Gema in Kindergärten Wer singen will, muss zahlen

Von Hilmar Pfister 

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Gebührenpflicht für Lieder trifft Kindergärten unvorbereitet - Regelung ist bekannt.

Stuttgart - Die Harmonie in den Kindergärten ist dahin. Die Erzieher kopieren regelmäßig Liedtexte für die Kinder, doch jetzt werden Gebühren dafür fällig. Singen nur noch nach Finanzlage? "Das ist nicht logisch", sagen Experten und erwarten empörte Reaktionen aus den Kindergärten.

Noch ist es ruhig. So kurz nach dem Jahreswechsel haben die meisten Kindergärten geschlossen. Doch spätestens in ein paar Wochen dürfte der Protest lautstark anschwellen. Musikwerke zu vervielfältigen ist zwar seit Jahrzehnten verboten. Doch erst seit kurzem wird das so richtig klar. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte (Gema) hat alle Kindergärten und Kindertagesstätten im Südwesten angeschrieben. Inhalt des Briefs: Wer Liedtexte jüngeren Datums kopiert oder Kinder damit öffentlich auftreten lässt, muss Gebühren zahlen. Bis zu 500 Kopien kosten 56 Euro, bei 20000 Kopien werden 2224 Euro fällig. Doch das Geld ist nicht das einzige Problem. Die Gema verlangt von den Erziehern auch einiges an Verwaltungsarbeit. Sie sollen jedes Lied aufschreiben, das sie mit den Kindern bei Aufführungen singen wollen. Die kirchlichen Träger von Kindergärten haben mit zusätzlichen Gema-Gebühren die wenigsten Probleme. Die Kirchen haben mit der Gema bereits vor Jahren einen Pauschalvertrag abgeschlossen. Damit abgedeckt sind auch Feste und Feiern im Kindergarten. "Wir empfehlen jedoch, die Lieder für die Eltern nicht zu fotokopieren", heißt es bei der Kirche.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband, ein freier Träger, hat keinen Pauschalvertrag abgeschlossen. Ein Sprecher des Bundesverbands in Hamburg rät deshalb allen betroffenen Kindergärten, auf die Gema-Forderung "gar nicht zu reagieren". Sie sei unangemessen. Wie sich die kommunalen Träger verhalten werden? Sie könnten theoretisch auch einen Pauschalvertrag abschließen. Doch innerhalb der Evangelischen Kirche warnt man schon jetzt: "Die damit verbundenen Kosten sind nicht unerheblich."

Bei der Gema selbst reagiert man gelassen auf die Proteste. Man rechne damit, dass bundesweit etwa ein Drittel der Kitas die Verträge unterzeichneten

Die neuerlichen Gema-Forderungen, so viel steht fest, stoßen auf wenig Gegenliebe. "Da werden viele Fragen vonseiten der Kindergärten kommen", sagt Rudolf Vogt vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg. Auch er kann die Forderungen der Gema nicht ganz nachvollziehen. "Doch im Endeffekt", sagt Vogt, "führt kein Weg dran vorbei." Auch die Landespolitik ist besorgt. Die Forderungen der Gema könnten dazu führen, "dass die Kindergärten die öffentlichen Darbietungen ihrer Schützlinge einschränken oder gar einstellen", sagt der CDU-Abgeordnete Reinhard Löffler. Solche Befürchtungen treibt auch Politiker in anderen Bundesländern um - die Gema will sich Gebühren bei Kindergärten im gesamten Bundesgebiet holen. Berlin und Bayern arbeiten bereits an einem bundesweiten Vertrag. In Hamburg setzt die Sozialbehörde auf einen eigenen Rahmenvertrag, der bald kommen soll. Und in Baden-Württemberg? In der Landesregierung verweist man an die kommunalen Spitzenverbände. Die seien für Gema-Forderungen an Kindergärten zuständig. Doch bei den Spitzenverbänden, so berichtet das Kultusministerium, gebe es keine Überlegungen hinsichtlich eines Rahmenvertrags. Keine Probleme mit der Gema gibt es hingegen in Schulen. Die sind von Gebühren befreit, "sofern die Wiedergabe von Werken eine erzieherische Zweckbestimmung hat und nur einem bestimmten, abgegrenzten Kreis von Personen zugänglich ist", heißt es offiziell.

Dem Streit ums Singen in Kindergärten kann fast niemand etwas Positives abgewinnen. Außer einem: Walter Pfohl, Geschäftsführer der Stiftung Singen mit Kindern. Die Stiftung unter dem Vorsitz von Gräfin Sandra Bernadotte will das Singen in Familien, Kindertagesstätten und Grundschulen fördern. Nicht mit Geld, sondern mit Projekten. Die Stiftung bildet unter anderem Erzieher zu Sing-Mentoren aus oder veröffentlicht auf ihrer Homepage (www.singen-mit-kindern.de) jeden Monat mehrere Volkslieder. "Das Singen hat überall zugenommen, deshalb reagiert jetzt die Gema", sagt Pfohl. Es sei jedenfalls ein "gutes Zeichen, dass sich die Gema jetzt meldet".

Dass Kindergärten das Singen einstellen könnten - daran glaubt Pfohl nicht. "Singen ist ganz entscheidend für die emotionale Entwicklung eines Kindes." Ob "Alle meine Entchen" oder "Es ist ein Ros entsprungen": Wer in jungen Jahren viele Lieder beherrscht, tut sich später leichter mit Fremdsprechen - davon ist Pfohl überzeugt. Überhaupt: Nicht die Kindergärten seien dafür zuständig, dass Kinder genug singen. Die Weichen hierfür würden in der Familie gestellt, sagt Pfohl. "Heutzutage wird oft nur noch ein kurzes ,Happy Birthday' gegrölt, das war's." Wie es anders geht, zeigt die Stiftung auf ihrer Homepage. "Tragt in die Welt nun ein Licht", steht dort als eines der vorgestellten Lieder. Und drüber sprechen sollte man mit den Kindern auch. "Es ist passend, das Thema Licht und Dunkelheit zu erörtern", empfiehlt die Stiftung.

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Von red/dpa 27. Mai 2016 - 17:29 Uhr

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