Forum Bildung Hirnforscher warnt vor digitaler Demenz

Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer und der Stuttgarter Pädagoge Ulrich Groß über Frühförderung.

Stuttgart - Hirnforscher! Das klingt ein wenig nach Frankenstein und unheimlichen Experimenten. Aber auch nach Selbstüberschätzung, denn die Gedanken sind frei, oder? Wer den Ulmer Wissenschaftler Manfred Spitzer hört, kommt da ins Zweifeln. Zwar hantiert der Psychiatrieprofessor nicht mit dem Skalpell, sondern zieht Schlüsse aus Tests und bildgebenden Verfahren. Doch damit hat seine Zunft zuletzt mehr herausgefunden als ganze Ärztegenerationen zuvor.

„Im Scanner können wir sehen, welchen Buchstaben Sie gerade lesen“, verblüfft er die 500 Zuhörer unseres Forums Bildung im Stuttgarter Rathaus. Dem Gehirn beim Funktionieren zugucken, nennt er das und schwärmt: „Wir wissen heute Dinge, die hätten wir vor zehn Jahren noch nicht zu fragen gewagt.“

Nun gut, Spitzer ist kein Leisetreter und auch kein Stubengelehrter, der sich auf die Zunge beißt. Der Chef der Uniklinik für Psychiatrie ist vielmehr ein Wissenschaftsentertainer, ein Ranga Yogeshwar, der aus eigener Quelle schöpft. Manchmal zeigt er sogar kabarettistische Qualitäten, wenn er sich etwa an seinem Lieblingsfeind abarbeitet: dem PC im Klassenzimmer. Doch eigentlich schlägt er nur deshalb die Pauke, weil er will, dass seine Erkenntnisse in den Kinder-, Lehrer- und Ministerzimmern gehört werden.

In Kindergärten investieren

Je jünger der Mensch ist, desto besser lernt er, lautet eine davon. Das klingt trivial, doch Spitzer spinnt den Gedanken weiter: Wer wolle, dass die Menschen klug, wohlhabend, und, jawohl, glücklich werden, der müsse mehr in Kindergärten investieren: „Wir wissen, wie riesig dort die Bildungsrendite ist.“ Von einer Schule, die den Ernst des Lebens einläutet, hält er folgerichtig nichts. Spaß soll Lernen machen. Neugier zu wecken, hält er für das A und O: „Das ist nicht so dahergesagt, das kann man nachweisen.“

Bei Ulrich Groß, dem zweiten Gast des Abends, den unsere Bildungsredakteurin Maria Wetzel moderiert, rennt Spitzer damit offene Türen ein. Der Leiter der Stuttgarter Römerschule arbeitet schon seit Jahren eng mit Kindergärten zusammen, um einen gleitenden Übergang zu erreichen. Aber auch später dann im Klassenzimmer sollen sich die Kinder mit allen Sinnen entwickeln können, lautet sein Credo.

Bewegung ist wichtig, da sind sich der Pädagoge und der Psychiater einig, und natürlich Musik. Auch das richtige „Lernfenster“ sei wichtig, meint Groß, also der Zeitpunkt, wann ein Kind was lernt. Spitzer hakt ein: „Nicht wichtig ist der PC.“ Hier wird er fast missionarisch. „Die Welt per Mausklick zu erkunden ist keine gute Idee“, sagt er und bemerkt beiläufig, es lohne nicht mal, sich zu viele Gedanken über gutes Spielzeug zu machen. Lieber mit Kindern in den Wald gehen: „Da ist für jeden etwas dabei.“

 
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@Simone: Leider muß ich Ihnen widersprechen. Die Wissenschaft hat schon vor mehreren Jahren herausgefunden, daß übermäßiger Bildschirmkonsum (Fernsehen, PC) das Gehirn erweicht, um es mal laienhaft auszudrücken. Bereits vor rund 40 Jahren hat meine damalige Klassenlehrerin uns Schülern beigebracht, daß das geistige Training durch zu viel fernsehen verkümmert. Und die Aggressivität vieler Kinder und Jugendlicher kommt auch nicht von ungefähr!

Manfred Spitzer hat schon oft versucht abstruse Art und Weise Medien zu verteufeln. In seinem Werk „Vorsicht Bildschirm“ von 2008 schreibt er zum Beispiel: „Wären Bildschirme nie erfunden worden, dann gäbe es allein in den USA jährlich etwa 10.000 Morde und 70.000 Vergewaltigungen weniger.“ Das Zitat zeigt: Spitzers zugespitzte Aussagen sind oberflächlich und vorurteilsgeleitet. Ich als Lehrerin und Mutter kann dazu nur sagen, liebe Eltern, hört nicht auf diesen Demagogen. Gerade die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche so früh mit digitalen Medien umgehen, macht es so immens wichtig, dass sie auch in der Schule (oder sogar im Kiga) einen kompetenten und sicheren Umgang damit lernen.