FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke Auf der Suche nach Volksnähe

Von Bettina Hartmann 

Bisher galt er als kantig, als Rabauke. Rhetorisch versiert, menschlich eher distanziert. Doch will er bei der Landtagswahl erfolgreich sein, muss Hans-Ulrich Rülke sein unnahbares Image loswerden. Also versucht sich der FDP-Spitzenkandidat in Volksnähe.

Stuttgart/Pforzheim - Eindeutig sind sie nicht. Doch immerhin: „Die Umfragewerte machen Mut“, sagt Hans-Ulrich Rülke. In ihrem einstigen Stammland liegen die Liberalen bei Umfragen zwischen 6,5 und 8 Prozent. Nicht gerade komfortabel. Aber es geht aufwärts, ist sich der Fraktionsvorsitzende sicher: „Ich spüre, dass die Menschen Alternativen suchen und treffe viele, die sagen: Eigentlich wähle ich CDU, aber dieses Mal bekommen Sie meine Stimme.“ Viele Bürger vermissten das FDP-Element in der Politik, vor allem in der Mittelstandshochburg Baden-Württemberg.

Den Mittelstand hat der FDP-Spitzenkandidat, der seit 2006 im Landtag sitzt, denn auch an diesem Samstagmorgen im Blick. Bei der Ausbildungsmesse „Beruf aktuell“ in Pforzheim, somit einem Heimspiel, kommt er mit Firmenchefs und Ausbildungsleitern ins Gespräch, stellt Fragen, nimmt Bitten auf. Am Stand der Bäckerinnung soll er aus Teig eine Brezel formen. Rülke lehnt lachend ab: „Ich muss nachher noch Schaukochen. Das reicht.“ Da stehe ihm schon jetzt der Angstschweiß auf der Stirn. Er mischt sich lieber wieder unters Volk, schüttelt Hände, steht für Selfies bereit und wünscht den Azubis „weiterhin viel Erfolg“. Ob die wissen, wer da gerade mit ihnen geredet hat?

Rülke galt als heimlicher Oppositionsführer

Laut von der Stuttgarter Zeitung und dem SWR in Auftrag gegebenen Umfragen war Rülke im Januar 67 Prozent der Befragten unbekannt, im Februar waren es immer noch 53 Prozent, denen der Name nichts sagte. Dabei galt Rülke als Lautsprecher im Landtag, ja sogar als heimlicher Oppositionsführer. Meist rhetorisch brillant, zuweilen aber auch maßlos, aggressiv, rüpelhaft. Oder: „Mit Ecken und Kanten“, wie er es nennt. Und immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

SPD-Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid etwa verspottete er als „der kleine Nils“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann beschimpfte er als „Kunstfigur“. Und die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel hält er bestenfalls für naiv. Kein Wunder, dass ihm Gegner den Spitznamen „Brüllke“ verpassten - wozu auch seine strenge Igelfrisur passte.

Inzwischen trägt er das Haar länger und mit Seitenscheitel. Das gibt ihm weichere Züge, was auch der mokkafarbene Anzug und das zartrosa Hemd unterstreichen. „Bis vor kurzem hieß es, ich sei der Wilde, der Angreifer“, so Rülke. Er habe eben zuspitzen und polarisieren müssen, fügt er fast schon entschuldigend hinzu: „Nur so stieß die Botschaft auf mediale Resonanz.“ Inzwischen sei die FDP wieder präsenter - weshalb er sich zurücknehmen könne. Schubladendenken mag er ohnehin nicht: „Ich erfülle ungern Klischees.“ Dass er widersprüchlich wahrgenommen wird, findet er in Ordnung. „Es ist doch spannend, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und sich weiterzuentwickeln.“

„Wahlkampf funktioniert heute anders“

Dennoch heißt es auf einem seiner Wahlplakate: „Du kannst Rülke nicht ändern. Aber Rülke etwas im Land.“ Mag beides sein. Doch man wird den Eindruck nicht los, dass er auf der Suche nach Volksnähe ist. Rülkes Geburtstagsfrühstück. Rülke beim Filmdreh in Stuttgart. Rülkes Turnschuhe, mit denen der passionierte Läufer seine nächste Runde ankündigt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und vor allem im Online-Fotoalbum Instagram kann man den Wahlkämpfer beruflich wie privat quasi live in Aktion erleben - und seine menschliche Seite entdecken.

„Wahlkampf funktioniert heute anders. Man muss sich als Politiker stärker öffnen, denn die Bürger interessieren sich sehr fürs Private“, gibt der Liberale zu. Selbst seine Ehefrau Karin Kropp (46) bekomme mittlerweile Interviewanfragen. Alles drehe sich um das Bild, das in der Öffentlichkeit ankomme.

