Fahrradpflege „Dreck ist ein guter Diebstahlschutz“

Von Sandra Markert 

Fahrrad-Experte Ulf Hoffmann verrät, welche Arbeiten am Rad nach dem Winter sinnvoll sind.

Stuttgart - Herr Hoffmann, was an Ihrem Fahrrad reparieren Sie am liebsten?
Gar nichts, ich fahre am liebsten einfach los.
Zumindest nach einer längeren Winterpause ist das meist aber keine gute Idee.
Nein. Denn ein Fahrradreifen verliert pro Monat etwa ein Bar an Druck. Viele Radler strampeln sich daher mit viel zu wenig Luft im Reifen ab. Ums Aufpumpen wird man nicht herumkommen. Und vor der ersten größeren Tour steht ein Rundum-Check an.
Das heißt, Fahrrad nehmen und ab damit zum nächsten Fachhändler?
Viele Radler machen das, weil sie sich nicht so recht an die Wartung trauen oder sich die Finger nicht schmutzig machen wollen. Dabei gibt es durchaus einige Handgriffe, die man selbst machen kann.
Zum Beispiel?
Nach dem Winter prüft man zunächst, ob die Reifen porös geworden sind und sich kleine Risse gebildet haben. Bei Bedarf werden sie gewechselt. Dann geht’s ab zur Probefahrt. Funktionieren noch alle Gänge und die Bremsen? Das Licht? Zwitschert die Kette, weil Öl fehlt? Oder rasselt sie, weil sie voller Dreck ist?
Letzteres bedeutet Fahrradputzen, das macht kaum einer gern. Haben Sie einen Trick?
Wer bitte putzt sein Fahrrad? Im Ernst: Ein bisschen Dreck am Rad ist ein guter Diebstahlschutz. Bei einer schmutzigen Kette ist das etwas anderes, damit wird das Fahren einfach sehr mühsam. Am besten säubert man die Kettenglieder und Ritzel mit einer Zahnbürste. Danach sieht man auch, ob die Kette verschlissen ist und gewechselt werden muss. Das ist kein Hexenwerk. Wartet man damit zu lang, muss man auch den Zahnkranz austauschen, sonst passt das nicht mehr zusammen. Ist die Kette noch gut: Ein paar Tropfen Öl oder Fett – auch auf Schalt- und Bremszüge –, fertig ist der Fahrradputz.
In den Geschäften gibt es jede Menge Reinigungsutensilien zu kaufen. Die braucht man also alle nicht?
In Prinzip reichen ein alter Lappen und ­etwas Wasser und Spüli. Bei den teuren Reinigungssprays war ich auch lange skeptisch, bis ich mal eines ausprobiert habe. Das war wirklich wie im Werbefernsehen, danach glänzte alles super. Der Diebstahlschutz ist dann natürlich weg. Was man nicht machen sollte, ist, mit dem Dampfstrahler oder der Sprühpistole in der Autowaschanlage das Fahrrad abzuspritzen. Der harte Strahl ist tödlich für die Lager.
Und schon hat man was kaputt gemacht. Auch deshalb scheuen sich viele Radfahrer davor, selbst Schaltzüge zu wechseln oder eine Kette auszutauschen.
Klar, schiefgehen kann immer etwas. Aber mit der richtigen Anleitung und dem richtigen Werkzeug kriegt auch jeder eine Acht aus dem Laufrad.
Welches Werkzeug sollte man auf jeden Fall zu Hause haben für einfache Fahrradreparaturen?
Ein Fahrrad-Multitool mit verschiedenen Inbus- und Schraubenschlüsseln, Torx und Kettennieter ist sehr praktisch, da man es auch auf Radtouren mitnehmen kann. Dann natürlich Reifenheber und Flickzeug, um einen Platten zu beseitigen.
Was geht trotz richtigem Werkzeug oft schief?
Der Klassiker passiert beim Schlauchflicken. Das Loch im Schlauch wird richtig in der Wasserschüssel entdeckt und perfekt mit dem Flickzeug gestopft. Dann aber wird das Rad zusammengebaut, ohne zu prüfen, ob im Reifenmantel nicht noch eine Reißzwecke oder eine Glasscherbe steckt, die das Loch im Schlauch verursacht hat. Bei der Fahrt kriege ich natürlich sofort wieder einen Platten und zweifle an meinen Reparier-Talent. Um möglichst gar kein Loch mehr zu bekommen, helfen übrigens Reifen mit ­Pannenschutzgürtel sehr gut.
Vor welcher Reparatur würden auch Sie als geübter Fahrrad-Bastler abraten?
Ich habe früher mal ein Rad komplett selbst neu eingespeicht. Das dauert locker einen Tag. Dabei bekommt man ein komplettes Laufrad schon ab 40 Euro. Das Einspeichen beim Profi mit vorhandenen Teilen kostet zwischen 40 und 60 Euro. Zeit und Geld sollte man bei allen Eigenreparaturen immer im Blick haben. In meinem Buch ist das deshalb mit aufgeführt – im Vergleich zu den Kosten beim Fachhändler.
Wie sieht es mit Reparaturen an Pedelecs aus?
Viele Hersteller schreiben, dass man bei einem Platten im Hinterrad immer zum Händler soll, wenn darin der Motor eingebaut ist. Was macht man da bitte schön unterwegs mitten im Wald? Wir haben deshalb für die Marktführer ausprobiert, wie man das Rad ausbauen und den Platten flicken kann, und dazu Anleitungen verfasst.
Wie Sie schon sagen: Die meisten Dinge am Fahrrad gehen leider nicht im Keller, sondern mitten im Wald kaputt.
Deshalb hat man bei längeren Touren immer ein Multitool und einen Ersatzschlauch sowie Reifenheber im Gepäck. Flicken kann man den kaputten Schlauch zu Hause immer noch. Falls etwas unerwartet bricht, sind Kabelbinder und Rohrschellen gut.
Gern wird der Reifen aber genau dann platt, wenn man sein Werkzeug ausnahmsweise mal vergessen hat. Hilft dann nur noch Schieben?
Ist der Platten hinten, wechselt man als Erstes den Schlauch von vorne nach hinten, weil auf dem Hinterrad mehr Gewicht lastet. Dann kann man den Schlauch vorn entweder draußen lassen und versuchen, nur mit dem Mantel zu fahren. Das klappt vor allem bei dickeren Reifen ganz gut. Oder man stopft Gras oder ein Kleidungsstück rein, damit der Reifen etwas Widerstand bekommt. Das macht man einmal, dann vergisst man den Ersatzschlauch nicht mehr.

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