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Barcelona - Mercedes geht 2012 in die Formel-1-Saison als eigenständiges Team – nach zwei mageren Jahren erhöht sich der Erfolgsdruck, der erste Grand-Prix-Sieg ist fest eingeplant. Von den Resultaten dürfte auch abhängen, ob Michael Schumacher weiter zur Stange hält.
Auch der neue Silberpfeil hat ihn, den in der Formel-1-Saison 2012 modernen Nasenhöcker. Bei der Präsentation des Mercedes F1 W03 (Wagen 03), so die teaminterne Bezeichnung, fiel um 8.20 Uhr diese optisch gewöhnungsbedürftige Eigenheit selbst Beobachtern mit noch müden Augen sofort auf. Der Rennstall aus Brackley befindet sich mit dieser aerodynamischen Umsetzung des neuen Reglements in allerbester Gesellschaft – mit Ausnahme von McLaren haben alle übrigen Design-Ingenieure diese charakteristische Stufe in die Frontpartie der Autos integriert. Kurz vor halb neun hatten die Piloten in der Boxengasse des Circuit de Catalunya das schwarze Tuch vom Boliden gezogen, um 9 Uhr, mit Beginn der zweiten offiziellen Formel-1-Testsequenz, rollte Schumacher auf die Piste.
„Ich habe ja schon einige Roll-outs und Vorstellungen neuer Autos hinter mir, aber selbst nach all den Jahren fühlt sich das immer noch besonders an“, sagte Schumacher 26 Tage vor dem Auftaktrennen in Melbourne, „ich bin heiß auf neue Kämpfe, ich freue mich tierisch auf die neue Saison und kann es jetzt kaum erwarten, dass es wieder losgeht.“ Mercedes war das letzte der potenziellen Topteams, das seinen aktuellen Rennwagen vorstellte – schon im vergangenen Jahr hatte Motorsportchef Norbert Haug angekündigt, die erste Testserie in Jerez Anfang Februar im alten Fahrzeug zu absolvieren, um für die Entwicklung des W03 zusätzliche Zeit zu gewinnen. Schumacher, Rosberg und den Ingenieuren bleiben nun noch insgesamt sieben Testtage bis zum Saisonstart in Australien. „Wir sind so gut vorbereitet wie noch nie“, betonte Teamchef Ross Brawn.
Für Schumacher zählt nur Schnelligkeit
Das dürfte auch nötig sein. Denn 2012 wird für Mercedes ein entscheidendes Jahr in der Motorsport-Historie. Im dritten Jahr, in dem der Daimler-Konzern seit 2010 wieder ein eigenständiges Team in der Formel-1-WM stellt, sollten die Ergebnisse den Ansprüchen der Premiummarke Mercedes angepasst werden – und nicht umgekehrt. Im Debütjahr 2010 landete die Mannschaft um Haug und Brawn durchaus respektabel mit 214 Punkten auf Teamplatz vier. 2011 stand der Angriff auf die Top Drei Red Bull, McLaren und Ferrari im Pflichtenheft; eine Vorgabe, die allerdings deutlich verfehlt wurde – zwar rollte Mercedes wieder auf WM-Platz vier ins Ziel, doch die beiden Piloten sammelten nur 165 Punkte, also deutlich weniger Zähler. Der Silberpfeil rollte leicht rückwärts, anstatt sich energisch in Richtung Spitze zu bewegen.
Haug musste deshalb nicht lange um die Zielsetzung für 2012 herumreden. „Unser Ziel ist, eine Leistungssteigerung zu erreichen“, betonte der Stuttgarter, „das ist wie beim Bergsteigen. Man braucht Zwischenlager, von da aus kann man weiterklettern. Es geht nicht in drei Jahren in die Spitze. Natürlich wird man erst über die kommenden Wochen erkennen können, wie groß der Schritt ist, den wir gemacht haben.“ Der Erfolgsdruck steigt, das langfristige Ziel lautet: regelmäßiger Anwärter auf Rennsiege und den WM-Titel zu werden. In dieser Saison gilt zunächst die Light-Version – in einem der 20 Rennen soll der erste Grand-Prix-Erfolg eingefahren werden, zudem sollen Rosberg und Schumacher immer wieder aufs Podium. 2012 will Mercedes in die Schampus-Liga.
Nicht nur für den Rennstall als Gesamtheit, auch für die Verbindung Mercedes/Schumacher wird das Jahr richtungweisend – der Vertrag des Rekordweltmeisters läuft aus, und ob der 43 Jahre alte Kerpener noch ein Jahr dranhängt, ist ebenfalls eine der großen Fragen, deren Lösung in den kommenden Monaten ansteht. Vor allem wird die Antwort des Altmeisters davon abhängen, ob der Silberpfeil das nötige Potenzial besitzt, Schumi immer wieder in die Spitzengruppe zu fahren. „Ich denke, dass es anhand der Ergebnisse schnell, also nach fünf oder sechs Rennen, offensichtlich wird, in welche Richtung wir mit Michael planen. Er hat jedenfalls nicht gesagt, dass er mit dem Gedanken spielt aufzuhören“, erklärter Brawn.
Es darf bis zum Saisonauftakt noch über Menschen und Motoren spekuliert werden – auch die Zeiten der Testfahrten in dieser Woche sowie vom 1. bis zum 4. März in Barcelona werden der Öffentlichkeit wenig Aufschluss darüber liefern, ob der neue Mercedes nun ein Sieganwärter und ein echter Rivale für Red Bull sein wird. Zu unterschiedlich sind die Testprogramme der Teams, es bleibt im Verborgenen, wie viel Benzin die Autos an Bord haben und mit welchem Set-up sie unterwegs sind. Die Frage, ob der neue Silberpfeil nun schön ist oder nicht, wird Schumacher am 18. März in Montreal beantworten können. Bei der Präsentation meinte er dazu: „Ein Auto gefällt einem in der Hinsicht, ob es schnell ist oder nicht.“ Damit ist alles gesagt.
Wir stellen den neuen Silberpfeil im Detail vor und zeigen die Unterschiede zum Vorgängermodell. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie.