Filmschau Baden-Württemberg Ovationen für einen „Star der stillen Art“

Von Bernd Haasis 

Szene aus „Die Frau, die sich traut“ Foto: X-Verleih
Szene aus „Die Frau, die sich traut“ Foto: X-Verleih

Die Säle des Metropol-Kinos waren durchweg gut besujcfht, die Filmschau Baden-Württembergt hat so viele Besucher angelockt wie noch nie. Auffallend bei der Preisverleihung am Sonntagabend: Die große Dominanz der Ludwigsburger Filmakademie.

Stuttgart - „Ich bin nicht religiös“, sagt „Tatort“-Kommissar Richy Müller, „ich glaube an Gott, aber nicht an Religionen, in deren Namen schon viel zu viel Unheil angerichtet worden ist.“ Er ist am Samstag nach Stuttgart ­gekommen zur Premiere des düsteren ­Jugendfilms „Die schwarzen Brüder“ – und spielt darin einen Priester in Mailand, der als einziger Erwachsener Empathie für die Bergbauernsöhne aus dem Tessin hat, die in der Stadt als Schornsteinfegersklaven in die rußigen Kamine steigen müssen.

Den baden-württembergischen Filmpreis holte am Sonntag „Die Frau, die sich traut“ mit Steffi Kühnert als Schwimmerin über den Ärmelkanal. Ein verdienter Sieg für ein über weite Strecken stimmiges Beziehungsdrama. Regisseur Marc Rensing ist Absolvent der Filmakademie wie auch die Produzenten Rüdiger Heinze und Stefan Sporbert, die mit ihrer Firma Zum Goldenen Lamm in Ludwigsburg sitzen.

Der Preis für den besten Kurzfilm ging an „Meine Beschneidung“ von Arne Ahrens aus Hamburg nach einer Idee des Ludwigsburger Produzenten Ümit Uludag. Er ­erzählt mit feinem Humor ein Migrationsdrama: Der halbwüchsige Deutschtürke Ümit muss mit seinen Eltern in die Türkei, wo er sich mit seinem dortigen Cousin der Beschneidung nach islamischem Brauch unterziehen soll – für ihn ein Albtraum. Die Jungs geraten zunächst interkulturell aneinander, die pubertären Irrationalitäten sind präzise karikiert, und der Stuttgarter Kaan Aydogdu spielt die Hauptrolle mit Bravour. „Die ­Beschneidungsdebatte kam uns gerade recht“, sagt der iranischstämmige Teymour Tehrani, wie Uludag ein Ludwigsburger Absolvent, der den Film mitproduziert hat, „das ist die beste Werbung.“ Gedreht haben sie in Izmir unter schwierigen Bedingungen: „Wir mussten alles aus dem 600 Kilometer entfernten Istanbul holen, und wenn man nicht feilschen kann, ist man verloren.“

Auch der beste Dokumentarfilm kommt von der Filmakademie: Johanna Bentz zeigt im Diplomfilm „Die Verführungskünstler“ drei junge Männer, die in Seminaren lernen wollen, wie man Mädchen kennenlernt. In der Kategorie Animation gewann der Filmstudent Kariem Saleh mit „Ein kurzer Film über den Igel“ – ein verliebtes Stacheltier hat da Kommunikationsprobleme.

Der Star des Sonntagabends aber war ­Ehrenfilmpreisträger Walter Schultheiß (89), in „Global Player“ in diesem Jahr noch einmal in einer Paraderolle als schwäbischer Unternehmer zu sehen. Autor und Laudator Felix Huby, der für den stets geerdeten und bescheidenen Schultheiß viele Rollen geschrieben hat, charakterisierte ihn als „Star der stillen Art“ und sagte: „Egal, wie groß die Rolle ist – Walter Schultheiß gibt immer alles.“ Verdiente Ovationen im ausverkauften Saal für einen großen Schauspieler.

Was für erstaunliche filmische Werke der Nachwuchs zustande bringt, mit wenig Geld und viel Leidenschaft, hat einmal mehr der Jugendfilmpreis gezeigt. Alexander Bergmann, Waldorfschüler aus Überlingen, ­erzählt in seinem Kurzfilm „Momentum“ in stimmiger Filmästhetik von einer jungen Tänzerin und einem jungen Rennläufer, die in Krisen stecken, als sie sich begegnen. Sie mögen sich, streiten sich und verstehen schließlich, dass gerade Kontraste den Reichtum der Welt ausmachen. Bergmann bringt Yin und Yang auf den Punkt, wie es ein reifer Erzähler kaum schöner vermocht hätte. „Momentum“ lief schon in Cannes, in Stuttgart wurde er nun als bester Film und fürs beste Drehbuch ausgezeichnet.

Die Filmschau 2013 hat ihren großen ­Zuspruch nicht nur der Qualität der Filme zu verdanken, sondern auch Zielgruppenthemen: Die Ballett-Gemeinde war an zwei Abenden gut vertreten, und am Freitag ausverkaufte Denis Pavlovic vier Säle des Metropol-Kinos mit seinem Dokumentarfilm „Wo tanzen wir morgen?“. Er beleuchtet das Sterben der Stuttgarter Club- und Subkulturszene – die Clubs seien an diesem Abend leer gewesen, wird kolportiert. Großen ­Erkenntnisgewinn bringt der Film nicht, aber er erinnert schmerzlich daran, wie sehr zum Beispiel ein für alle offener Club wie die Röhre als Szenewohnzimmer fehlt.

Das jüngste Opfer ist ausgerechnet der Verein Filmbüro Baden-Württemberg, der die Filmschau veranstaltet – er muss Ende Januar 2014 aus dem früheren Filmhaus ausziehen. Die Landesbank, die streng genommen ja der Allgemeinheit gehört und ihr verpflichtet sein müsste, errichtet als Eigentümerin eine neue Büroburg, wo man in bester Innenstadtlage mit neuem Konzept auch ein Kulturquartier hätte schaffen können. Es werde wieder ein Film- und Medienhaus geben, das immerhin hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei der Filmschau-Eröffnung erklärt; es wäre ein Anfang, wenn es der Stadt gelänge, für dieses Projekt ein attraktives Fleckchen Innenstadt den Investoren zu entreißen und den Bürgern zurückzugeben.

Lesen Sie jetzt