Forum Bildung Nicht einfach mehr vom Gleichen

Von Maria Wetzel 

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Wie sollten Ganztagsschulen organisiert sein, damit sie die Bedürfnisse von Schülern, Lehrern und Eltern erfüllen? Melden Sie sich kostenlos zu unserem Forum Bildung am 28. Januar an.

Stuttgart - „Seitdem wir die Ganztagsschule haben, sind unsere Schüler und Lehrer entspannter“, sagt Christiane Schwellinger. 2009 haben die Schulleiterin und ihr Kollegium in Leonberg die Gerhart-Hauptmann-Realschule zur offenen Ganztagsschule gemacht: Vormittags finden anstelle von sechs nur noch fünf Stunden Unterricht statt. Außerdem werden die meisten Fächer nicht mehr ein- sondern zweistündig unterrichtet, danach folgt eine 20-minütige Pause. Für die Schüler bedeutet das, dass sie weniger Fächer pro Tag haben und sich besser auf ein Thema konzentrieren können, für die Lehrer, dass sie weniger Klassen an einem Tag unterrichten und ihnen mehr Zeit für die einzelnen Schüler bleibt.

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Wegen der Entlastung am Vormittag haben die Schüler am Dienstag auch nachmittags Unterricht. An den anderen Tagen bleibt es ihnen überlassen, ob sie nach Hause gehen oder das Nachmittagsprogramm nutzen – eine Stunde Lernzeit, in der sie Hausaufgaben machen, Klassenarbeiten vorbereiten oder mit einem Lehrer Unverstandes wiederholen können. Danach können sie zwischen Sport, Musik, Kunst oder Experimenten wählen – Angebote, die teils Jugendbegleiter betreuen. In diesem Schuljahr machen täglich rund 150 Schüler von diesen Möglichkeiten Gebrauch, Tendenz steigend.

Auch die beiden benachbarten Gymnasien und die Werkrealschulen in Leonberg sind Ganztagsschulen. Im Herbst sollen die ersten zwei Grundschulen als Ganztagsschulen folgen, in den nächsten Jahren auch die übrigen. Das hat der Gemeinderat beschlossen und beim Land beantragt.

Seit Jahren steige der Bedarf an Ganztagsbetreuung in den Kindertageseinrichtungen, sagt Leonbergs Oberbürgermeister Bernhard Schuler. Viele Eltern wünschten sich ein solches Angebot auch, wenn ihre Kinder in die Schule kommen. Aber es geht ihm nicht allein um die Betreuung der Grundschüler. „An Ganztagsschulen bietet sich die Chance, Bildung, Erziehung und Betreuung als Einheit zu verstehen und in abgestimmten und vernetzten Konzepten umzusetzen“, so der Oberbürgermeister

In puncto Ganztagsschulen gehört Baden-Württemberg bundesweit zu den Schlusslichtern. Im vergangenen Schuljahr nutzten etwa ein Sechstel der Schüler Ganztagssangebote. Die grün-rote Landesregierung will den Ausbau beschleunigen. Sie sieht darin einen „wertvollen Beitrag zur ganzheitlichen Bildung, zur sozialen Gerechtigkeit, zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zu besseren Leistungen.“

Die frühere CDU-FDP-Koalition betrachtete die Ganztagsschule vor allem als Hilfe für Eltern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, und genehmigte sie zunächst nur in so genannten sozialen Brennpunkten. Mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums 2004 wurden dann auf einen Schlag auch an den Gymnasien Nachmittagsunterricht zur Regel.

Erst aufgrund internationaler Schülervergleiche wie beispielsweise die Pisastudie rückte beim Ganztagsangebot der Aspekt der Bildung stärker ins Blickfeld. Aus Sicht von Ivo Züchner vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt aber noch nicht genug. Nach dem Ausbau der Ganztagsschule müsse es jetzt noch mehr um das Thema Qualität gehen, sagt er. Denn in Nachmittagsangeboten komme die schulische Förderung für schwächere Schüler oder auch besonders Begabte zu kurz. Eine von ihm begleitete Ganztagsschulstudie ergab, dass vielerorts Sport und Bewegung, Computer, Musik und Gesellschaftsspiele in Vordergrund stehen. Von speziellen Angeboten in Deutsch und Mathematik berichteten weniger als ein Viertel der befragten Schüler, in anderen Fächern ist das Angebot noch geringer. Auch Hausaufgabenbetreuung durch Lehrer ist nicht überall selbstverständlich. Manche Schulen verzichten ganz darauf, andere überlassen sie Ehrenamtlichen, die nicht immer mit dem Schulstoff vertraut sind. Die Jugendbegleiter, die an vielen Schulen mitarbeiten, könnten zusätzliche Impulse von außen in die Schulen bringen –, die Lehrer aber nicht ersetzen, sagt Züchner.

Von der Organisation der Ganztagsschule hängt auch ihre Akzeptanz ab. Mehr vom Gleichen – der Halbtagsschule mit einem straffen Unterrichtsprogramm – lehnen viele Eltern ab. Zudem befürchten sie, dass ihren Kindern kaum noch Zeit für den Sportverein, die Jugendgruppe oder das Erlernen eines Instruments bleibt. Und auch Vereine haben teilweise Vorbehalte, weil sie um ihre jungen Mitglieder fürchten. „Solchen Angebote sollten in die Ganztagsschule integriert werden“, empfiehlt Ivo Züchner. Auch müssten die Schulen auch zu einem Lern- und Lebensort werden.

Die Gerhart-Hauptmann-Realschule und die beiden Gymnasien in Leonberg sind in diesem Punkt schon ein gutes Stück vorangekommen. 2009 wurde die Triangel-Mensa, die engagierten Eltern einst gründeten, erweitert. Jetzt können sich Schüler und Lehrer in einem heiteren Gebäude für den Nachmittag stärken.

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