Formel 1-Stars Hamilton und Rosberg Schmusekurs – aber nur mit den Fans

Von Jürgen Kemmner 

2014 und 2015 knallte es zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton heftig. In dieser Saison rechnet Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff mit weniger Zwist – obwohl er die Benimmregeln gelockert hat.

Stuttgart - Brille? Hamilton! Der schnellste Mann aus dem Formel-1-Stall von Mercedes ist immer wieder für eine kleine Überraschung gut, für einen Hingucker, für einen Aufreger. Bei der Auftaktveranstaltung in Fellbach, wo Mercedes am Freitag die Motorsport-Saison in der Formel 1, der DTM und der GT Masters einläutet, trägt der Formel-1-Champion eine Brille mit schmalem Rand und ziemlich großen Gläsern. Silberblick? Grauer Star? „Wirst du alt?“, lästert Nico Rosberg, sein wenig geliebter Teamkollege und sportlicher Erzfeind in Personalunion. „Ich kann bei dir ein paar graue Haare sehen“, schießt der Brite genüsslich zurück und stellt klar, dass er einfach nur seiner Laune nach noch mehr Coolness und Egozentrik nachgegeben hat. „Die Brille hat rein modische Gründe“, bekennt der 30 Jahre alte Engländer.

Es wird wieder gestichelt bei Mercedes, Lewis ätzt gegen Nico, Nico lästert gegen Lewis – so war das 2014 und auch 2015, und wenn am 20. März in Melbourne der erste Grand Prix der Saison 2016 beginnt, werden sich die beiden Silberpfeil-Piloten wieder mit allen Mittel auf und neben der Strecke bekämpfen, weil ja bekanntlich nur einer Fahrer-Weltmeister werden kann. Toto Wolff, der Mercedes-Motorsportchef und direkte Vorgesetzte der beiden, ist keinesfalls überrascht über das kleine verbale Scharmützel. Der Österreicher betont in seiner ihm so typischen österreichisch-englischen Sprachmelange, dass er normal sei, dass die beiden im Team „not schmusing around“ werden. Also, dass sie nicht auf Schmusekurs gehen werden, dass aber ein Kollisionskurs vonseiten Mercedes auch nicht erwünscht ist. „Eine Rivalität im Kampf um die WM ist ok, das ist normal. Wir wussten immer, dass es eine Rivalität gibt, wir schätzen diese Rivalität zwischen den beiden“, sagt Toto Wolff, der nicht glaubt, dass er in diesem Jahr als Schlichter deeskalierend eingreifen oder als Vorgesetzter kräftig dazwischen hauen muss. Lewis Hamilton und Nico Rosberg gehen in ihr viertes Jahr als Kollegen, und Wolff sieht das ungleiche Duo gereift genug, um den Teamfrieden nicht nachhaltig zu gefährden. „Der eine wird versuchen, den anderen zu schlagen“, betont Wolff, „beide haben aber den nötigen Respekt vor der Organisation hinterm Team.“

Der interne Verhaltenskodex im Rennstall wurde nicht um einige Paragrafen erweitert, sondern eher zusammengestrichen. Der deutsche und der britische Rennfahrer haben sich allmählich aneinander gewöhnt, fast wie ein älteres Ehepaar, das in seiner Beziehung schon zahlreiche Sträuße ausgefochten hat. Irgendwann zofft man sich nicht mehr lautstark, sondern jeder geht seinen Weg – und manchmal setzt man eben ein paar kleine Nadelstiche. „Das Verhältnis zu ihm“, sagt Nico Rosberg eine gute halbe Stunde später als er vor einer TV-Kamera ein Interview gibt, „das ist mal besser und dann mal wieder schlechter – es ändert sich ständig. Und mehr möchte ich dazu jetzt auch nicht mehr sagen.“

Nico Rosberg gibt sich zuversichtlich

Lieber spricht der gebürtige Wiesbadener darüber, dass es ihm gelingen könnte, endlich einmal Formel-1-Weltmeister zu werden. Die drei Siege in Serie zum Saisonende 2015 gaben dem 30-Jährigen ein gutes Gefühl über die Winterpause. „Es wird ein spannender Kampf, ich fühle mich gut“, sagt Rosberg und lächelt. Zuversicht verstrahlen, Selbstvertrauen demonstrieren.

Lewis Hamilton sieht nach dieser Aussage keinen Grund, eine kleine Bösartigkeit los zu werden. Er weiß, dass nun nüchterne Professionalität von ihm gefordert wird. Er spult im schwarzen Team-T-Shirt sein schon so häufig angewandtes Antwortenprogramm zur kommenden Saison routiniert herunter und erklärt, dass man erst in Melbourne feststellen könne, wie stark Nico Rosberg sein werde, dass Ferrari ein sehr ernst zu nehmender Gegner sein werde, und dass er sich selbstverständlich sehr auf den Saisonbeginn freue. Und weil man gerade so nett und brav im Plaudern ist, bemerkt Nico Rosberg : „Wir sind die großen Favoriten, wir müssen uns aber in acht nehmen, weil Ferrari einen Riesenschritt gemacht hat. Sie sind eine große Gefahr.“

Nach dem Medientermin in Fellbach mischen sich die Mercedes-Fahrer am späten Nachmittag noch unters schwäbische Volk – auf dem Stuttgarter Marktplatz ist eine kleine Bühne aufgebaut, darauf stehen die Formel-1-Stars Hamilton, Rosberg und Pascal Wehrlein sowie die acht DTM-Piloten und beantworten die Fragen von RTL-Moderator Heiko Waßer. Allerdings ist der Andrang überschaubar, ein paar 100 Menschen staunen über den hohen Besuch in der Stadtmitte – trotz des Formel-1-Weltmeisters, des Vizeweltmeisters und des aktuellen DTM-Champions. Der Grund: Mercedes hat die Aktion erst am Nachmittag übers Internet und die eigenen Social-Media-Kanäle bekannt gemacht, offenbar verbreitete sich die Nachricht vom Promi-Besuch nicht im Formel-1-Tempo. Nach der Fragerunde schreiben Nico Rosberg und Lewis Hamilton noch zahlreiche Autogramme, sie lassen sich gut gelaunt mit den Fans fotografieren – mit ihren Anhängern gehen die beiden Rivalen gerne auf Schmusekurs. Aber wirklich nur mit den Fans.

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