Gastbeitrag Roland Ostertag Streitfall Rosensteinpark

Von Roland Ostertag 

Roland Ostertags Vorschlag zur Erweiterung des Rosensteinparks Foto: Luftbild: Grohe/Montage: Ostertag
Roland Ostertags Vorschlag zur Erweiterung des RosensteinparksFoto: Luftbild: Grohe/Montage: Ostertag

Geht es um Stadtplanung, wird in Stuttgart gerne gar nicht oder sehr schnell gehandelt. Beides kann für den Umgang mit dem Rosensteinpark keine Anwendung finden. Ein Gastbeitrag des in Stuttgart lebenden und arbeitenden Architekten Roland Ostertag.

Die Ausgangslage

In Stuttgart ist die Verwertung des Rosensteins im Gespräch. Unmittelbarer Anstoß ist das dreiecksförmige, fast 50 Hektar große Areal des Rosensteinparks, das im Rahmen des Verkehrs- und Stadterweiterungsprojekts Stuttgart 21 als Rosensteinviertel beziehungsweise Rosensteinquartier – oder noch simpler als Areal B – bezeichnet wird.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird ­dieses Areal von der Bahn als Abstell-, Wartungs- und Reparaturbahnhof dem Rosensteinpark weggenommen. Das „frei werdende“ Gelände soll nach kürzlicher Aussage der Deutschen Bahn erst nach kompletter Fertigstellung und einwandfreier Funktion der Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart und damit 2024, nach Aussage der Stadtverwaltung erst ab 2026 oder später zur Verfügung stehen.

Das Areal ist uraltes höchstes Kultur­gelände, war Teil des historischen öffentlich zugänglichen Parkgeländes, des Rosensteinparks. Endlich könnte dann der Traum Wirklichkeit werden, dass Stuttgart sich nicht dem Neckartal nähert, aber wie ­Jahrhunderte vorher großzügig dem ­Neckartal öffnet.

Der Kurswechsel

Doch nun will die Stadtverwaltung Stuttgart mit der inhaltlichen Vorbereitung durch ­„informelle Beteiligung der Bürger“ mit der (Ver-)Planung des Geländes B noch in diesem Jahr beginnen. Nicht um es als Anstoß für eine Gesamtkonzeption zu betrachten.

Beantwortet werden soll vielmehr die Frage, was mit und auf den „bisherigen Gleisflächen“ entstehen soll, wie deren Verwertung durch Bebauung aussehen soll. Zum wiederholten ­Male wird in dieser Stadt auch die Ausrichtung einer internationalen Bauausstellung ins Gespräch gebracht. Warum ­diese Eile?

Annäherungen

Eine der Voraussetzungen für eine qualifizierte Antwort auf alle Fragen zu einer ­künftigen Gestaltung ist die Kenntnis der Geschichte des Rosensteinparks, zu dem auch das Areal des Reparatur- und Wartungsbahnhofs gehörte.

Der Rosensteinpark ist Teil der Geschichte der Perlenkette der Parks der Schloss­anlagen vom Neuen Schloss bis zum Neckartal. Doch seine Geschichte weist weit ­darüber hinaus.

Mindestens sieben historische Schichten weist unsere Stadt im Gründungsbereich der Stadt auf, die keltischen und römischen Schichten nicht einbezogen. Jahrzehn­tausende benötigte der Nesenbach für die Ausräumung des rund drei Kilometer langen Tals als einzige Öffnung aus dem Stuttgarter Becken bis zum Neckartal.

Diese sumpfige Wiesenaue entdeckte Herzog Ludolf von Schwaben (949/954) auf der Suche nach einem Ort, an dem er seine Pferde, damals die neue Kriegsindustrie, vor den Feinden verstecken konnte. Dies ist die erste Schicht der späteren Landeshauptstadt Stuttgart.

Mitte des 14. Jahrhunderts legten die ersten Grafen von Württemberg außerhalb ihrer Wasserburg Gärten an, die zweite Schicht. Der Herzogingarten neben dem Schloss (heutiger Karlsplatz), der kleinere Lustgarten, dritte Schicht in Richtung ­Neckar mit dem Alten Lusthaus (1554–1563). Vierte Schicht der größere Lustgarten und Neuem Lusthaus (1593). Durch diese verläuft heute die Schillerstraße – und künftig der Trog des Tiefbahnhofs.

Bewusste Konzeption

Mit Rettis Schloss als Ausgangspunkt wurden die Schlossanlagen, der spätere königliche Park, die fünfte Schicht, von Nicolaus Friedrich von Thouret (1767–1845) bis zum ­Neckartor geplant. Parallel zur Fertigstellung und Eröffnung des Unteren Schlossgartens 1812 wurde, von König Friedrich I. initiiert und von Wilhelm I. zügig fortgesetzt – er wollte eine Zeit lang Bad Cannstatt zum Regierungssitz machen –, der nächste Park-Abschnitt oberhalb der Unteren Anlagen begonnen. Der später nach der Lieblingsblume der Königin Katharina (1788–1819) Rosensteinpark benannt und im weiteren Verlauf zum größten englischen Landschaftspark im ­Süden Deutschlands gestaltet wurde.

