Forum Bildung Appetitanreger für ein Bildungsmenü

Arnold Rieger, 29.01.2013 19:00 Uhr

Leonberg - Ach, wie schön ist doch die Kindergartenzeit – vor allem für die Eltern. Morgens geben sie den Nachwuchs in die Obhut der Erzieherinnen, nachmittags holen sie ihn wieder ab. In der Gewissheit, dass alle davon profitieren. Warum klappt das eigentlich nicht in der Grundschule?

Das fragt sich auch Leonbergs Oberbürgermeister Bernard Schuler oft. Zum Beispiel, wenn er Klagen hört, dass die Hortbetreuung nachmittags zu kurz ist. Oder wenn man ihn fragt, warum es keine Ganztagsbetreuung gibt. Dann wird ihm klar, dass sich in dieser Gesellschaft „etwas gravierend geändert hat“, wie er beim Forum Bildung unserer Zeitung in Leonberg sagt.

Deshalb hat Schuler das getan, was man von einem bürgernahen Politiker erwarten darf: Er hat zusammen mit Gemeinderat, Lehrern und Eltern die Ganztagsbetreuung in zwei Grundschulen auf den Weg gebracht – ab kommendem Herbst. „An der Lebenslage der Menschen anknüpfen“, nennt Schuler das vor 200 Gästen in der Mensa „Triangel“.

Wo tagsüber Hunderte Schüler Gyros mit wilden Kartoffeln und Nuss-Nugat-Quark mampfen, kaut das Publikum am Montagabend aber erst einmal an Wortbrocken. Fachleute unterscheiden nämlich zwischen offener, teilgebundener oder gebundener Ganztagsschule. Auf dem Podium sitzt deshalb ein Wissenschaftler, der das Fachchinesisch erklärt: Ivo Züchner vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt.

„Kinder brauchen mehr Zeit in der Schule zum Lernen“

Der Forscher lässt keinen Zweifel daran, dass seine Zunft Ganztagsschulen als vorteilhaft für Eltern und Schüler sehen – zum Beispiel unter dem Blickwinkel der persönlichen Zufriedenheit. „Ganztagsschüler haben weniger Schulangst als Halbtagsschüler“, sagt Züchner und beruft sich auf mehrere Studien. Wenn Ganztagsbetrieb dann noch bindend für alle ist („gebunden“), seien die Eltern noch zufriedener als bei der freiwilligen Teilnahme („offen“).

Damit dies alles anschaulich wird, bittet die Moderatorin des Abends, unsere bildungspolitische Redakteurin Maria Wetzel, um ein Beispiel aus der Praxis. Christine Schwellinger, die Rektorin der Leonberger Ger-hard-Hauptmann-Realschule, kann es liefern: „Wir haben uns vor fünf Jahren auf den Weg gemacht, weil wir gemerkt haben: Kinder brauchen mehr Zeit in der Schule zum Lernen.“ Nachmittags wählen die Schüler deshalb nicht nur aus einem bunten Strauß an Arbeitsgemeinschaften – vom Angeln übers Gitarre spielen bis zum Vivarium pflegen. Es sind auch Lehrer da, die sie bei ihrer „individuellen Lernzeit“ betreuen. Dann werden zum Beispiel die Hausaufgaben erledigt – aber nicht nur.

Vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung – mit dieser Trennung funktioniert Ganztagsschule allerdings nicht, lernen die Zuhörer. Und noch eins: Ohne die Bereitschaft und das Engagement der Lehrer, diesen neuen Zeitrahmen auszufüllen, geht die Sache ebenfalls schief.

Aber müssen es denn unbedingt Lehrer sein? Erfüllen ehrenamtliche Betreuer, sogenannte Jugendbegleiter, nicht denselben Zweck?, will die Moderatorin wissen. Züchner weist das nicht grundsätzlich von der Hand, ist aber skeptisch. Einzelne Kräfte, die zeitweise auf Honorarbasis arbeiten, böten nicht jene Verlässlichkeit, die Ganztagsschulen benötigen: „Wenn ich Schule langfristig entwickeln will, brauche ich dauerhafte Kooperationen.“

„Wir sehen in den Bildungsergebnissen keine Leistungsunterschiede“

Dass dies auch Vereine oder Musikschulen bieten, bestreitet Züchner allerdings nicht. Es gebe viele Modelle in Deutschland. Gute Schulen hätten zumeist einen Mix aus unterschiedlichen Lehr- und Betreuungskräften.

