Fußball und Politik Gibt es linken Fußball?

Von Joe Bauer 

Bayern-Star Paul Breitner trug in den  70er Jahren eine Revoluzzer-Afro-Mähne und ließ sich mit  Mao-Bibel fotografieren Foto: picture alliance
Bayern-Star Paul Breitner trug in den 70er Jahren eine Revoluzzer-Afro-Mähne und ließ sich mit Mao-Bibel fotografierenFoto: picture alliance

Bayern-Star Paul Breitner ließ sich mit Mao-Bibel fotografieren, der Brasilianer Sócrates rief auf seinem Trikot zu „Demokratie jetzt“ auf. Kolumnist Joe Bauer über Fußball mit Haltung.

Stuttgart - Die Frage „Gibt es linken Fußball?“ taucht regelmäßig auf, seit sich der mit Abitur gerüstete Bayern-Spieler Paul Breitner in den siebziger Jahren mit der „Mao-Bibel“ fotografieren ließ und Che Guevara als sein Vorbild nannte. Da Breitner auch eine Afro-Mähne trug, war er in der Ära der sich ausbreitenden Popkultur hierzulande wie geschaffen für das „Revoluzzer“-Klischee des Boulevards. Mit dem Spiel an sich hatte das nichts zu tun, dafür aber mit einer neuen Wahrnehmung des Fußballs, des traditionellen Arbeitersports, der jetzt auch Intellektuelle beschäftigte.

Ende der Siebziger verkündete Argentiniens Nationaltrainer César Luis Menotti, er befreie den Fußball von der „Diktatur der Taktik“ und dem „Terror der Systeme“. Diese Botschaft schien sich zu erfüllen, als sein Team 1978, während der Diktatur der argentinischen Folter-Junta, Weltmeister wurde (vermutlich auch dank verschobener Spiele). Rein fußballerisch setzte Argentiniens Trainerlegende auf einen durch und durch spielerischen Akt zur Freude des Volkes und proklamierte die Ideen der Befreiung, der Demokratie, der humanen Selbstverwirklichung.

Menottis Philosophie, linkes Gedankengut ins Spiel zu integrieren, war reizvoll, zumal der Fußball mit seiner enormen Popularität und ökonomischen Maßlosigkeit dem Turbo-Kapitalismus viel näher steht als den Ideen von Gleichberechtigung und Klassenlosigkeit.

Es geht um Fußball mit Haltung

Nach Menottis vorzugsweise verbalen Erfindung einer linken Spielweise, die auf dem Platz selten Konturen gewann, wandelten sich die Taktiken ununterbrochen: Wir erlebten den Individualisten-Kult der Maradonas und Zidanes ebenso wie den zerstörerischen deutschen Rumpelfußball, später die faszinierenden Alleskönner-Teams, in denen sich, wie in Barcelona und zeitweise in Jogi Löws DFB-Team, die Spielchoreografie in Richtung Kunst bewegt­. Es geht dabei um Fußball mit Haltung: „Eine Niederlage ist niemals ein Fiasko. Ein Fiasko wäre es, wenn wir auf unseren Stil verzichten würden . . .“, sagt Barcelonas Superstar Iniesta.

Kommen wir zur Ausstrahlung eines Fußballs, der durchaus Werte vermitteln kann, die historischem linkem, sprich: freiheitlichem, emanzipatorischem Gedankengut entsprechen. Das brasilianische Fußballgenie Sócrates (1954 bis 2011), Nationalspieler und Kinderarzt, kämpfte in den Achtzigern für Mitbestimmung im Verein und nutzte das Spielfeld als Podium der Agitation: Zusammen mit linken Kollegen lief er im Trikot mit der Aufschrift „Demokratie jetzt“ auf.

Solche Aktionen haben allerdings nichts mit einer linken Spielweise zu tun, sondern mit Fußball als Bühne. Wer sich als Linker der globalen Fußballkultur als Bestandteil des Lebens nähern will, muss die Texte des früheren argentinischen Nationalspielers­ Jorge Valdano lesen. 1986 schoss er im WM-Finale in Mexiko ein Tor zum 3:2-Sieg gegen das deutsche Team, später ging er als Spieler und ­Trainer nach Spanien, wirkte zuletzt als Direktor­ bei Real Madrid.

Jorge Valdano prangerte den Rassismus auf den Fußballplätzen an

Dieser kluge, ­literarisch bewanderte Intellektuelle und Poet, der die Schönheit des Spiels und das kollektive Erlebnis über den Erfolg stellte, analysierte in seiner 2004 erschienen Textsammlung „Über Fußball“ eine Entwicklung, gegen die wir vor allem heute zu kämpfen haben: „Der Rassismus, der die Straßen erobert, findet auf den Fußballplätzen seine Fortsetzung und beleidigt die Intelligenz und das Wesen jedes Sports.“ Die „widerliche Verachtung der Andersartigen, die zur Schau gestellt wird, um zu demütigen“, sei „schlicht und einfach ein faschistischer Akt“. Wer aus dem Spiel eine „Frage der Ehre“ mache und glaube, „dass ein Trikot ein Vaterland“ sei, pervertiere die Integrations­fähigkeit, den größten Wert des Fußballs. Auch wenn er selbst nie von linkem Fußball sprach, fand Valdano großen Respekt bei Linken: Er definiert seinen Sport als wichtige Brücke über alle Sprachgrenzen hinweg zu einem solidarischen Umgang der Menschen miteinander.

Warum die totale ideologische Vereinnahmung des Fußballs zum Glück fast nie gelingt, lehrt uns im Übrigen ein Satz aus der Franco-Diktatur: „Alle Faschisten sind Anhänger von Real Madrid. Aber nicht alle Anhänger von Real Madrid Faschisten.“

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