Frauenförderung Eine Ideologie macht Karriere

Von Norbert Wallet 

An einer Kreuzung in Hamm (Nordrhein-Westfalen) regelt eine Ampelfrau den Verkehr – die Dortmunder Verwaltung soll nach dem Willen einiger Stadtpolitiker für mehr Gleichberechtigung an Fußgängerampeln sorgen Foto:  
An einer Kreuzung in Hamm (Nordrhein-Westfalen) regelt eine Ampelfrau den Verkehr – die Dortmunder Verwaltung soll nach dem Willen einiger Stadtpolitiker für mehr Gleichberechtigung an Fußgängerampeln sorgenFoto:  

Keiner weiß, wie viele Millionen Euro in Deutschland unter dem Deckmantel politischer Korrektheit in Frauenförderung und -forschung fließen. Wer daran Kritik übt, wird ausgegrenzt. Auf Dauer kann das nicht gutgehen. Erste Leid- tragende sind Jungs im Bildungssystem.

Berlin - Ihr ausgeprägter Sinn für sehr feine Ironie ist der vielleicht am wenigsten gewürdigte Zug engagierter Frauenrechtlerinnen. Ganz zu Unrecht. Es hat schon was, wenn die deutschen „Spitzenfrauen-Verbände“ (so bezeichnen sie sich selbst) das Bundeskabinett am Dienstag schriftlich auffordern, ausgerechnet an diesem Mittwoch die Frauenquote für die Führungsetagen von Konzernen zu beschließen. Heute! Am internationalen Männertag!

Männertag. Was macht man(n) da eigentlich? Na klar, was Männer halt immer so machen oder was Feministinnen so denken, was Männer so machen. Breitbeinig dasitzen eben, gönnerhaft einen Schluck auf die Emanzipation nehmen und ein paar Witzchen machen über die lustigen Auswüchse der Gleichstellungspolitik. Über Lann Hornscheidt zum Beispiel, Professorin an der Berliner Humboldt-Universität, die sich künftig mit „Professx“ansprechen lassen will. Die geschlechtsneutrale Form soll den Zwang ausschalten, sich einem Geschlecht zuzuordnen. Die x-Form solle deutlich machen, dass es noch mehr gebe als Frauen und Männer.

Oder über den Berliner Bezirk Kreuzberg, in dem eine Frauenquote für Straßennamen gilt. Diese hinderte das Jüdische Museum zunächst daran, seinen Vorplatz nach dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn zu benennen. Er heißt jetzt nach ihm und seiner Frau Fromet – und nach seinem Hund . . .

Nein, Letzteres ist ein missglückter Scherz. Macho-Scherz, klar. Kreuzberg, Kreuzberg? Richtig, das ist der Bezirk, der in öffentlichen Gebäuden auch Unisex-Toiletten eingeführt hat, für die große Zahl von Menschen, die sich beim drängenden Bedürfnis nicht zwischen den bisher üblichen Angeboten (immerhin zwei) entscheiden konnten.

Dürfen Männer wirklich darüber lachen? Sicher doch. Sie haben bei dem Thema sonst nicht mehr viel zu lachen. Keine Bundesbehörde ohne Frauenquote, keine Hochschule ohne Frauenförderplan, keine öffentliche Debatte ohne den politisch korrekten Bezug auf die „Gender-Problematik“. Womit wir beim Zauberwort sind, dem „Sesam, öffne dich“ für aufstiegsorientierte Frauen. Die Zauberformel heißt Gender-Mainstreaming. Was keiner versteht, und das ist vielleicht nicht das Schlechteste daran.

Gender – was ist das? Wer in Sachen Gleichberechtigung mitreden will, muss das wissen. Das Credo der „Gender-Studies“ist die Unterscheidung zwischen „sex“ und eben „gender“. Sex – das ist der nun mal nicht wegzuinterpretierende Unterschied in der biologischen Ausstattung von Männern und Frauen. Er ist – unwichtig. Eine Unterscheidung so bedeutend wie eine Einteilung nach Haarfarbe oder Sommersprossen.

Die eigentlichen Geschlechtsunterschiede sind dagegen sozial konstruiert, anerzogen, antrainiert, veränderbar. Männer und Frauen? Im Kern eine Konvention, eine Vereinbarung, ein auferlegter Zwang. Menschen haben vielfältigste sexuelle Orientierungen, und oft wechseln sie selbst in derselben Person. Einen prinzipiellen, wesensmäßigen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt es nicht. Das ist die Gender-Theorie. Ein bisschen schräg, könnte man finden. Die Lebenserfahrung spricht irgendwie dagegen. Die Befunde naturwissenschaftlicher Forschung auch. Aber die Lebenserfahrung ist halt auch antrainierte Konvention, traditionelle Wissenschaft „männerdominiert“.

Gender-Mainstreaming ist die Umsetzung dieser, nun ja, wissenschaftlichen Theorie in handfeste Politik. Es ist im Artikel 8 des Lissabon-Vertrags europarechtlich bindend festgelegt. Es ist „durchgängiges Leitprinzip von Regierungshandeln“, wie es auf einer Netzseite des Bundesbildungsministeriums heißt.

In keinem gesellschaftlichen Bereich kommt die Umsetzung schneller voran als an den Hochschulen. Es gibt heute 189 Lehrstühle an Universitäten und Fachhochschulen, die sich vollständig oder teilweise mit „gender studies“ beschäftigten. 66 akademische Zentren widmen sich Gender-Fragen. Dazu gibt es Graduiertenkollegs, Promotionskollegs und Forschungsverbünde. Eine Datenbank der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung führt darüber genau Buch. Kein anderer kultureller Themenkomplex hat ein so anwachsendes akademisches Interesse gefunden.

