Erstes slowakisches Holocaust-Museum „Jude, raus aus der Slowakei“

Von Brigitte Jähnigen 

Rekonstruiert: antijüdische Polemik auf Hauswänden Foto: Sered
Rekonstruiert: antijüdische Polemik auf HauswändenFoto: Sered

„Zid, mars zo Slovenska“ – „Jude, raus aus der Slowakei“ – hieß der Ruf, mit dem Hitler-Deutschland von 1938 an auf slowakischem Gebiet die Vernichtung der europäischen Juden forcierte. In Sered ist jetzt das erste Holocaust-Museum der Slowakei eröffnet worden – eine Annäherung an die eigene Geschichte

Stuttgart - In Sered/Westslowakei ist vor kurzem das erste Holocaust-Museum des Landes eröffnet worden. Die Slowakei war während des Zweiten Weltkrieges ein von Nazi-Deutschland abhängiger Vasallenstaat, Präsident war der katholische Priester Jozef Tiso. Das ­Lager Sered diente neben den Lagern ­Nováky und Vyhne ab 1941 als Arbeitslager für jüdische Zwangsarbeiter und von 1942 an als Sammelzentrum für Transporte in deutsche Vernichtungslager. Bis 1945 ­wurden von Sered aus mehr als 70.000 Juden aus der Slowakei nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

An der Eisenbahnstrecke Bratislava–Galata wechseln sanfte Hügel mit flachen Weinanbauflächen. Die Stimmung im Eisenbahnabteil ist schlecht, die Flüchtlingspolitik der deutschen Kanzlerin Angela Merkel wird heftig kritisiert, das Wort Vaterland häufig verwendet, das Recht auf nationale Eigenständigkeit betont. Man beklagt sich: „Wir sind noch lange keine Rassisten, wenn wir die Flüchtlinge nicht wollen.“

1938 lebten etwa 1200 Juden in Sered, nach 1945 kamen 50 zurück

Sered, 61 Kilometer östlich von der ­slowakischen Hauptstadt Bratislava entfernt, ist ein unaufgeregtes Städtchen mit 16 000 Einwohnern und einem expandierenden Industrie- und Logistikpark. 96 Prozent der Bewohner sind Slowaken, von denen sich 72 Prozent zur römisch-katholischen Konfession bekennen. 1938 lebten 1200 ­Juden im Ort, nach 1945 kamen etwa 50 ­zurück. Auf dem jüdischen Friedhof, an der Straße Cukrovarská gelegen, wurden die letzten Toten jüdischen Bekenntnisses in den 1960er Jahren beerdigt. Heute sind es sehr wenige Juden, die hier leben, keiner von ihnen bekennt sich öffentlich zu seiner ­Identität.

Die Wege in Sered sind kurz, das „Holokaust-Muzeum“ in der Kasárenská 1005 ist nicht weit entfernt. In einer der ehemaligen Arbeits- und Wohnbaracken liegen in ­Vitrinen Gegenstände der Inhaftierten wie Baby- und Arbeitsschuhe. Fotos, Plakate, Zeitungsausschnitte informieren über den Alltag der Judenverfolgung, eine künstlerisch gestaltete Namentafel nennt die Opfer von Sered. Eine zweite Baracke dient als Schulungs- und Vortragsort, weitere drei Baracken werden noch saniert.

„Die slowakischen Rassegesetze waren schlimmer als die Nürnberger Gesetze“

„Zid“ heißt Jude auf Slowakisch, „Mars zo Slovenska“ – „Raus aus der Slowakei“ –, das war der Ruf. „Es ist unsere Geschichte, die wir hier dokumentieren“, sagt Matej ­Beranek. Die slowakischen Rassegesetze mit 270 Paragrafen seien schlimmer gewesen als die Nürnberger Gesetze in Nazi-Deutschland, so der studierte Politologe und stellvertretende Direktor des Museums. Am 13. März 1939 war Premier Jozef Tiso von Hitler nach Berlin gerufen worden, um das ­Verhältnis zu Deutschland bezüglich „der größten Tyrannei in der Slowakei, den ­Juden“, zu klären. Am 9. September verabschiedete die slowakische Regierung den „Judenkodex“. Er diente dazu, Juden aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, zu deportieren und zu vernichten.

