Filmkritik: „Anomalisa“ Wie leicht einer das Gesicht verliert

Von Bernd Haasis 

Desillusionierter Motivationsguru:  Die Hauptfigur Michael in  Charlie Kaufmans sehr menschlichem Puppentrickfilm  „Anomalisa“ Foto: Paramount
Desillusionierter Motivationsguru: Die Hauptfigur Michael in Charlie Kaufmans sehr menschlichem Puppentrickfilm „Anomalisa“Foto: Paramount

Die Welt im Zerrspiegel der Animation: Charlie Kaufman, Drebuchautor von Filmen wie „Being John Malkovich“, lässt al Regisseur Marionetten grundsätzliche Fragen nach dem Dasein stellen.

Stuttgart - Wäre das Dasein nur ein Traum, könnte es aussehen wie in diesem Film. Mit einer ­bizarren Atmosphäre faszinierenden Unbehagens unterlegt Charlie Kaufman die Vortragsreise des Motivationsgurus Michael. An seinem Beispiel demonstriert er mit Marionetten satirisch die Belanglosigkeit eines Großteils des menschlichen Daseins.

Beliebige Bars, Hotelzimmer, Vortragssäle bilden die längst globalisierte Folie, vor der Michael sich bewegt. Die ganze Welt langweilt ihn, er sucht einen positiven Reiz, eine Inspiration. „Was bedeutet es, Mensch zu sein? Schmerzen zu haben? Was bedeutet es zu ­leben?“, fragt er ganz grundsätzlich und findet kaum Antworten in einer gleichförmigen Welt, in der die Dienstleistungsfiguren – ­Taxifahrer, Portiers – gleich aussehen und mit derselben Stimme sprechen. Mit einer Ex, die er einst sitzenließ, produziert Michael einen Eklat. Als Verheißung erscheint ihm die schrullige Lisa, die sich als Fan outet.

Sensibel und zerbrechlich wirken Figuren und Beziehungen

Alle Puppen haben geteilte Antlitze, ihre Züge erscheinen wie austauschbare Masken. Kaufman spielt motivisch damit: Wie leicht kann einem das Gesicht herunterfallen, wie leicht kann einer das Gesicht verlieren? Orte und Dinge wirken seltsam fremd in der überzeichneten Trickfilmkulisse. Ob Michael den Dampf vom Badezimmerspiegel wischt, auf der Suche nach einem Geschenk fürs Kind in einem Sexshop landet oder sich behutsam der schüchternen Lisa nähert – alles erscheint wie ein Abbild, real und surreal zugleich, gespickt mit Emotionen, Haltungen, Erwartungen. Um viel mehr als um die ­vordergründige Handlung geht es da. Sensibel und zerbrechlich wirken Figuren und Beziehungen, unter gleichförmiger Oberfläche brennt die Sehnsucht nach Gefühlstiefe.

Bei Trickfilm-Festivals wie jeden Mai in Stuttgart sind solche beunruhigenden Zerrspiegelungen unserer Welt regelmäßig zu sehen, in Spielfilmlänge im Kino eher selten – vor allem in dieser künstlerischen Konsequenz und Stimmigkeit. Der Trickfilmer Duke Johnson hat Kaufman geholfen, sein Drehbuch mit Stop-Motion-Technik zum Leben zu erwecken, stimmig bis in die ­Details einer mechanischen Sexpuppe, eines passenden TV-Programms, einer Albtraumsequenz in dubiosem Hinterzimmer. Lange Plansequenzen durch Türen und Gänge ­haben Johnson und Kaufman inszeniert, und in einer Szene spiegelt sich gar eine ­Puppe in den Augen einer anderen.

Der gesamte Film ist eine Anomalie

Mit Marionetten ist Ähnliches zuletzt den „Southpark“-Machern Trey Parker und Matt Stone gelungen. In „Team America“ (2004) machten sie sich anarchisch, laut und explosiv über die militärischen Allmachtsfantasien der ­Regierung George W. Bush lustig wie auch über das sozialromantische Friedensgeschwafel verwöhnter Schauspieler, die auf den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il hereinfallen. Kaufmans „Anomalisa“ wirkt da wie das kontrastierende Komplementärstück, ein stiller, melancholischer Kommentar zu Entfremdung und Einsamkeit.

Die Anspielung im Titel bezieht sich nicht nur auf Michaels verklärte Liebschaft: Der ­gesamte Film ist eine Anomalie. Er verdeutlicht, wie wenig Filmemacher die Möglichkeiten ihres Mediums ausschöpfen. Zu Recht ist er für den Trickfilm-Oscar nominiert.

„Denkt daran, es gibt für jeden jemanden da draußen“, sagt Michael. Es klingt, als wollte er vor allem sich selbst Mut machen, als ließe sich die Einsamkeit vertreiben mit gewichtigen Worten, die in der Praxis kaum jemand beherzigt. Spätestens aber wenn ­Lisa singt, scheint plötzlich alles wieder möglich.

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