Fettleibigkeit Übergewicht beginnt im Mutterleib

Von Christiane Neubauer 

Was die Mutter isst, kann das Gewicht des Kindes beeinflussen Foto:  
Was die Mutter isst, kann das Gewicht des Kindes beeinflussenFoto:  

Immer mehr Kinder sind fettleibig. Schuld daran ist unter anderem zu wenig Bewegung. Die Weichen fürs Dicksein werden aber bereits vor der Geburt gestellt.

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat Übergewicht. Bei den meisten haben die Gewichtsprobleme bereits im Kindesalter begonnen. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung ist jedes sechste Kind im Grundschulalter übergewichtig, viele sind sogar fettsüchtig, also adipös. Seit den 90er Jahren hat sich der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen verdoppelt. Mediziner haben dabei beobachtet: Wer schon als Kind dick ist, bleibt es meist sein Leben lang!

Deutschland hat also ein gewichtiges Problem. Gesundheitsämter, Mediziner und Krankenkassen setzen daher auf Prävention. Doch die ist oft genug nicht von Erfolg gekrönt. „Ein Kind wird nicht nur dann übergewichtig, wenn es sich falsch ernährt oder zu wenig bewegt. Die Ursachen von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter sind vielschichtiger“, sagt die Medizinerin Regina Ensenauer. So hat die Professorin für Experimentelle Kinderheilkunde an der Universität Düsseldorf anhand von Studien mit Mäusen herausgefunden, dass die Weichen dafür, ob man an Adipositas erkrankt, bereits im Mutterleib gestellt werden. „Wir haben gesunde Mäuse ausgewählt. Diese bekamen dann bereits vor der Empfängnis und während der Trächtigkeit fettreiches Futter. Sie wurden also dick. Die Jungen dieser fetten Mäuse haben wir dann von normal ernährten, schlanken Mäusen säugen lassen – und sie danach zeitlebens normal gefüttert“, erläutert Ensenauer.

Der Nachwuchs der dicken Mäuse setzte Fett an

Abgesehen von einem höheren Geburtsgewicht hätten sich die Jungen der dicken Mäusemütter zunächst nicht vom Nachwuchs schlanker Kontrolltiere unterschieden. Erst als die Tiere erwachsen waren, fielen Veränderungen auf: Der männliche Nachwuchs der dicken Mäuse setzte Fett an und hatte stark erhöhte Insulin- und Harnsäurespiegel. Deren Schwestern blieben schlank, sie hatten sogar ungewöhnlich kleine Fettzellen – aber einen übermäßig hohen Blutzuckerspiegel. „Beide Geschlechter zeigten also­ Fettentwicklungsstörungen, die auch nach mehreren Monaten mit gesunder Ernährung und ordentlich Bewegung nicht verschwanden“, sagt Ensenauer. „Dass die trächtigen Mütter fettes Futter bekamen, hat die Föten für den Rest ihres Lebens geprägt und krank gemacht.“

Wie stark diese Prägung ist, zeigte ein weiteres Experiment. Erneut bekamen trächtige Mäuse fettreiches Futter. Die Jungen wurden wieder von schlanken Ammenmäusen gesäugt. Danach bekamen die Mäuschen selbst fettreiches Futter. „Alle Tiere sind dick geworden – und die Weibchen mit den ungewöhnlich kleinen Fettzellen wurden noch dicker als ihre Brüder. Ihre Fettzellen waren in Warteposition und sind durch die fettreiche Kost erst richtig riesig geworden“, so die Wissenschaftlerin. „Ob wir ein erhöhtes Risiko haben, krankhaftes Übergewicht zu bekommen, entscheidet sich also meist schon im Mutterleib und in den ersten Monaten des Lebens.“ Unklar ist bislang, inwieweit sich diese spektakulären Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen.

Nicht nur Alkohol- und Zigarettenkonsum kann dem Fötus schaden

Doch erste Auswertungen einer von Ensenauer und ihrem Team geleiteten Langzeitstudie, bei der Gewicht und Entwicklung von Kindern stark übergewichtiger Mütter von der Geburt bis zur Einschulung dokumentiert und ausgewertet werden, deuten ebenfalls darauf hin, dass das Gewicht der Mutter zu Beginn und eine übermäßige Gewichtszunahme während der Schwangerschaft einen Einfluss auf die Entwicklung von kindlichem Übergewicht haben.

Ganz wichtig ist der Medizinerin, das Bewusstsein von jungen Frauen dafür zu schärfen, dass nicht nur der Konsum von Alkohol und Zigaretten, sondern auch überflüssige Pfunde ein Risiko für ihr Baby darstellen: „Die Ernährung während der Schwangerschaft muss noch viel mehr in den Fokus kommen.“ Jede dritte Frau im gebärfähigen Alter sei übergewichtig oder fettleibig. „Das ist erschreckend“, sagt Ensenauer. „Uns Medizinern bereitet dabei vor allem Sorge, dass die mit Übergewicht verbundenen Begleit- und Folgeerkrankungen weiter ansteigen werden.“ Im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin ist die Ärztin damit täglich konfrontiert: Minderjährige mit Bluthochdruck, Fettleber, Gicht oder metabolischem Syndrom, einer Kombination aus Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz. Viele Kinder haben zudem Defekte an Knien, Hüftgelenken und Füßen, manche werden von Gallensteinen geplagt oder leiden an Typ-2-Diabetes.

Die Folgen sind auch in finanzieller Hinsicht gravierend: In Deutschland stiegen die Gesundheitsausgaben laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr auf mehr als 300 Milliarden Euro. Laut Schätzungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird etwa ein Drittel dieser Kosten durch Krankheiten verursacht, die mit der Ernährung zusammenhängen. Ensenauer setzt sich deshalb dafür ein, dass werdende Mütter auch in Fragen der Ernährung gezielter beraten werden. Frauen, die sich ein Kind wünschen, rät sie, sich durch Bewegung und gesunde Ernährung fit zu machen für die Schwangerschaft: „Kurbeln Sie den Stoffwechsel richtig an!“ Schwangere sollten zudem ihre Gewichtszunahme kontrollieren: „Normalgewichtige sollten nicht mehr als 16 Kilo zulegen. Bei Adipösen sollten es nicht mehr als neun Kilo sein.“

Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, braucht es zwar weitere Studien. Doch Ensenauer ist sicher, dass es sich lohnt, wenn Schwangere auf ihr Gewicht achten: So werde den Kindern das Übergewicht nicht gleich in die Wiege gelegt.

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