Die Ideologie der slowakischen Nationalisten nährte sich auch aus der Doktrin der Katholischen Kirche. Juden, hieß es, seien „das Volk der Gottesmörder“. Die Slowakei war der einzige Verbündete Hitler-Deutschlands, der die Deportationen der Juden („Aktion DA“ für David) aus eigener Kasse bezahlte. „Der Protest der Bevölkerung blieb aus, stattdessen kamen die nicht­jüdischen Nachbarn in den Besitz des ­ ­‚arisierten‘ jüdischen Eigentums“, sagt Marej Beranek. Von 1942 bis 1944 wurden fast zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung verschleppt (etwa 58 000 Menschen), weitere 13 000 im Herbst 1944.

Auf dem Museumsareal steht ein Waggon, in dem Juden nach Auschwitz deportiert wurden

Im Freien, zwischen Baracke eins und zwei des Museums, steht ein Eisenbahnwaggon. Als die Initiatoren zur Gründung des ­Museums Objekte suchten, fanden sie den Waggon auf einem Gartengrundstück in ­Sered. „Er war zweimal in Auschwitz“, sagt Marej Beranek. Beim ersten Transport ­wurden 40 Häftlinge verschickt, beim ­zweiten 80 in den Wagen gepfercht. Die Häftlinge waren vom Appellplatz durch ein Tor zum Extragleis gebracht worden, das mit dem offiziellen Gleisnetz der slowakischen Eisenbahn ­verbunden war. Von ­September 1944 bis Februar 1945 wurden von hier aus 12 000 ­Häftlinge deportiert. ­Verantwortlich dafür zeichnete in dieser Zeit Alois Brunner, SS-Hauptsturmführer und einer der wichtigsten ­Mitarbeiter Adolf ­Eichmanns.

Olga und Vera Grossmann waren sechs, als sie von der Hlinka-Garde, der paramilitärischen Wehrorganisation in der Slowakei, verhaftet wurden. Die Familie stammte aus der kleinen ostslowakischen Ortschaft ­Turiany (nach 1948 Turany). Der Vater der Mädchen war ein erfolgreicher Bau­unternehmer; die Familie besaß ein großes Haus, Wälder und Ländereien. Gewarnt durch ­offizielle Ankündigungen und Gerüchte ­waren die Grossmanns geflohen und hatten sich – gegen Bezahlung – an verschiedenen Orten versteckt. Eines Nachts fielen ­Mit­glieder der Hlinka-Garde über ihr ­Versteck her und verhafteten die Familie. Sie kamen ins Lager Sered. Ende Oktober/Anfang ­November 1944 erfolgte der Ab­transport der Grossmanns nach Auschwitz-Birkenau.

„Und dann fielen die Menschen, die noch lebten, auf die Toten“

Als sich für sie und andere dort die Türen des Viehwaggons öffneten, fielen zuerst die Toten heraus. „Und dann fielen die ­Menschen, die noch lebten, auf die Toten. Draußen standen die Nazis mit Hunden, Peitschen und Gewehren. Sie schlugen uns und schrien: ,Schnell, schnell, verfluchte ­Juden. Schnell, schnell, schnell‘“, erinnerte sich nach der Befreiung eine der Schwestern. Olga bekam die Nummer A-29645, Vera die Nummer A-26946 tätowiert, als Zwillinge wurden sie vom Lagerarzt Mengele für ­dessen Experimente missbraucht.

Naftali Fürst war fünf, als er nach Sered kam. Sein Vater, ein vermögender ­Industrieller in Bratislava, wollte die ­Familie ­retten und meldete sich, als im März 1942 die Slowaken begannen, Juden zu ­verhaften, freiwillig zum Arbeitsdienst in der Tischlerei von Sered. 1944 gelang der ­Familie die Flucht. Sie kam bis Piestany, einem noch heute bekannten Badeort in der Slowakei. Dort wurde sie entdeckt und ­zurück ins ­Lager Sered verschleppt. Von da transportierte man die deutschsprachige ­Familie nach Auschwitz-Birkenau.

Das Dunkel bleibt

Naftali Fürst, der zur Eröffnung des ­Museums aus Haifa/Israel anreiste, quälen bis heute die Bilder aus dieser Zeit. Der 83-Jährige spricht von „Angst, Kälte, von ­­­­Er­niedrigung“, die ihn und die anderen in Auschwitz und beim Todesmarsch zuletzt in ­Buchenwald gequält haben. Das Dunkel bleibt. In Sered blickt man nun ganz offiziell wieder in einen Abgrund, der bis heute nur scheinbar ausgeleuchtet ist.

Holokaust-Muzeum Sered, Kasárenská 1005, Sered. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9 bis 16 Uhr. Museum der jüdischen Kultur Bratislava, Straße Zidovska 17. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag 11 bis 17 Uhr.

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