Für Ökostrom fehlen Kunden

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Fellbach. Beim Umstieg auf regenerative Energien kann es manchen Stadträten nicht schnell genug gehen. Die Stadtwerke sehen sich jetzt schon auf einem guten Weg. Von Gerhard Brien

Fellbach. Beim Umstieg auf regenerative Energien kann es manchen Stadträten nicht schnell genug gehen. Die Stadtwerke sehen sich jetzt schon auf einem guten Weg. Von Gerhard Brien

Ein Konzept für den Umstieg auf regenerative Energien bis zum Jahr 2025, das hat die SPD-Fraktion im Gemeinderat von den Stadtwerken Fellbach (SWF) gefordert. Die Stadtwerke befinden sich zwar auf dem richtigen Weg, räumte der Fraktionsvorsitzende Andreas Möhlmann ein, andernorts gingen die Stadtwerke allerdings einen Schritt weiter.

SWF-Geschäftsführer Thomas Mahlbacher hält einen kompletten Umstieg innerhalb von 14 Jahren für schwer realisierbar. Schon jetzt liege der Einsatz der Stadtwerke Fellbach für erneuerbare Energien "weit über dem, was branchenüblich ist". Mehr als 10 Millionen Euro haben die Stadtwerke in den vergangenen zehn Jahren investiert und damit ihren selbst erzeugten Ökostromanteil auf rund 8 Prozent des verkauften Stroms angehoben. Die Stadtwerke erzeugen etwa 2,4 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom in eigenen Fotovoltaikanlagen, außerdem 7 Millionen kWh in Blockheizkraftwerken und durch Turbinen in den Wasserhochbehältern. Weitere knapp 5 Millionen kWh produzieren die Windparks auf der Schwäbischen Alb.

Die Eigenproduktion steigt ständig. In diesem Jahr soll der Offshore-Windpark Baltic I in der Ostsee ans Netz gehen. An diesem Projekt haben die SWF einen Anteil von 500 Kilowatt Leistung, der etwa 1,9 Millionen kWh pro Jahr entspricht. Dieser Anteil reicht aus, um rund 550 Haushalte mit Strom zu versorgen. Um allerdings auch nur auf 60 Prozent erneuerbare Energien zur Stromproduktion zu kommen, müssten die Stadtwerke rund 80 Millionen Euro investieren, rechnet Thomas Mahlbacher vor. Die Bundesregierung wolle bis 2025 auf 40 Prozent kommen. Fragwürdig sei bei der Kalkulation der Regierung allerdings, dass ein Rückgang des Stromverbrauchs unterstellt werde, sagte der technische Werksleiter Gerhard Ammon; alle Erfahrungswerte deuten jedoch darauf hin, dass der Stromverbrauch weiter steige. Finanziell tragbar sei die Umstellung auf ökologische Erzeugung schon jetzt nur durch die Umlagen, die auf der Grundlage des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) bei den Stromkunden erhoben werden, erklärte Mahlbacher. Nur wenige Verbraucher zahlen freiwillig die Mehrkosten. Um mehr Ökostrom verkaufen zu können, fehlen dem Stadtwerke-Chef die Kunden. Unter 27 000 Stromlieferverträgen finden sich nur 183 für Ökostrom, weitere 106 Verbraucher in Fellbach beziehen Ökostrom von Fremdanbietern. Den größten Teil des Stroms aus Wasserkraft, den die SWF von einem Kraftwerk am Hochrhein bezieht, nimmt die Stadtverwaltung ab, etwa 500 Privatkunden könnten die Stadtwerke zusätzlich noch mit Strom aus Wasserkraft beliefern. Doch der überwiegende Teil der Verbraucher sucht die Energie so günstig wie möglich zu beziehen. "Würden wir nur Ökostrom anbieten", so Mahlbacher, "wie viele Kunden hätten wir dann noch?"

Derzeit vertreiben die SWF zwei Ökostromtarife: Aqua und Aqua S. Letzterer verlangt den Kunden 1,5 Cent pro Kilowattstunde zusätzlich ab, die für Projekte in Fellbach ausgegeben werden. Alle Kunden mit diesem Tarif können mitbestimmen, wofür das angesparte Geld ausgegeben wird. In der Vergangenheit wurden dafür beispielsweise Fotovoltaikanlagen auf dem Naturfreundehaus oder auf der Hönle-Ranch, dem Domizil des Nabu, finanziert. In diesem Jahr soll es wieder eine Versammlung der Aqua-S-Kunden geben.

In der gesamten Energiedebatte ist Strom aber nur ein Teil. Eine komplette Umstellung auf regenerative Energie würde auch den Wärmemarkt einbeziehen, also Erdgas und Heizöl. Erdgas könnte durch Biogas ersetzt werden. Bisher betreiben die Stadtwerke eine Biogasanlage auf dem Schmidener Feld. Sie liefert Energie für zwei Blockheizkraftwerke in den Schulzentren von Schmiden und Oeffingen, die zugleich Wärme und Strom erzeugen. Wenn allerdings Biogas in die allgemeinen Erdgasleitungen eingespeist werden soll, muss es zuvor teuer aufbereitet werden. Das ist derzeit noch unwirtschaftlich - der Preis für den Endverbraucher würde sich etwa verdoppeln, rechnet Mahlbacher vor. Interessant werde das erst, wenn Erdgas dauerhaft deutlich teurer werde. Weil das nicht absehbar ist, stockt auch die deutschlandweite Suche der Stadtwerke nach einer größeren Biogasanlage. Gewinne müssen damit nicht erzielt werden, versichert der Stadtwerke-Chef, aber eine "schwarze Null" sollte in der Bilanz schon stehen.

Dieses Ziel ist einfacher mit Blockheizkraftwerken (BHKW) zu erreichen, mit denen die Stadtwerke insbesondere bei Wohnbaugesellschaften auch außerhalb von Fellbach ins Geschäft kommen. Denn das Baden-Württembergische Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz verpflichtet Hauseigentümer bei einer Heizungserneuerung, mindestens zehn Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Das können Solarkollektoren oder Geothermie sein, doch auch mit einem BHKW lässt sich diese Vorgabe erfüllen. Derzeit betreiben die Stadtwerke 23 dieser Maschinen, die Strom und Wärme gleichzeitig erzeugen. Drei weitere sind im Bau.

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