Der Rosensteinpark

Während die tiefer liegenden Schlossgartenanlagen durch den Verlauf des Nesenbachtals und die umgebenden Hänge geprägt wurden, wurden von dem höher liegenden Rosensteinpark Sicht-, Bild- und Bedeutungsbeziehungen in die umgebende städtische und landschaftliche Umgebung konzipiert: in das Neckartal, das Remstal, das ­Nesenbachtal, zu den umliegenden Ortschaften, zu den umgebenden Hügeln und Bergen bis zur Schwäbischen Alb. Ebenso zu umgebenden Bauten – der Berger Kirche, der Villa Berg, der Grabkapelle auf dem ­­­Ro­tenberg, der Gaisburg.

Der Rosensteinpark des 19. Jahrhunderts dehnte sich durch seine visuelle und Bedeutungsverzahnung über seine unmittelbare Begrenzung aus. Damit besaß Stuttgart zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie keine andere Stadt einen Blütenstrauß unterschiedlichster Park- und Gartenanlagen, ein aufgeschlagenes Buch der Gartenhistorie, eine Perlenkette von Gärten und Parks vom Schloss bis zum Neckar.

Park wird Bauland

Die gesamten Anlagen mit Rosensteinpark umfassten in der Blütezeit im 19. Jahrhundert fast 150 Hektar. Doch sie wurden von den folgenden Generationen wenig geschätzt. Obwohl die Bevölkerung der Stadt seither um über das Doppelte anwuchs, hielt man es bis heute nicht für erforderlich, neue öffentliche Parks und Gärten anzulegen. Im Gegenteil, die vorhandenen wurden reduziert, überformt, vernachlässigt. Die Parks und Gärten wurden als Baulandreserve betrachtet, genutzt, missbraucht, man bediente sich ihrer.

Die Schlossgartenanlagen etwa wurden durch die Verbreiterung der umliegenden Straßen, der Querspangen, die Anlage eines Busbahnhofs, Ein- und Ausbauten der Bahn, der Post, des Landespavillons, des Planetariums, des Landtags Stück um Stück um mehr als 30 Prozent reduziert.

Dem Rosensteinpark erging es nicht besser. Die ursprüngliche Fläche von fast 100 Hektar wurde durch die anschließenden Straßen, die Erweiterungen der Wilhelma, den Einbau des Naturkundemuseums, die Aufgabe des Bellevueparks erheblich beeinträchtigt. Die radikalsten Eingriffe erfolgten durch die Bahn, allein die Auswirkungen der Verlagerung des Bahnhofs an der Bolzstraße und das Anlegen des Reparatur-, Wartungs-, Abstellbahnhofs und anderer Bahninfrastrukturen mit annähernd 50 Hektar reduzierten die Fläche des Rosensteinparks auf etwa die Hälfte.

Die Zukunft

Gebot der Stunde ist es, weitere Eingriffe in den Rosensteinpark nicht auszuführen. Die Betrachtung der Parks und Gärten als (stille) Baulandreserve muss der Achtung als ­Kulturgut ersten Ranges weichen.

Die Forderung nach mehr Wohnen in der Stadt kann nur Wirklichkeit werden, wenn gleichzeitig mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität angeboten wird. Entsprechend ­sollte die Situation als Herausforderung ­begriffen werden, als Beispiel endlich die im Besitz der Stadt befindlichen Parkanlagen, Park und Villa Berg, der einzige bürgerliche Stadtgarten des 19. Jahrhunderts, den frei werdenden Rosensteinpark innerhalb einer Gesamtkonzeption einer ihrer Lage, Vergangenheit, Zukunft, Aufgabe angemessenen Qualität zuzuführen.

Es bietet sich eine einmalige Chance. Doch ausgerechnet jetzt wird das eventuell frei werdende dreiecksförmige, fast 50 Hektar große Areal des Rosen­steinareals nicht ausersehen, endlich eine uralte Idee zu realisieren, sondern es ­kurzfristiger Verwertung zuzuführen. Oberbürger­meister Fritz Kuhn hat ja recht, wenn er sagt: „Bei dieser Entscheidung geht es ­darum, wie wir in Stuttgart leben wollen.“

Die Bürgerschaft ist aufgefordert, über die beste aller Alternativen nachzudenken – ein Gesamtkonzept. Ein Szenario, das unserer Stadt, das Stuttgart, der Stadt der Parks, der Gärten und des ­Wassers ­gerecht wird. Es geht darum, unsere Stadt wieder als Spiegel der Welt unserer ­Sehnsüchte, unserer Träume zu sehen, am Kulturstrom des Neckars.

 

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