Stuttgart - Im März wird er 79, aber auf eine Frage weiß er noch immer keine Antwort. Warum trennte er die Menschen wie kaum ein anderer? Er senkt die Mundwinkel, zuckt mit den Achseln und brummt: „Sagen Sie es mir.“ Einleuchtend ist: Er wollte nie zu den Politikern gehören, die glattgebügelt wie ein weißes Hemd im Schrank der Geschichte liegen.
Es gibt Menschen, die ihn ungemein schätzen. Vielleicht so wie einen Traumpass im Fußball. Und es gibt solche, die seinen Namen so gern lesen wie den Mahnbescheid vom Finanzamt. „Du hast 150-prozentige Freunde“, beliebt sein Parteikollege Günther Oettinger zu scherzen, „und 150-prozentige Feinde. Und beide sind zu hundert Prozent überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen.“
Die Memoiren waren eigentlich nicht geplant
Solche Erkenntnisse haben den Rechtsausleger der baden-württembergischen Christdemokratie noch nie in die Depression getrieben. „Wenn ich angegriffen werde“, sagte er immer dann, wenn die Luft dünn wurde, „fange ich nicht an zu weinen.“ Fast 30 Jahre lang hat ihn die Rolle als Bad Boy der Landespolitik mehr herausgefordert als verdrossen. Und manchmal schien es, dass er erst dann zu großer Form auflief, wenn seine Gegner aus allen Rohren feuerten. Doch jetzt, da sein Leben auf die Zielgerade biegt, soll der Blick zurück keiner im Zorn sein.
Mit den Memoiren, sagt er, sei es eigentlich so gelaufen wie häufig in seinem Leben: „Das war so nicht geplant.“ Doch jetzt gibt es sie, aufgelegt mit 3000 Exemplaren und versehen mit der Skepsis des Beschriebenen: „Meine Güte, wer will das denn lesen?“
Jene vielleicht, die bis heute nicht davon zu überzeugen sind, dass sich hinter dem Markennamen MV mehr verbirgt als die mit Rolex-Uhr und Goldkettchen bewehrte Reizfigur, für die sie den Bonvivant der Landespolitik Zeit seines Wirkens hielten. Oder auch jene, die sich immerfort mit der Frage quälten, wie um alles in der Welt der Skandal-Hansel im Ministerrang allen Anfechtungen aus Politik und Sport widerstehen konnte.
MV spielte virtuos mit dem Netzwerk seiner Beziehungen
Mitte der 90er Jahre, als er in Verdacht geriet, dem Steuern hinterziehenden Tennis-Vater Peter Graf einen Promi-Bonus gewährt zu haben, hefteten sich 20 „Spiegel“-Rechercheure an die Fersen des hartleibigen Hauptmanns der Reserve. Eine Kerbe durften sie sich trotzdem nicht in den Schreibtisch ritzen. MV hat den öffentlichen Wirbelsturm genauso unbeschadet überstanden wie die Affären um Toto-Lotto, Schellenturm oder Südmilch. Nur einmal ging der alte Kämpe leicht in die Knie: Als unsere Zeitung enthüllte, dass der ehrenamtliche Präsident gegen Ende seiner 25 Jahre beim VfB die Hand aufgehalten hatte. „Ich muss zugeben“, gestand er später ein, „das ging an meine Ehre. Das hat mich tief getroffen.“ Nennenswerte Folgen hatte es nicht. „Meinen Skalp“, jubelte MV, „hat sich nie einer an den Gürtel gehängt.“
Der Jurist wusste immer, wie weit er unbeschadet gehen konnte, der Politiker spielte virtuos mit dem Netzwerk seiner Beziehungen, und der Mensch verstand es mit seiner Art von Umgänglichkeit auch in höchster Not, eine hinreichende Zahl von Helfern auf seine Seite zu ziehen. „Es war eine sehr intensive Phase meines Lebens“, sagt er heute, „aber alles hat seine Zeit.“