Extremsportler aus Ulm In den Bergen spurlos verschwunden

Sissi Stein-Abel, 05.01.2013 10:00 Uhr

Barreal/Ulm - Als Andi Colli vor zehn Jahren in Argentinien spurlos verschwand, stand für seine Familie bald fest, dass der Ulmer Extremsportler in den Anden keinen Bergunfall hatte, sondern einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Die Ulmer Staatsanwaltschaft tat diese Theorie stets als Hirngespinst ab und teilte Collis Onkel Horst Kelb, der im Lauf der Jahre 8000 Stunden und noch viel mehr Euro in eigene Recherchen gesteckt hat, sogar schriftlich mit, ein Fremdverschulden beruhe nur auf der „subjektiven Einbildung“ der Angehörigen.

„Die Ulmer Kripo sagte mir in einem persönlichen Gespräch im Präsidium, wir hätten uns alles so zusammengeschustert, dass es passt“, erzählt der 73-jährige Pensionär, der trotz enormer gesundheitlicher Probleme auch heute noch täglich alle relevanten argentinischen Zeitungen im Internet nach Hinweisen und Neuigkeiten durchforstet, die für den Fall Colli relevant sein könnten.

Heute glaubt die Ulmer Justizbehörde zwar noch immer, dass ein Unfall am 6770 Meter hohen Mercedario die wahrscheinlichste Ursache für das Verschwinden des 37-Jährigen ist. Staatsanwalt Michael Bischofberger räumt aber ein, dass „ein Anfangsverdacht für eine Straftat“ anzunehmen sei, weil Fremdverschulden „nicht sicher ausgeschlossen werden“ könne. Grund dafür seien „die Umstände des Auffindens von Ausrüstungsgegenständen des Herrn Colli sowie diverse Zeugenaussagen“.

„Keine Befugnisse“, um in die Ermittlungen in Argentinien einzugreifen

Bischofberger bestätigt, was Horst Kelb schon seit vielen Jahren predigt: „Einigen gegenüber den argentinischen Behörden getätigten Zeugenaussagen ist mit Skepsis zu begegnen. Dies gilt gleichermaßen für ‚Entlastungszeugen‘ als auch für solche Personen, die mit ihren Angaben die Annahme eines Kapitaldelikts zum Nachteil des Herrn Colli scheinbar stützen.“

Angesichts dieser Aussagen ist Horst Kelb sprachlos. „Ich finde es empörend“, sagt er, der schon vor dem Tod von Collis Eltern 2003 und 2006 die Interessen der Familie vertreten hat, „dass ich als Angehöriger nicht über diesen neuen Sachstand unterrichtet worden bin.“ Allzu große Hoffnungen, dass das Schicksal des ehemaligen Deutschen Ruder-Meisters aufgeklärt wird, sollte sich jedoch niemand machen. Im nächsten Satz teilte Bischofberger mit, dass „keine erfolgversprechenden Ermittlungsansätze mehr“ bestünden und dass „aus Sicht der Staatsanwaltschaft Ulm durch die Behörden vor Ort alle erfolgversprechenden Ermittlungsmaßnahmen ergriffen“ worden seien, ohne dass der Fall gelöst werden konnte. „Es ist ein Hohn, dass die Ulmer Staatsanwaltschaft nicht mehr machen will“, ereifert sich Kelb.

Der Staatsanwalt rechtfertigt die bloße Kenntnisnahme der laut Kelb „gefilterten, geschönten Berichte aus Argentinien“ mit dem Einwand, die deutsche Justiz habe „keine Befugnisse“, um in die Ermittlungen in Argentinien einzugreifen. „Damit feiert das Gericht in San Juan, das wichtige Informationen einfach ignoriert oder unterdrückt hat, weil Uniformträger in den Fall verwickelt sind, einen grandiosen Triumph“, klagt Kelb. „Es verwaltet den Fall nur noch, bis dann in einigen Jahren alles in Vergessenheit geraten ist.“

Hotelmanager als „Waffennarr und Wilddieb“

Die mehr als 1000 Seiten dicke Akte wanderte vom Untersuchungs- zum Strafgericht in der Provinzhauptstadt San Juan, als im Januar 2007 in der Wohnung eines Berghirten Ausrüstungsgegenstände des Ulmers gesichert wurden. Unter Tatverdacht stehen fünf Angehörige der Gendarmerie – die entspricht dem Bundesgrenzschutz in Deutschland – und der ehemalige Manager des mittlerweile leerstehenden Hotel Barreal. Das berichten auch die regionalen Medien in der Provinz San Juan, die den Fall Colli regelmäßig aufgreifen. Jedes Mal, wenn ein Tourist überfallen wird oder verschwindet, Skelettteile in der Kanalisation auftauchen oder ein Bergsteiger verunglückt.

Der Hotelmanager G. drängte sich Colli als Chauffeur für den Transport an den Mercedario auf. Die Gendarmen am Kontrollposten Las Juntas ließen ihn ohne Passierschein durchfahren. Das ist streng verboten, weil der vierthöchste Gipfel der Anden auf dem Gebiet einer Minengesellschaft liegt. Jeder Bergsteiger, Lieferant und Arbeiter wird im Wachbuch registriert – es sei denn, jemand ist mit den Gendarmen befreundet. Als Passagier von G. durfte auch Colli ohne Permit – der schriftlichen Erlaubnis der Firma – an den Berg, wurde aber immerhin registriert und musste ein Rückkehr-Datum angeben. Aber er wurde an den weit abseits gelegenen Posten Santa Ana dirigiert und dort abgesetzt.