Nicht zuletzt hat das Ganze eine finanzielle Dimension. „Mehr Geld und mehr Lehrer!“, antwortet OB Schuler auf die Frage, was er sich von der Landesregierung wünsche, die das Ganztagsangebot spürbar ausweiten will.

Doch wer bietet nun den besten Unterricht – offene oder gebundene Ganztagsschulen? Unter pädagogischen Gesichtspunkten gibt Züchner keine Wertung ab: „Wir sehen in den Bildungsergebnissen keine Leistungsunterschiede.“ Die Trennung sei oft akademisch. Was am besten zu einem Standort passe, müssten Gemeinderat, Lehrer und Eltern regional vereinbaren.

OB Schuler hört das mit Genugtuung. Denn er ist überzeugt, dass die Freiwilligkeit am besten geeignet ist, um unschlüssige Eltern von dem neuen Konzept zu überzeugen. Dass es diese gibt, zeigen auch einige Wortmeldungen aus dem Publikum. „Ich hab das grundgesetzlich verbriefte Recht, mein Kind selbst zu erziehen“, argumentiert ein Vater und protestiert gegen jede Art von Zwang.

Vor allem Eltern in Süddeutschland befürchteten, der Staat mische sich zu sehr in Erziehungsangelegenheiten, ist Züchners Erfahrung. „Wenn man Akzeptanz schaffen will, muss man die Menschen mitnehmen“, lautet deshalb Schulers Rezept. Da Ganztagsschulen Neuland seien, dürfe man nicht auf Zwang setzen.

„Vorbilder sind gefragt“

Das bedeutet für Schuler allerdings nicht, dass die Eltern das pädagogische Komplettmenü für ihre Kinder nur von Fall zu Fall anrühren. Wer sich für die offene Ganztagsschule anmeldet, akzeptiere eine gewisse Verbindlichkeit – etwa für ein halbes Jahr oder für ein Jahr. Schuler: „Heute so, morgen so, das geht nicht.“

Dass Eltern dies bisweilen so handhaben, beklagt in der Diskussion eine Schulleiterin aus Böblingen. Manche hielten sich einfach nicht an verbindliche Anmeldungen. Auch mit den Jugendbegleitern seien ständig neue Absprachen zu treffen. Überhaupt sei die offene Ganztagsschule eine „kolossale Belastung“. Ihr Rat: Gebundene Ganztagsschulen, nichts Anderes.

Dass dies zögernde Eltern eher abschreckt, glaubt Züchner nicht: Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen zeigten, dass auch offene Ganztagsschulen als Bedrohung empfunden werden könnten. Nach dem Motto: Die Schule zerstört unsere Familie. Dem Grundkonflikt entgeht man mit Freiwilligkeit also offenbar nicht.

Am besten überzeugt das Modell seiner Ansicht nach mit einer guten Praxis: „Vorbilder sind gefragt.“ Dass Familien keineswegs unter Ganztagsschulen litten, werde sich herumsprechen. Wer sich in der verbleibenden Zeit seinen Kindern widme, könne diesen genauso viel Liebe und Zuneigung vermitteln, ist Züchner überzeugt: „Die Eltern machen das oft sogar bewusster.“ Das glaubt auch eine Schulbetreuerin, die selbst Mutter, ist. Vor allem für Kinder aus sozial schwierigen Familien sei dieses Modell ideal.

Schuler nennt „als Anwalt der Bürger“ noch einen weiteren Vorteil: Wenn das Kind um 17 Uhr nach Hause kommt, sind in der Regel die Hausaufgaben gemacht. Alles in allem seien Ganztagsschulen also ein „sinnvolles und wichtiges Angebot“. Überhöhen will er diese Schulform allerdings nicht. Glückselige Zustände werden man damit nicht erreichen.

Und noch eine Wahrheit will er an diesem Abend in der Triangel-Mensa aussprechen: „Es wird ein längerer Weg werden.“ Soll heißen: Die Ganztagsschule um die Ecke bleibt vorerst für viele Eltern Illusion.

 
 
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