Fahrtests für Ältere Wo, bitte, geht’s zum Senioren-Tüv?

Von Steve Przybilla 

In 2014 waren in 1400 Unfälle waren Senioren verwickelt. 60 Prozent davon verursachten sie selbst, ab dem 75. Lebensjahr waren Senioren sogar zu zwei Dritteln Unfallverursacher. Foto: fotolia
In 2014 waren in 1400 Unfälle waren Senioren verwickelt. 60 Prozent davon verursachten sie selbst, ab dem 75. Lebensjahr waren Senioren sogar zu zwei Dritteln Unfallverursacher.Foto: fotolia

Soll die Fahrtüchtigkeit von Senioren in Pflichttests überprüft werden? Diese Frage löst immer wieder hitzige Diskussionen aus. Zwar gibt es einige Angebote für ältere Verkehrsteilnehmer für einen solchen Check. Doch es ist nicht leicht, das passende zu finden.

München/Stuttgart - Wenn es um den „Senioren-Tüv“ geht, sind die Fronten verhärtet. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob hochbetagte Verkehrsteilnehmer zu regelmäßigen Tauglichkeitstests verpflichtet werden sollten. Ein Blick auf die Unfallzahlen älterer Verkehrsteilnehmer zeigt das Dilemma: Obwohl ein Viertel der 65 Millionen Führerscheinbesitzer in Deutschland 65 Jahre und älter ist, sind sie an nur zwölf Prozent der Unfälle beteiligt.

Allerdings legen ältere Autofahrer auch weniger Kilometer zurück – was die Verkehrssicherheit beeinflusst, wie es beim Institut für Straßen- und Verkehrswesen an der Uni Stuttgart heißt. So krachte es allein auf Stuttgarts Straßen im vergangenen Jahr mehr als 26 000 Mal. In 1400 Unfälle waren Senioren verwickelt, 60 Prozent davon verursachten sie selbst, ab dem 75. Lebensjahr trugen Senioren sogar zu zwei Dritteln die Schuld.

Tatsächlich sind aber viele Senioren durchaus willens, ihre Fähigkeiten in Sachen Autofahren überprüfen zu lassen – so wie es in Nachbarländern wie Dänemark oder der Schweiz seit langem üblich ist. Bei einer aktuellen Umfrage der Dekra unter 1000 Verkehrsteilnehmern sprachen sich 64 Prozent der über 60-Jährigen für eine Pflichtuntersuchung aus. Für einen freiwilligen Test plädierten sogar 69 Prozent.

Für die Fahrtests für Senioren gibt es keine einheitlichen Kriterien

Doch wer sich zum Gesundheitscheck durchringt, weiß oft nicht einmal, wo ein solches Angebot überhaupt zu finden ist. Weil einheitliche gesetzliche Regelungen fehlen, haben Verkehrsclubs, Fahrlehrerverbände oder Prüforganisationen wie Tüv oder Dekra eigene Angebote, bei denen aber unterschiedliche Fertigkeiten angeboten werden.

Friedrich Gresser kennt das Problem. Der Münchner ist 77 Jahre alt, fühlt sich eigentlich fit – auch als Autofahrer. Dennoch möchte er sich nicht auf seine eigene Einschätzung verlassen. Also wandte sich Gresser an die Stellen, die er für zuständig hielt – und erhielt unterschiedliche Angebote. Der Hausarzt machte es kurz und bescheinigte ihm einen guten Gesundheitszustand. Beim ADAC hatte er ebenfalls angefragt: Dort gibt es Sicherheitskurse auf einer Übungsanlage, in denen vor allem Einparken und Rangieren geübt werden.

Seit 2014 gibt es auch die Möglichkeit, zusammen mit dem ADAC und dem Fahrlehrerverband einen Fahr-Fitness-Check zu machen. Bei diesem Angebot kommt ein Fahrlehrer nach Hause und fährt als Beifahrer auf der Hausstrecke mit. „Die anschließende Beurteilung über die Fahrtüchtigkeit erfolgt absolut vertraulich“, sagt der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg, Jochen Klima. „Wir melden das Ergebnis nicht den Behörden.“ Seit Bestehen des Angebots haben es schon mehr als 100 Autofahrer im Rentenalter genutzt: Für Klima ein „ordentliches Ergebnis“, schließlich sei dies ja ein freiwilliges Angebot, das obendrein noch Geld kostet, nämlich zwischen 49 und 69 Euro.