Eine im Internet ausfindig gemachte Allradfahrer-Gruppe beschreibt G. als „Waffennarr und Wilddieb, der uns zum Nachtisch Pfirsiche mit zerbrochenen Glasscherben servierte“. Doch G. stand nicht nur mit den Gendarmen auf Du und Du. Drei Richter schlichen sich unter dem Vorwand der Befangenheit aus den Ermittlungen.

In Barreal kursieren die Gerüchte

In dem 5000-Einwohner-Ort Barreal am Fuße der Andenkette im Nordwesten des Landes hält sich hartnäckig das Gerücht, Andi Colli sei umgebracht und die Leiche in der Heizungsanlage des Hotels verbrannt worden. Eine von Gerichtspsychologen als glaubwürdig eingestufte Haushaltshilfe hörte diese Worte bei einem Gespräch von Gendarmen. Der Gendarm A. soll einem Rivalen gedroht haben, er solle seine Finger von einer bestimmten Frau lassen, „sonst ergeht es dir wie dem Deutschen“.

Derselbe Gendarm A. und seine Kollegen stahlen im November 2005 dem US-Amerikaner Carl Skoog, der bei der Skiabfahrt an der vereisten Südwand des Mercedario tödlich stürzte, und dessen Begleiter René C. die halbe Ausrüstung. Vor einer anderen Bergsteiger-Gruppe aus den USA, die Ende 2005 nach einer Sturzflut in Bergnot geriet, prahlte A. mit Skoogs Bergstiefeln und ballerte mit einer gefundenen Pistole durch die Gegend. „Wir hatten Angst vor den Gendarmen“, erzählen Steve S. und Chuck H., der anfügt: „Ein großer Teil unserer schlecht versteckten Ausrüstung wurde gestohlen.“ Als zwei von Kelbs vielen Helfern an den Mercedario reisten, wurden sie von der Gendarmerie derart eingeschüchtert, dass sie verängstigt die Flucht ergriffen.

Am bemerkenswertesten war jedoch, wie immer wieder „Zeugen“ auftauchten, um die Theorie der Bergwacht zu stützen, Andi Colli sei ein unerfahrener Tourist, der in eine Gletscherspalte gestürzt sei. Ein Lkw-Fahrer wollte den Ulmer, der am 10. Dezember auf dem Gipfel des 6959 Meter hohen Aconcagua gestanden hatte, noch am 26. Dezember 2002 an einer Landstraße am Rande des Mercedario-Gebiets gesehen haben.

Falschaussagen wurden nie geahndet

Er beschrieb den Ulmer detailgenau. Doch der Fuhrunternehmer sagte aus, weder der Fahrer noch der Lkw seien an jenem Tag unterwegs gewesen. Die erste Falschaussage, die nie geahndet wurde. Die Polizei wiederum hatte es nach der vermeintlichen Sichtung versäumt, sich bei einem Bekannten von Colli in Mendoza nach dem Ulmer zu erkundigen, denn der hatte einige Tage zuvor Vermisstenanzeige erstattet, als Colli nicht von seiner Tour zurückgekehrt war. Dafür startete die Bergwacht ihre erste Suchaktion bereits einen Tag vor dem vereinbarten Rückkehrdatum. Nur eine von unzähligen Ungereimtheiten.

Dann tauchte plötzlich Collis Rucksack in erstaunlich gutem Zustand auf – ohne Zelt und Wertgegenstände, dafür mit allen warmen Kleidungsstücken, die Colli in großer Höhe hätte tragen müssen. Und nur dort hätte er in eine Gletscherspalte fallen können. Die Berghirten behaupteten, zwei Italiener hätten ihnen den Rucksack geschenkt. Die Namen des Duos sind trotz strenger Vorschrift nicht in den Wachbüchern der Gendarmerie zu finden. Nicht das Gericht (via Interpol), sondern die beiden Anwältinnen der Familie, die „ein kollabierendes Justizsystem“ sowie „mächtige und gefährliche Gegner“ anprangerten, spürten sie 2009 auf.

Kelb, der im Lauf der Zeit ein Netzwerk von Informanten und Mitarbeitern in beiden Ländern aufbaute, ließ einen von ihnen im vergangenen Jahr durch einen Privatdetektiv in Mailand befragen. Der Mann hielt auf einem vorgelegten Foto, das er selbst gemacht haben will, einen Bergsteiger für einen der beiden Berghirten, die ihr Gepäck auf den Mercedario transportiert hatten, und der auf das Muli geladene Rucksack weist Unterschiede zu Collis Rucksack auf.

Für Horst Kelb wurde sein Neffe Opfer eines Raubmords

Zur Krönung nannten die Berghirten und die Italiener zwei unterschiedliche Fundorte, von denen sich keiner an der Normalroute befand, die Colli genommen hatte. An beiden Fundorten waren Suchtrupps mehrmals vorbeimarschiert, ohne etwas zu entdecken. Damit steht für Horst Kelb eindeutig fest: „Die Italiener waren nie am Berg. Sie sind gekaufte Zeugen.“

Fakt ist, dass Andi Colli am Morgen des 16. Dezember 2002 von den Insassen eines Minenfahrzeugs zuletzt lebend gesehen wurde. Er schlief am Rande der Minenstraße – Teil der Normalroute – unterhalb des verlassenen Lagers El Molle in seinem Schlafsack. An der Laguna Blanca in 3200 Meter Höhe campierte er. Von diesem Bergsee führten seine Fußspuren eindeutig wieder bergab – auf einem besseren Spazierweg zurück Richtung El Molle und Las Juntas. Was danach geschah, weiß niemand genau.

Für Horst Kelb wurde sein Neffe Opfer eines Raubmords. Das Amtsgericht Ulm hat den 18. Dezember 2002 als Andi Collis Todestag festgelegt.

 
 
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