 

Der Wirbel, den er mit einem geposteten Jugendfoto verursachte, das ihn in neckisch-knapper Badehose am Strand zeigt, war ihm dann aber wohl doch nicht so ganz geheuer. „Die Agentur wollte mir das Image verleihen: Er ist fitter als die anderen.“ Gezündet habe die Idee nicht wirklich. Obwohl er noch heute so schlank wie damals sei - und sicherlich auch noch in die Badehose passe. „Doch das Ganze hat mir zum Wahlkampfauftakt eine gewisse Flughöhe verschafft.“ Und sei somit wichtig gewesen. Gibt es im Buhlen um Aufmerksamkeit Grenzen? „Ja, sicher“, betont Rülke. „Meine Kinder halte ich komplett raus. Sie sind absolut tabu.“

Die Familie sei ihm am wichtigsten. Auch wenn er seine Frau und die drei Söhne im Alter von sechs, elf und 14 derzeit kaum sieht. „Der Rülke, das ist halt ein Schaffiger, ein Arbeitstier“, sagt einer der Messe-Besucher in Pforzheim. So viele Termine wie er absolviere keiner. Wie viele es tatsächlich sind, hat Rülke nicht parat. Klar, es sind nicht wenige: „Aber das gehört nun mal dazu.“ Nichtstun ist ihm ein Graus. Einfach die Beine hochzulegen und den Tag genießen? „Das bin nicht ich.“ Und so beginnen seine Arbeitstage im Wahlkampf meist um 7 Uhr mit einem Waldlauf und dauern oft bis weit nach Mitternacht.

Dennoch: Politik macht Rülke Spaß, daraus zieht er seine Energie. „Wenn eine gute Fee käme und mich fragen würde, ob ich die zehn Wochen Wahlkampf noch mal erleben will, würde ich mit ja antworten.“ Dabei habe er eigentlich gar nicht vor gehabt, politisch Karriere zu machen.

Als Student tritt Rülke 1984 in die FDP ein

In Tuttlingen geboren, wächst er in Singen in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur studiert er Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte. Ein Schöngeist. 1991 promoviert er über Klopstocks Gottesbild und Poetik und hat eine Hochschulkarriere im Sinn. 1993 wird er Lehrer an einem Pforzheimer Gymnasium. Zur FDP kam er bereits 1984 als Student: „Das war keine Berufsentscheidung, sondern ein weltanschauliches Bekenntnis.“ Das Interesse habe in Konstanz sein Lehrer geweckt, der Soziologe und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf - „eine beeindruckende Persönlichkeit“.

Im Beruf stellte sich nach einigen Jahren Routine ein: „Und wenn das bei mir passiert, brauche ich die Veränderung.“ Also ging es für ihn „weg vom theoretischen Kritisieren der politischen Lage - und hin zum selbst Mitwirken und Gestalten“. Wer ihn auf dem Weg nach oben gefördert hat? „Ich habe mir alles selber erkämpft“, sagt Rülke selbstbewusst.

Vor der letzten Landtagswahl scheint dann gar der Posten als Wirtschaftsminister in greifbarer Nähe - in einer Wiederauflage der schwarz-gelben Koalition unter seinem Pforzheimer Freund, dem damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU). Doch Mappus verliert die Wahl. Und Rülke landet in der Opposition.

Glaubwürdigkeit ist ihm wichtiger als ein politisches Amt

Eine persönliche Niederlage? Rülke schüttelt den Kopf: „Es gibt Wichtigeres als politische Ämter.“ Glaubwürdigkeit zum Beispiel. Aber lockt nicht doch die Bundespolitik? Gut, vor einigen Jahren hätte er sich das vorstellen können. „Heute wollte ich das meiner Familie nicht antun. Die müssen so schon genug mitmachen.“ Außerdem sei er anspruchsvoller geworden: Ein Dasein als Hinterbänkler reize ihn nicht. Um ihn vielleicht doch schwach zu machen, müsse schon eine verantwortungsvolle Position winken.

„Ich konzentriere mich aber ganz aufs Land und den Wahlkampf.“ Für die Liberalen geht es schließlich um alles - um den Wiedereinzug in den Landtag, eventuell sogar mit Regierungsbeteiligung, und letztlich um den Fortbestand der Partei. Auf Rülke lastet immenser Druck. Es bleibt nur noch wenig Zeit, um die Wähler von sich und seiner Partei zu überzeugen. Etwa bei der Mechanikerzunft Zuffenhausen. Gerade mal 25 Gäste sind zum politischen Frühschoppen ins Weinlokal Klosterkeller gekommen, um den Spitzenkandidaten zu erleben. Vergeudete Zeit? „Überhaupt nicht“, sagt Rülke später im Auto und erläutert, wie wichtig solche Veranstaltungen sind: „Die Gäste, allesamt Mittelständler aus Zuffenhausen, sind Multiplikatoren.“

Bei der Mechanikerzunft in Zuffenhausen streut Rülke Witze in seine Rede ein

Im Lokal setzt er sich kurz an einen der Tische, bestellt ein kleines Apfelschorle, zupft am Ärmel seines Jacketts und scheint sich beim Smalltalk nicht so recht wohl zu fühlen. Dann beginnt seine Rede, gut 40 Minuten spricht lang spricht er ohne Manuskript über Bildung, Verkehrspolitik, den Ausbau von Breitband-Internetverbindungen, vor allem aber über Flüchtlingspolitik. Rülke analysiert, spitzt zu, schiebt zwischendurch Witze ein.

