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Gasthörer Kommilitonen mit grauen Haaren

Von Christian Ignatzi 

Gasthörer an der Universität Stuttgart sind häufig schon vor den Studenten im Hörsaal Foto: Leif Piechowski
Gasthörer an der Universität Stuttgart sind häufig schon vor den Studenten im HörsaalFoto: Leif Piechowski

Nirgendwo in Baden-Württemberg bilden sich so viele Gasthörer weiter wie an der Universität Stuttgart. Für die Studenten bedeutet das: Sie schwanken zwischen Ärger über überfüllten Hörsäle und Sympathie für ihre meist betagten Sitznachbarn – aus gutem Grund.

Stuttgart - Der Campus Stadtmitte an einem Dienstagnachmittag. Die Vorlesung in mittelalterlicher Geschichte beginnt erst in 20 Minuten, rund 100 Menschen haben aber im Hörsaal in der Breitscheidtstraße bereits Platz genommen, die offenen Hefte vor sich liegend. Die meisten von ihnen haben graues Haar und sind über 60 Jahre alt.

Vor allem in Geschichtsvorlesungen sind Gasthörer in der Überzahl. Zwei der eingeschriebenen Studenten sind Marie-Anne Schaible und Beate Dettinger. Das klare Verhältnis zugunsten der Gasthörer sei in ihren Vorlesungen nichts Besonderes. „Ohne sie wäre es hier ziemlich leer“, sagt Dettinger. Viele junge Kommilitonen blieben den Veranstaltungen fern, da sie lieber aus ihren Büchern lernen. Deshalb störe es sie auch nicht, dass so viele ältere Menschen mit ihnen in der Vorlesung sitzen. Im Gegenteil, findet sogar ihr Kommilitone Michael Weber: „Das ist gut, denn schließlich zahlen sie einen Großteil der Kosten unseres Studiengangs.“

Zumindest in den Geisteswissenschaften trifft das tatsächlich zu, wie Markus Lion vom Zentrum für Lehre und Weiterbildung erläutert. Bis zum vergangenen Herbst war er 15 Jahre für die Koordination der Gasthörer zuständig und kennt das System in- und auswendig. Er gibt zu, dass die Gasthörer wirtschaftlich einiges bringen: „Die Gebühren summieren sich auf rund 100 000 Euro pro Semester“, sagt er. „Damit finanzieren wir das Programmheft und Honorare für Dozenten.“ Darüber hinaus dürfen die Gasthörer nach freiem Ermessen darüber bestimmen, wohin das restliche Geld fließt. Und das kommt in der Regel dem Studiengang zugute, den sie besuchen. Auch was die Altersstruktur betrifft, trügt der Eindruck aus dem Hörsaal nicht. 84 Prozent der Gasthörer sind zwischen 60 und 79 Jahre alt. Das ergab eine Befragung, die die Universität Stuttgart 2010 unter den Gasthörern durchführte. Ihre Anzahl ist seitdem leicht gestiegen. Im Sommersemester 2014 waren rund 750 eingeschrieben. Im Wintersemester sind es knapp 1000. „Damit sind wir die Universität mit den meisten Gasthörern in ganz Baden-Württemberg“, sagt Lion.

Die Studienschwerpunkte der Gasthörer sind Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie. 75 Prozent besuchen Geschichtsvorlesungen. Das große Interesse daran hat unterschiedliche Gründe: „Ich war selbst Geschichtslehrer an einer Realschule. In der Pension möchte ich mein Wissen vertiefen und neue Erkenntnisse lernen“, sagt der 68-jährige Paul Sattler. Horst Rapp, 74, der neben ihm im Hörsaal sitzt, hätte damals selbst gern Geschichte studiert. „Ich wusste aber nicht, was man damit anfängt, deshalb ist es Jura geworden“, erzählt er. Heute hat er Zeit, sich seiner Leidenschaft zu widmen. Mit den Studenten, sagen die beiden Gasthörer, kommen sie gut aus.

Ein paar hundert Meter von der Breitscheidstraße entfernt sitzt die Studentin Christiane Braun in den Räumen der Fachschaft Geschichte. „Ich habe gehört, dass vor einer beliebten Vorlesung schon einmal einige Rentner im Mathekurs vorher saßen und dann sitzen geblieben sind“, sagt Braun und lacht. Das kommt vor allem dann vor, wenn der Professor beliebt ist. „Wenn man dann für eine mündliche Prüfung mitschreiben will und im Gang sitzt, ist das schon ätzend“, sagt die Studentin Marie-Anne Schaible. Immerhin: Manch einem Gasthörer ist das bewusst: „Wenn es vorkommt, dass ein Student wegen mir keinen Sitzplatz im Hörsaal bekommt, dann gehe ich vorher. Das ist in meinem Fall aber noch nie vorgekommen“, sagt Horst Rapp. Deshalb bleibt es in der Fachschaft Geschichte beim Grundtenor: „Ich finde es angenehm, wenn man in Seminaren mit den Gasthörern zusammenarbeitet und von ihrer Erfahrung profitieren kann“, sagt Christiane Braun. Bei manchen Themen seien sie schließlich Zeitzeugen.

Auch wenn sie also gern gesehen sind an der Uni, kostenlos ist ein Gasthörerstudium nicht. Für die Teilhabe am Uni-Leben müssen sie 150 Euro pro Semester zahlen. Dafür dürfen sie pro Woche fünf Veranstaltungen besuchen. Teilnehmen darf laut Landeshochschulgesetz de facto jeder, sagt Markus Lion. „Gebildet sollten die Teilnehmer aber schon sein.“ Die Universität freut sich dabei aber nicht nur über einen zusätzlichen Geldsegen. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass auch die Lebenserfahrung der meist betagten Gasthörer den Studenten helfen kann. Seit dem Wintersemester 2013/14 besteht deshalb das Projekt intergenerationelles Lernen. „40 bis 50 Teilnehmer gibt es schon, die dort voneinander profitieren und miteinander lernen“, sagt Lion. Ziel seien außerdem Zusatzqualifikationen wie ein Kommunikations- und Konflikttraining. „Wir haben uns ein Konzept des lebenslangen Lernens auf die Fahne geschrieben.“ Wer einmal an der Uni Stuttgart studiert hat, kann dadurch nach dem Arbeitsleben seine Berufserfahrung an die Studenten zurückgeben. Diese freuen sich darüber, solange ihnen ihre Mentoren keine Plätze im Hörsaal wegnehmen. Aber das, sagen alle Beteiligten, ist ja ohnehin die Ausnahme.

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