Gesundheitschecks sollten alle fünf Jahre wiederholt werden

Friedrich Gresser hat sich entschieden, am Gesundheitscheck der Dekra teilzunehmen. Dieser orientiert sich an der gängigen medizinisch-psychologischen Untersuchung, im Volksmund „Idiotentest“ genannt, ist aber speziell auf Senioren zugeschnitten. Zu Beginn sollen die Teilnehmer zunächst eine Selbsteinschätzung abgeben. Anschließend wird diese bei einem computergestützten Reaktionstest und einer ärztlichen Untersuchung mit der Realität verglichen. Tatsächlich schneidet Gresser in allen Punkten gut ab, beim Reaktionstest sogar besser als so mancher junger Teilnehmer.

Auch die Hör- und Sehwerte stimmen; in Blut und Urin sind keine Auffälligkeiten zu erkennen. „Teilnehmer sollten aber bedenken, dass wir hier nur den Ist-Zustand erkennen“, mahnt Psychologin Heike Breuer. „Gerade im höheren Alter können sich die Werte schnell verändern.“ Die Deutsche Gesellschaft für Verkehrspsychologie empfiehlt daher, den Gesundheitscheck ab dem 60. Lebensjahr alle fünf Jahre zu wiederholen, ab dem 70. Lebensjahr alle 24 Monate.

An der Uni Würzburg wird ein Fahrsimulations-Training entwickelt

Doch solche Forderungen erscheinen wenig realistisch, wenn man bedenkt, welche Kosten für den freiwilligen Senioren-Tüv anfallen. So verlangt die Dekra 230 Euro, während ein ähnliches Programm beim Tüv 149 Euro kostet. Friedrich Gresser sieht darin eine gute Investition, würde den Test aber nicht wiederholen: „Das ist mir zu teuer.“

Dabei gebe es durchaus schon eine Möglichkeit, die Tests auf Fahrtauglichkeit zu vereinheitlichen – mit Hilfe eines Simulators. So ist man beim Verkehrswissenschaftlichen Institut in Würzburg dabei, ein Simulator-Training zu entwickeln, das auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten ist. Anhand von realen Unfallschwerpunkten könnten knifflige Situationen geübt werden: Vorfahrtsregelungen, Kreuzungen, das Auffahren auf die Autobahn. „In diesem Bereich gibt es momentan noch eine Forschungslücke“, sagt Projektleiterin Ramona Kenntner-Mabiala. Dabei bestünden durchaus Möglichkeiten, das Programm auszubauen, etwa mit einer Krankenkasse als Kooperationspartner. Bisher habe aber noch niemand Interesse bekundet.

Das empfiehlt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR):

Medikamente: Fahrer, die Medikamente einnehmen, sollten sicherstellen, dass diese nicht ihre Fahrtauglichkeit beeinflussen.

Sehtest: Autofahrer ab 40 Jahren sollten einmal im Jahr ihre ­Sehschärfe bei Dämmerung und Nacht ­überprüfen lassen.

Hörtest: Ab 60 Jahren wird das Gehör zunehmend schwächer und sollte alle zwei Jahre überprüft werden.

Reaktionstest: Ab 60 Jahren empfiehlt es sich, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit regelmäßig testen zu lassen. Zuständig dafür sind unter anderem Begutachtungsstellen für Fahreignung.

Fahrstunden: Wer lange nicht gefahren ist, kann eine Auffrischung der Verkehrsregeln und eine Probefahrt in Fahrschulen buchen. Auf Übungsplätzen können brenzlige Situationen in einer sicheren Umgebung geprobt werden, etwa beim Fahrlehrerverband. Verkehrsklubs wie der ADAC bieten Sicherheitstrainings an, bei denen etwa die Vollbremsung auf nasser Fahrbahn geübt wird.

Adressen: Der Tüv Süd bietet einen ­Fitness-Check an. Zuständig sind die ­Tüv-­Begutachtungsstellen für Fahreignung: 07 11 / 9 07 11 80, http://www.tuev-sued.de/uploads/images/1330008981849712590070/fitness-check-senioren-tuev-sued-life-service.pdf. Fahrpraktisches Training vermittelt der ­Fahrlehrerverband Baden-Württemberg, 07 11 / 8 39 87 50, http://www.flvbw.de/04-Infos-VkTN/FahrFitness-Check.htm Infos über den Fahrsicherheitskurs beim ADAC gibt es hier: 07 11 / 28 00 2 12 97, https://www.adac.de/produkte/fahrsicherheitstraining/default.aspx?mc=ext.sem.sht.allg. (prz/wa)

Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 3.5
Tiere und die Erderwärmung Wer verliert im Klimaroulette, wer gewinnt?

Von 25. Mai 2016 - 6:00 Uhr

Die Klima­erwärmung schreitet weiter voran, und das offenbar noch schneller, als von vielen Experten befürchtet. Wir zeigen, welche Tiere zu den Verlierern gehören – und welche zu Gewinnern.