einbezogen. So gibt es viermal im Jahr sogenannte Wir-Foren, bei denen Eltern und Lehrer besprechen, was es zu besprechen gibt. „Wir fühlen uns als Partner, nicht mehr nur als Kinderlieferant“, sagt auch die Elternbeiratsvorsitzende Anja Cruse.

Ludwigsburg wiederum hat sich als einzige Stadt im Land dafür entschieden, keine Schule umzuwandeln, sondern eine neue GMS zu gründen. Die ging im Sommer an den Start – mit fünf Fünferklassen, mehr als erwartet. Zwei Werkrealschulen gibt es noch, beide wollen auch Gesamtschulen werden. Ob Ludwigsburg für beide einen Antrag stellt, ist offen. „Wir müssen uns fragen, wie viele Gemeinschaftsschulen verträgt der Standort“, sagt der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried.

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