Mercedes Benz

Fachkräfteanwerbung Der Aufbruch in eine unbekannte Welt

Von Jürgen Bock 

Jessica Moranda (links) und Ilaria Mange aus Italien arbeiten bereits im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus Foto: Max Kovalenko
Jessica Moranda (links) und Ilaria Mange aus Italien arbeiten bereits im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus Foto: Max Kovalenko

Deutschland braucht Fachkräfte. Die Unternehmen suchen intensiv – auch im Ausland. Unsere Zeitung begleitet eine solche Anwerbung und die beteiligten Menschen ein Jahr lang. Heute: Der Klinikverbund Südwest aus Sindelfingen macht sich auf die Suche.

Sindelfingen - Roland Ott lehnt sich zurück und holt tief Luft. „Fachkräftemangel gibt es überall“, sagt der Personalleiter des Klinikverbundes Südwest. Und erzählt von einer Tagung zum Thema, auf der er vor kurzem gesprochen hat. Ingenieurwesen, Gesundheitswesen, Sozial- und Erzieherberufe, alle seien dort vertreten gewesen.

Alle diese Branchen schauen sich auch im Ausland um. „Doch während die Sprache für Ingenieure kein allzu großes Problem darstellt, weil die meisten untereinander Englisch sprechen können, ist das bei uns ganz anders“, weiß Ott. In Krankenhäusern geht es um Patienten. Da muss das Personal auch mit Schwäbisch oder gebrochenem Deutsch klarkommen. „Wir gehen mit Menschen um“, sagt Ott, „da ist die Kommunikation das Thema Nummer eins – sowohl den Patienten als auch den Kollegen gegenüber.“

Der Klinikverbund Südwest mit seinen sechs Krankenhausstandorten und Therapiezentren zwischen Nagold und Sindelfingen beschäftigt 1300 Pflegekräfte. Schwangerschaften, Ruhestand oder Ortswechsel sorgen für eine gewisse Fluktuation. Jedes Jahr besteht so ein Bedarf für 140 Neueinstellungen. „70 davon können wir über die eigene Ausbildung decken“, sagt der Personalchef, „den Rest brauchen wir vom Arbeitsmarkt.“ Doch der ist leer gefegt.

21 Pflegekräfte aus Italien und Portugal sind gekommen

Viele Kliniken, etwa das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus, werben deshalb Mitarbeiter im Ausland an. Vor zweieinhalb Jahren hat auch der Klinikverbund Südwest das zum ersten Mal getan. Ein Baustein von vielen, um der Misere abzuhelfen. 21 Pflegekräfte aus Italien und Portugal sind gekommen. Der Großteil hat sich fachlich und persönlich gut integriert. Doch es gab auch Fälle, in denen das Einleben in der neuen Heimat nicht geklappt hat oder nach der Zulassung eine andere deutsche Stadt gelockt hat, weil es dort Familie oder Freunde gab.

Dinge, aus denen der Klinikverbund lernt. „Es ist wichtig, dass man nur Leute holt, die auch hier in die Region wollen, gegebenenfalls hier Freunde haben“, sagt Pflegedirektor Joachim Erhardt. Die Klinikvertreter wissen, dass eine Anwerbung im Ausland auch für den Arbeitgeber viel Verantwortung bedeutet. Die neuen Mitarbeiter kosten Geld, Zeit und Geduld. „Integration ist ein großes Thema. Wir wollen die Leute nicht anwerben, ausbilden, und dann gehen sie nach einem halben Jahr wieder. Sie müssen sich wohlfühlen und sollen möglichst für immer bei uns bleiben“, sagt Ott.

Der Klinikverbund wagt jetzt eine zweite Anwerberunde in Italien. Und er ist sehr gut vorbereitet. Die 14 examinierten Gesundheits- und Krankenpfleger, die man sucht, sollen in Deutschland zunächst für einige Monate bei Gastfamilien unterkommen, um sich besser einzuleben. In dieser Zeit werden sie den ersten Deutschkurs machen. „Das ist etwas, das wir im letzten Projekt gesehen haben: Sprache lernen geht mit Anschluss deutlich schneller“, sagt Kerstin Franz, die für die Personalgewinnung im Klinikverbund Südwest verantwortlich ist. Vermittelt werden die Pflegekräfte vom Internationalen Bund in Stuttgart, der seit Jahren italienische Fachkräfte nach Deutschland bringt. Die Leute sind hoch qualifiziert, finden in ihrem Heimatland aber oft auch nach jahrelanger Suche keinen Arbeitsplatz.

Die Gruppengröße von 14 Leuten ist mit Bedacht gewählt. Denn die italienischen Neuankömmlinge müssen auch in die Stationen integriert werden können. Für die Kollegen in den Kliniken ist das ein größerer Aufwand als sonst bei neuen Mitarbeitern. Sie brauchen Geduld und den Willen, die Neulinge besonders zu unterstützen. Deshalb dürfen es nicht zu viele italienische Pflegekräfte auf einmal sein, die künftig in den Krankenhäusern in Böblingen, Sindelfingen und Leonberg arbeiten sollen.

In der nächsten Woche macht sich eine Delegation aus Sindelfingen auf den Weg nach Neapel. Mit dabei wird auch ein Mitarbeiter aus der ersten Anwerberunde sein, der als Bindeglied zu den Interessenten fungieren soll. Von Dolce Vita wird wenig zu spüren sein: Zwei Tage lang gilt es, von morgens bis abends Bewerbergespräche zu führen und die richtigen Kandidaten zu finden. Im ­Januar werden sie in die Region Stuttgart kommen. Mit vielen Hoffnungen im Gepäck, aber auch mit Unsicherheit, was sie im Norden erwartet. Die Reise beginnt.

 

Hintergrund: StN-Projekt „Nordwärts

Der Fachkräftemangel in Deutschland bringt viele Unternehmen dazu, auch im Ausland nach Personal zu suchen. Italien, Spanien, Portugal, aber auch Länder in Asien sind Ziele. Gebraucht werden Ingenieure, Erzieher, Pflegekräfte und viele andere Berufe.

Auf dem Markt tummeln sich inzwischen diverse Anbieter, die Kandidaten nach Deutschland vermitteln. Manche arbeiten seriös, andere nicht. Der Internationale Bund (IB), ein großer Anbieter aus dem Sozialbereich, hat sich auf die Anwerbung von Pflegekräften und Erzieherinnen in Italien spezialisiert. Dort gibt es viele studierte Fachkräfte, die keine angemessen bezahlte Festanstellung finden.

Unsere Zeitung begleitet den IB und den Klinikverbund Südwest in Sindelfingen unter dem Titel „Nordwärts“ ein Jahr lang von der Kandidatensuche bis zur Anerkennung der Fachkräfte in Deutschland. Das Einleben in einem fremden Land, Sprachkurse, Arbeitserfahrungen und schließlich die Prüfung durch das Regierungspräsidium stehen in dieser Zeit auf dem Programm. Der Arbeitgeber und die italienischen Pflegekräfte kommen regelmäßig zu Wort und schildern ihre Erfahrungen mit dem Projekt.

 

Lesen Sie jetzt