Gegen den Kulturschock Inder schreibt Ratgeber für seine Landsleute

Von Kathrin Haasis 

  Foto: factum/Granville
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Menschen aus entfernten Kulturkreisen haben es in Deutschland nicht leicht. Es gibt ein paar goldene Regeln, an die sollte man sich halten, findet Gagan Syal, das mache das Leben leichter.

Sindelfingen - Im Nachhinein muss Gagan Syal über seine Naivität lachen. Aber als er bei der Immatrikulation an der Bochumer Universität einen Prospekt für homosexuelle Studenten bekam, fand er die Offenheit der Hochschule sehr ungewöhnlich. Als er ein paar Tage später ins Schwimmbad ging und im Duschraum alle Männer nackt waren, lief er schnell davon. „Wenn ich darüber vorher etwas gelesen hätte, wäre es kein so großer Schock gewesen“, sagt der 32-Jährige. Die indische Gesellschaft sei noch sehr konservativ: Dort zieht sich niemand vor fremden Menschen aus. Zehn Jahre sind seither vergangen, Gagan Syal ist promovierter Ingenieur und arbeitet bei Daimler. Nun kehrt er in die Heimat zurück – mit einem Buch für Landsleute im Gepäck, die sich ebenfalls nach Deutschland wagen. „Indian Curry with German Beer“ heißt das Werk.

„Sie waren groß, hatten breite Schultern, und ich wirkte daneben wie ein Zwerg“, beschreibt er darin seinen ersten Schreck nach der Landung, als er von zwei Kommilitonen abgeholt wurde. Seine Eltern waren ursprünglich gar nicht begeistert, von dem Wunsch nach Deutschland zu gehen. Sie leben in der Nähe von Neu-Dehli, sein Vater betreibt eine Möbelfabrik mit rund 40 Mitarbeitern. Einen Aufenthalt in den USA oder England hätten sie eher akzeptiert, dort wohnt Verwandtschaft. Aber ihr Sohn überzeugte sie mit zwei Argumenten: Für einen Maschinenbau-Ingenieur gebe es keine Alternative und für einen Fan von Mercedes-Benz erst recht nicht. Schon als Kind hielt Gagan Syal jeden Daimler für einen Glücksbringer. Wenn er eines dieser in Indien noch seltenen Autos mit dem Stern vor einer Prüfung auf der Straße entdeckte, schrieb er stets eine gute Note.

Logisch, dass der Inder in Deutschland ziemlich viel Glück hatte: Schon seine Masterarbeit verfasste er bei Daimler in Ulm, danach folgte die Promotion. Zwar ängstigte ihn sein Chef am Anfang etwas. „Deutsch ist nicht wichtig, Schwäbisch ist wichtig“, sagte der - und Gagan Syal hatte noch nie etwas vom Schwabenland gehört. Aber seine Karriere lief nahtlos weiter, seit dem Jahr 2012 hat er im Sindelfinger Werk an der Entwicklung der C-Klassse mitgearbeitet. Leicht war der Anpassungsprozess allerdings nicht, findet er, „es gibt 1000 Regeln“. Zum Beispiel sonntags nicht zu bohren, sonst beschweren sich die Nachbarn. Oder dass an der Kasse im Supermarkt niemand die Lebensmittel in die Tüte packt. „Ich habe darauf gewartet und die Menschen in der Schlange hinter mir haben mich angeschaut, als wäre ich ein Idiot“, erzählt er. Was in Indien üblich ist und in Deutschland gar nicht geht: Sich an fremde Autos zu lehnen oder seine Tasche auf der Motorhaube abzustellen er. Unpünktlichkeit ist unerhört und einen Klapps auf die Schulter kann man höchstens allerbesten Freunden geben. Vor Polizisten muss man keine Angst haben, heißt es in seinem Buch, und Bestechung ist tabu. Außerdem warnt er vor Kriminellen, die auf Ausländer spezialisiert sind. Als er im Internet eine Wohnung in Ulm fand, überwies er die Kaution, ohne sie vorher gesehen zu haben. Als er zu der Adresse kam, stand er auf einem Parkplatz.

„Wenn du nicht das richtige Buch findest, schreib es“: Diesen Satz hat Gagan Syal auf dem Frankfurter Flughafen entdeckt und in die Tat umgesetzt. „Indian Curry with German Beer“ lässt sich auf Amazon bestellen. Zur Buchpremiere am Freitag kam auch Sevala Naik, der indische Generalkonsul von München. Er will es Neuankömmlingen empfehlen.

Wenn Gagan Syal seine neue Stelle bei Daimler in Indien antritt, wird er sich auch erst wieder anpassen müssen. „Ich bin sehr direkt, wie ein Deutscher“, sagt er über seine Arbeitsweise. In Indien werde jedoch ganz anders kommuniziert, viel höflicher und umständlicher. Und während er in Deutschland wenigstens einmal am Tag ein indisches Curry-Gericht zum Überleben brauchte, wird er „in Indien 100-prozentig die Brezel vermissen“, sagt er – und das Bier.

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