Etwa den vom Autofahrer, der im Auto hört, dass ein Geisterfahrer unterwegs sei und sagt: „Einer? Es sind Hunderte!“ Genau so ein Geisterfahrer sei derzeit Kanzlerin Angela Merkel. Sie habe in der Flüchtlingsfrage „alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte“. Den Einwurf eines Zuschauers, dass sich die FDP besser auf ihre eigenen Themen konzentrieren sollte, kontert Rülke mit: „Ich würde auch lieber über Wirtschaftspolitik reden. Aber ich kann den Wählern nicht vorschreiben, welche Themen sie zu bewegen haben.“

Die Flüchtlingsfrage treibe die Menschen nun mal um, die FDP könne das nicht ignorieren. Merkel habe die falschen Signale gegeben. Und seine Partei sei die einzige im Landtag, die das laut sage, die ihren Standpunkt klar mache. Alle anderen duckten sich weg.

Sicher, Deutschland brauche Zuwanderung - aber kontrollierte. Rülke plädiert daher für konsequentere Abschiebung, straffere Kontrollen an den Grenzen und für ein Zuwanderungsgesetz, damit diejenigen kommen, die „wirtschaftlich und gesellschaftlich benötigt werden“.

 

Der Schlussapplaus in Zuffenhausen ist lautstark. Einer der älteren Herren gratuliert: „Meine Stimme haben Sie. Und ich werde auch noch andere überzeugen.“ Seine Kollegen nicken zustimmend. Auch Rülke ist zufrieden. Auf dem Weg zur Stuttgarter Messe erklärt er im Auto den eigentlichen Reiz des Wahlkampfs: „Es geht darum, Stimmungen zu erspüren, sie aufzugreifen und darauf einzugehen.“ Das sei ihm hier doch „ganz gut gelungen“.

Durch den Kessel geht es hoch auf die Fildern. Der Kochtermin auf der Messe Intergastra steht an. Zuvor reicht es noch für Suppe und Salat zum Mittag. Eine Ausnahme, meist bleibe fürs Essen keine Zeit. „Zum Glück mag ich Brezeln“, sagt Rülke und grinst. Die würden nämlich bei den meisten Terminen gereicht. Am liebsten isst er jedoch Rinderzunge mit Blaukraut und Spätzle, gekocht von seiner Frau: „Das ist unser Familienessen, das mögen auch die Jungs sehr gern.“

Auf der Messe steht er beim Schaukochen unter anderem mit Cem Özdemir auf der Bühne, dem Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Mit einigen Kollegen aus anderen Parteien sei er befreundet, Grüne jedoch seien „eher nicht darunter“, hat Rülke vorhin im Auto erzählt. Im Wahlkampf sieht er das wohl nicht so eng. Da posiert er schelmisch grinsend mit Özdemir, legt den Arm um ihn, lässt die Szene vom jungen Mitarbeiter aus dem Wahlkampfteam fotografieren und auch gleich auf Instagram veröffentlichen.

Zwischen Wraps und Parteisitzungen

Rülke muss Kräuter-Creme fraiche zubereiten, für einen Wrap. „Schön in Achtern rühren. Das müsste Ihnen doch leicht fallen“, sagt die Moderatorin in Anspielung auf die Umfrageergebnisse. „Ich würde lieber Zehner rühren“, entgegnet Rülke. Nach einigem Geplänkel sind die Wraps fertig, die Politiker verteilen sie im Publikum. Und weiter geht’s im Wahlkampfprogramm des Spitzenkandidaten. Am Nachmittag und Abend stehen Sitzungen mit der Partei an.

Und wie sieht es nun aus mit einem Ministerposten? Rülke winkt ab. Stets werde ihm unterstellt, er sei scharf aufs Wirtschaftsministerium. Sicher, sollte ihm der Posten angeboten werden, stelle er sich der Herausforderung. Regieren um jeden Preis wolle er aber nicht, im Gegenteil: „Wenn ich unsere Inhalte nicht umsetzen kann, bleibe ich halt in der Opposition.“ Und damit zeigt Rülke dann doch wieder Kante.

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