Fotoatelier Dittmar schließt Präsident Heuss wollte kein „Pfingstochse“ sein

Von Uwe Bogen 

Tanja Isecke, seit 1998 Chefin des Fotoateliers Dittmar, schließt eine Legende: Am Samstag verkauft sie von 10 bis 18 Uhr die Einrichtung des Studios  an der Tübinger Straße 3 Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Tanja Isecke, seit 1998 Chefin des Fotoateliers Dittmar, schließt eine Legende: Am Samstag verkauft sie von 10 bis 18 Uhr die Einrichtung des Studios an der Tübinger Straße 3 Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

1885 ist es eröffnet worden, das „Atelier Dittmar für künstlerische Bildnis-Fotografie“. Von Heesters bis Heuss – die Großen des Landes ließen sich gern an der Tübinger Straße ablichten. Mit Wehmut schließt Chefin Tanja Isecke das legendäre Studio. Die Digitalzeit nimmt keine Rücksicht auf alte Werte.

Stuttgart - „Mit aufrichtiger Freude“, so schrieb Ferdy Dittmar am 14. Februar 1953 an das Bundespräsidialamt in Bonn, habe er vernommen, dass man an höchster Stelle ihn als Fotografen für den Ersten Mann im Staat auserwählt hatte. Gern würde er der Aufnahme „etwas repräsentativen Charakter“ geben. Seine Idee: Theodor Heuss sollte im Frack und mit Ordensschärpe vor die Kamera treten – „das gütige Einverständnis des Herrn Bundespräsidenten voraussetzend“.

Ganz und gar nicht gütig fiel dessen Reaktion aus. Würde er der Bitte des Stuttgarter Fotografen entsprechen, ließ der Liberale mitteilen, würde er sich „wie ein Pfingst­ochse“ vorkommen. Den Vorschlag mit Frack und Schärpe habe er deshalb „strikt abgelehnt“, weil er doch nicht für die Textilindustrie fotografiert werden sollte. Einen Orden trage der Bundespräsident allenfalls bei Diplomaten-Empfängen und niemals nur, um eine „Dekorationswirkung“ zu erzielen.

Über 60 Jahre später befindet sich eine besondere Auszeichnung, gewissermaßen ein Orden für fotografische Höchstleistungen, im Atelier Dittmar: die Totenmaske von Theodor Heuss. Der 1963 verstorbene Altbundespräsident und dessen Familie hatten eine so enge Beziehung zu dem früheren „Hoffotografen“, wie man Ferdy Dittmar und dessen Vater Bernhard Dittmar aus Zeiten nannte, als noch Königs zum Fotografieren kamen, dass eine der sechs Totenmasken von Heuss in dem Fotostudio aufbewahrt ist.

Wie ein Museum der Fotografie erscheinen im ersten Stock der Tübinger Straße 3 die Atelierräume, von denen sich die letzte Dittmar-Chefin Tanja Isecke schweren Herzens trennt. Nun wird ein Ort geschlossen, der zur Stuttgarter Stadtgeschichte gehört.

Ausverkauf am 7. November

1998 hat die Werbefotografin das legendäre Studio übernommen – da war hochwertige Porträtkunst noch gefragt. Immer weniger Kunden kommen, immer öfter wird sie auswärts gebucht. So traurig die Fotografin über die Schließung ist, so sehr freut sie sich „auf neue, kreative Zeiten“ mit einem kleineren Studio ohne teure Innenstadtlage (siehe www.atelierdittmar.de). Am Samstag, 7. November, wird sie von 10 Uhr bis open end alte Requisiten, Kulissen, Fotorahmen und Bilder verkaufen. Ein Flohmarkt de luxe, der Liebhaber der Fotokunst begeistern wird.

Rudi Carrell, Johannes Heesters, Hans-Joachim Kulenkampff, Werner Fink, Inge Meysel – sie alle waren da. Aus allen Teilen der Republik kamen die Publikumslieblinge, um sich vom wohl renommiertesten Künstlerfotografen der 1950er und 1960er Jahre ablichten zu lassen, der viel zu früh gestorben ist – bei einem Flugzeugabsturz.

Bernhard Dittmar hatte 1885 in Stuttgart ein Fotostudio eröffnet, das 1920 in die Tübinger Straße gezogen und bis heute dort geblieben ist. Sohn Ferdy konnte den guten Ruf seines Vaters noch mehren. Wer die Räume betritt, die bis auf die Tapeten unverändert scheinen, spürt die besondere Aura, die sich erhalten hat. Eine Balgenkamera steht bereit, als würden gleich Oma und Opa im festlichen Gewand erscheinen, um sich, in ihre Jugend zurückversetzt, fürs Familienalbum verewigen zu lassen, von einem Fotografen, dessen Kopf natürlich unter einem schwarzen Tuch verschwindet. Der verschnörkelte Sessel in der Ecke ist auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme zu sehen, die an der Wand hängt – auf den hat sich Caterina Valente für ein Dittmar-Foto abgestützt. Auch der pompöse Spiegel schmückt das Atelier noch – vor dem stand einst ein Charmeur namens Johannes Heesters, bevor er ins Maxim ging.

Das Dreieck unterm Auge im Rembrandt-Licht

Tanja Isecke erklärt Dittmars Fototechnik, das Rembrandt-Licht. Vorbild war die Malerei. Bei diesem Licht ist nur eine Seite des Kopfes ausgeleuchtet, während die andere im Dunkeln verschwindet – lediglich ein charakteristisches Lichtdreieck zeichnet sich auf der Schattenseite unterm Auge ab.

Mit einem Bleistift sind auf den Negativen die Aufnahmen retuschiert worden – so konnten Augenringe, Pickel und abstehende Haare ohne Computer-Fotoshop verschwinden. Ferdy Dittmar hinterließ keine Kinder, die seine Arbeit fortsetzten. Mehrere Fotografen folgten ihm. Tanja Isecke muss nun als letzte Chefin den Schlussstrich ziehen.

Auch die Keller sind voll mit Dokumenten spannender Nachkriegsjahre. Am liebsten würde sie einem Museum die Schätze anvertrauen. Es sind Zeugnisse einer Zeit, als Menschen, die das Rampenlicht liebten, in einem vorteilhaften Licht zelebriert wurden. Den Fotografen reichten Schwarz und Weiß, um sehr viel zu zeigen. Damals wurden keine Selfies täglich tausendfach im Netz gepostet. Fotos waren noch Kunstwerke.

 

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