Stuttgart - Spektakuläre, pompöse mit Glitzerregen und reichlich Prominenz garnierte Präsentationen von Formel-1-Autos sind anscheinend endgültig Vergangenheit. Sie sind old-fashioned, wie die anglophilen motorsportbegeisterten Jungdynamiker sagen würden, also altmodisch. Erstens hat sich die gesamte Hochgeschwindigkeitsbranche ohnehin ein Sparsamkeitsgelübde auferlegt, sofern man diesen Ausdruck bei Saisonetats von 100 bis 150 Millionen Euro überhaupt benutzen darf. Zum anderen passt es in die Ära von Facebook, Twitter und Co., ein technisches Wunderwerk mit vier Rädern zielgruppengerecht im Internet vorzustellen.
Das Unternehmen Red Bull, schon immer mit mindestens zwei Ohren am Puls der Zeit, hat mit einem knapp 90-sekündigen Spot im Internet den neuen Dienstwagen von Sebastian Vettel weltweit gezeigt, und der zweimalige Weltmeister brennt schon auf die erneute Titelverteidigung. „Darauf hat man den ganzen Winter gewartet“, sagte Vettel nach der Vorstellung des neuen Fahrzeugs mit der Typenbezeichnung RB8, „es ist schön, rauszufahren und zu spüren, man hat wieder ordentlich Dampf unter der Haube.“ Der Heppenheimer schickte gleich auch einen spitzbübischen Gruß an Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone, der kürzlich in einem Interview eine erneute Red-Bull-Dominanz für 2012 befürchtete: „Ich hoffe, dass seine Befürchtungen eintreten.“
Vettel lässt Webber den Vortritt
Das Auto trägt keinen so extremen Nasenhöcker wie der am Freitag ebenfalls im Internet vorgestellte Ferrari, der Red Bull macht nicht so auf Nasenbär. Insgesamt ist das Fahrzeug angelehnt an den Wagen, der Vettel im Vorjahr zum zweiten WM-Titel seiner Karriere trug. „Ein paar Dinge haben sich geändert. Aber es ist nicht so, als sei das ganze Auto neu. Es ist nicht so, als müsste man die Gebrauchsanweisung 1:1 durchlesen, die meisten Dinge sind klar und selbsterklärend“, sagte der Hesse. Auch in dem überragenden Jahr 2011 hätten sich „die Schwächen rauskristallisiert, die man dann versucht hat, hoffentlich zu verbessern“.
Einen Namen hat Vettel noch nicht für sein neues Auto gefunden. „Wir sind schon auf der Suche“, beruhigte er seine Fans, „Bewerbungen sind willkommen. Letztes Jahr haben wir erst am Mittwoch vor dem ersten Rennen den Namen festgelegt. Ich glaube, dieses Jahr sollten wir etwas früher dran sein.“ In den vergangenen beiden Jahren hatten ihn Luscious Liz (die leckere Liz) und Kinky Kylie (die scharfe Kylie) zum Titel chauffiert. Vettel rechnet mit einem härteren Kampf um den Titel als 2011. „Ich glaube, das Feld rückt ein bisschen zusammen“, sagte er, „wir haben versucht, wenn es die eine oder andere Lücke gibt, die dann zu nutzen und noch mehr auf Details zu schauen, um so vielleicht den kleinen, aber feinen Unterschied zu machen.“
Der Titelverteidiger wird allerdings erst am Donnerstag ins Auto steigen – das wenig begehrte Privileg der Jungfernfahrt mit einem neuen Boliden wird Kollege Mark Webber zuteil. An diesem Dienstag beginnen die ersten Formel-1-Testtage der neuen Saison in Jerez in Andalusien, am Freitag ist Schluss. Die Tests, das wird in der Formel 1 aber immer altmodisch bleiben, finden auf einer realen Rennstrecke statt – und selbst in Zeiten des Web 2.0 nicht an einem Bildschirm mit einer Konsole.Stuttgart -