Was machen eigentlich all diese Forscherinnen, deren Arbeit wohlgemerkt durchgehend auf der unbewiesenen Annahme beruht, dass das Geschlecht „sozial konstruiert“ ist? Gibt es irgendeine Auswertung der Forschung, eine offizielle Bilanz dieser mit Steuergeldern betriebenen Forschung? Der emeritierte Hannoveraner Ökonomie-Professor Günter Buchholz wollte das genau wissen. Er nahm sich den Evaluierungsbericht 2011 der niedersächsischen Wissenschaftskommission vor, der die Gender-Projekte der Universitäten des Landes untersuchen sollte. Über das Ergebnis war er überrascht. „Man erfährt nicht, woran gearbeitet wird“, sagt Buchholz unserer Zeitung. Stattdessen gehe es auf über 80 Seiten darum, den Forschungsbetrieb noch effizienter finanziell abzusichern.

Das sechskopfige Expertengremium, das die Überprüfung vornahm, bestand aus sechs weiblichen Wissenschaftlern, die alle auch selbst, wenn auch nicht in Niedersachsen, über Gender-Fragen forschen. Buchholz: „Gender studies – das ist Forschung von Frauen über Frauen für Frauen.“ Da passt auch das gut ins Bild: Es gibt in Deutschland rund 2000 Gleichstellungsbeauftragte – bei Städten, Gemeinden, öffentlichen Verwaltungen. In NRW hatte ein Mann dagegen geklagt, dass seine Bewerbung gleich abgelehnt wurde, weil er keine Frau sei. Das Landgericht Arnsberg bescheinigte ihm, dass das auch so in Ordnung ist.

Professor Buchholz hat dann selbst einen Fragebogen entwickelt, um Antwort darauf zu bekommen, welches Selbstverständnis die Lehrstühle eigentlich haben, welche Themen sie beschäftigen. Er hat sie alle angeschrieben. Geantwortet hat niemand.

Man mag das für eine Art teurer akademischer Inzucht halten, aber im Grunde für harmlos, weil die Forschungen die Gesellschaft nicht erreichen. Nichts könnte falscher sein. Das haben gerade die baden-württembergischen Eltern erfahren, die gegen einen Bildungsplan aufstehen, der sich der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ verschreibt. Das ist eine direkte Ableitung der Gender-Theorie. Wenn die sexuelle Orientierung nur sozial konstruiert ist, dann muss die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie „entnormalisiert“ werden, wie es Uwe Sielert, der Vordenker dieser Richtung, formuliert. Dann müssen Kinder mit möglichst vielen sexuellen Welten in Kontakt gebracht werden, um sich selbst ihr Sexualmodell unbeeinflusst zu wählen.

Wie diese Entnormalisierung aussieht, kann jeder erfahren, der in München einen Familienpass mit ermäßigten Eintrittspreisen für bestimmte Veranstaltungen erwerben möchte. Auf dem Bild der Broschüre gehen zwei Familien ins Schwimmbad – einmal zwei schwule Männer mit Kind, das andere Mal ein lesbisches Paar mit zwei Kindern. Vater, Mutter, Kind? Nur irgendein Modell unter vielen. Nicht der Rede wert.

Der Münchner Pädagoge Clemens Schlegel forscht seit langem zum Thema Jungs in der Schule. Sie schneiden da nicht so gut ab. Mädchen bekommen im Schnitt bessere Noten, machen höhere Abschlüsse. Jungs dagegen werden häufiger verhaltensauffällig, wesentlich häufiger auf Sonderschulen abgeschoben. Was hat das mit der Gender-Theorie zu tun? Viel. Wenn man wie die Gender-Forscher glauben, dass Jungs auffallen, weil sie eine Männerrolle nachahmen, kann man sie umerziehen. Sollen sie sich doch anders benehmen. Wie Mädchen zum Beispiel.

Wenn man aber meint, dass Jungs eben aktiver, extrovertierter, lauter sind, weil sie anders sind – dann müsste sich die Schule auf die Jungs einstellen, statt sie abzuschieben. Clemens Schlegel: „Das Dogma, dass Jungs falsche Rollenbilder nachahmen, schadet ihnen erheblich. Wissenschaftlich ist das längst nicht mehr haltbar. Nur sagen darf man es nicht laut.“ Schlegel ist Schulpädagoge an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hält viele Vorträge über die Benachteiligung der Jungs. Als er in seinem Fachbereich einen Arbeitskreis genau zu diesem Thema installieren wollte, stieß er auf Widerstand. „Das wurde abgebogen. Das Thema sollte erweitert, der Aspekt von den Jungs weggelenkt werden.“

Ach ja. Eines doch noch: Gender-Mainstreaming – was kostet das alles eigentlich? Viel. Wie viel genau, kann keiner sagen. Oder will es nicht sagen. Unsere Zeitung hat beim Familienministerium nachgefragt. Offizielle Antwort: Gender-Mainstreaming sei eine Querschnittsaufgabe. „Kein Ministerium und keine Bundesbehörde kann daher Gelder ausgeben, ohne diese Verpflichtungen zu beachten. Aus diesem Grunde ist es praktisch unmöglich, den Anteil am nationalen Haushalt, der für diese Zwecke verwendet wird, zu berechnen.“

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