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Ex-Hertie-Verkaufsdirektor „Gerber und Milaneo werden scheitern“

Von Martin Haar 

Ex-Hertie-Verkaufsdirektor beschreibt die Welt der Warenhäuser in einem Buch – Für den Handel in Stuttgart hat er schlechte Prognosen.

Stuttgart - Dieter Wedel erzählt in seinem TV-Vierteiler „Der große Bellheim“ die beeindruckende Geschichte von Peter Bellheim alias Mario Adorf. Es ist die einstmals große Welt eines Warenhauses in Hannover. Doch die Wirklichkeit ist gar nicht so fern. Auch in Stuttgart sind viele Anklänge des großen Bellheim wiederzufinden. Gerhard Sauter hat sie aufgeschrieben. Die wahren Geschichten über Hertie und Karstadt. Unter dem Titel „Pioniere, Visionäre, Nieten und Großmäuler“ beschreibt der Leonberger seine 40 Jahre Berufsleben im Warenhaus. Es sind Geschichten vom Aufstieg bis zum Niedergang von Hertie durch die Übernahme von Karstadt. „Ich habe miterlebt, wie ein Unternehmen zu Tode gewirtschaftet wurde“, sagt Sauter, der es bei Hertie vom einfachen Einkäufer bis zum Verkaufsdirektor bei Hertie und Karstadt brachte.

Heute hat er Distanz zu den „miesen Mobbing-Touren“ und betriebswirtschaftlichen Fehlleistungen der Topmanager. Allerdings traut sich der 78-Jährige immer noch zu, die aktuellen Entwicklungen des Handels aus der Expertenwarte beurteilen zu können. Seine Prognosen klingen nicht gut. „Auf Dauer wird nur eines der drei Stuttgarter Kaufhäuser überleben“, schätzt Sauter, „ich tippe auf den Kaufhof am Bahnhof.“

Noch interessanter sind jedoch seine Ausblicke auf den gesamten Handel in der City. „Wo nehmen die Leute die Zuversicht her, dass das Gerber und das Milaneo erfolgreich sein werden?“, fragt er und legt mit erhobenem Zeigefinger nach: „Es gibt schon jetzt Häuser in Randlagen, die große Probleme haben.“ Er denkt an Geschäfte im Königsbau – oder in den Calwer Passagen.

„Wo soll der Umsatz für diese massive Flächenerweiterung denn herkommen?“, fragt er spitz, „Es gibt doch keinen gravierenden Bevölkerungszuwachs, zudem sind Zuzüge nach Stuttgart durch den Wohnungsmangel begrenzt.“ Damit ist für Gerhard Sauter klar: Die geplanten Einkaufszentren Gerber zwischen Marienstraße und Paulinenbrücke sowie das Milaneo hinterm Hauptbahnhof „werden scheitern“: „Die Gefahr ist für das Milaneo noch größer als für das Gerber.“ Seine Begründung klingt einleuchtend: Der Mensch sei ein Gewohnheitstier. „In der Stadt hat sich über Jahrzehnte ein kompaktes Einkaufszentrum herausgebildet. Die gewohnten Laufwege der Kunden gehen vom Hauptbahnhof über die Königstraße und die Schulstraße hin zu Breuninger. In diesem Zentrum schlägt das Herz des Einzelhandels.“ Dem Rest droht aus seiner Warte das Ausbluten, sobald die beiden großen Einkaufscenter an den Start gehen. „Es wird einen Ausleseprozess geben“, prophezeit Gerhard Sauter, „denn die Händler in der Kompaktlage binden so viel Kaufkraft, dass es für alle anderen kritisch wird.“

 

Doch Sauter will nicht nur die Kassandra des Einzelhandels spielen, die das Unheil vorhersieht. Gerade das Kaufhaus Breuninger zeige, dass man im Handel durchaus erfolgreich sein könne. Denn dort werden aus seiner Sicht die vier Erfolgsfaktoren umgesetzt: „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen – als Angestellter und Kunde. Das Sortiment muss ebenso stimmen wie die Markenpräsentation und das Marketing.“

Immer dann, wenn diese vier Punkte nicht beherzigt werden, sei es im Geschäft so wie im Leben, meint Sauter und nimmt Anleihe beim großen Bellheim: „Man fährt über eine falsch gestellte Weiche und bemerkt es nicht. Dann stellt man später fest, dass man nicht da angekommen ist, wo man hin wollte.“

Gerhard Sauter: Pioniere, Visionäre, Nieten und Großmäuler: Ein Leben im Warenhaus – von Hertie über Karstadt nach China. 24,90 Euro, Brighton-Verlag, ISBN-10: 3942200546.

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Kommentar zu Taxi-Rufsäulen Hirnlos

Von 1. Juli 2016 - 17:42 Uhr

Auch wenn Rufsäulen für Taxis und Notrufe weniger genutzt werden als früher, sind sie notwendig. Wer sie mutwillig zerstört, erweist der Allgemeinheit einen Bärendienst.