Erst Mann, dann Frau, jetzt wieder Mann Die (Zurück-)Verwandlung

Von Elsbeth Föger 

Dankwarth als Iris im Sommer vergangenen Jahres Foto: Elsbeth Föger
Dankwarth als Iris im Sommer vergangenen Jahres Foto: Elsbeth Föger

Wolfgang Dankwarth lebte fast drei Jahre lang als Frau, ließ sich operieren – und bereut es. Heute will er wieder als Mann auftreten.

Achern - Wolfgang Dankwarth will sein Leben ändern. Wieder einmal. Das neue Leben beginnt mit einem Papierberg: Dokumenten, Anträgen, Gutachten. So läuft das in Deutschland, wenn man seinen Namen ändern will. Dankwarth kennt das Prozedere gut. Schließlich hat er das alles vor Jahren bereits einmal mitgemacht. Da entschloss sich Wolfgang, biologisch ein Mann, gefühlt eine Frau, sein Geschlecht zu ändern. Aus Wolfgang wurde Iris. Auf Griechisch heißt Iris „Regenbogen“. Es sollte ein schöner Name sein für eine glücklichere Zeit. Und jetzt? Bereut Dankwarth die Entscheidung – und macht sie rückgängig.

Das Leben von Wolfgang Dankwarth ist ein außergewöhnliches, schillerndes. Es ist eine Geschichte von Hoffnung und Anfeindung, von Selbstfindung und Selbsttäuschung. Und von Widersprüchen. Nicht nur, was die Geschlechtsidentität angeht. Dankwarth liebt eine Muslima aus Zentralasien und fürchtet den Untergang der deutschen Kultur. Er hat Angst vor dem Islam, hat aber selbst fünf Monate lang zu Allah gebetet. Sein Weg führt durch einen Operationssaal in Freiburg und die Gebetsräume von drei Moscheen, nach Achern im Schwarzwald und Almaty in Kasachstan und einmal quer durchs politische Spektrum Deutschlands.

Im Wohnzimmer zu Hause in Achern hat Dankwarth weiße Spitzendeckchen auf der Kommode arrangiert. Ein Gesteck aus Weihnachtskugeln und Trockenblumen schmückt eine Ecke des Raums. Im Schrank stehen Reisetrophäen, eine handgroße Matroschka und Flaschen mit bulgarischem Wein, am Fenster wuchert Aloe aus Russland. Wolfgang Dankwarth ist 60 Jahre alt und in Frührente. Wegen der kaputten Bandscheiben hat er einen Schwerbehindertenausweis. Das Gesicht ist verhärmt, aber herzlich. Keine Spur mehr vom dezenten Make-up, das dort bis vor Kurzem noch manchmal war. Das graue Haar trägt Dankwarth jetzt nicht mehr schulterlang, sondern kurz. Auf Facebook lädt er Fotos von sich in Armeejacke hoch.

Er unterdrückt den Impuls

Dankwarths Freunde sind über die (Zurück-)Verwandlung glücklich. Zumindest die wenigen, zu denen er noch Kontakt hat. „Der Bekloppte hat sich wieder beruhigt“, heißt es da. Akzeptiert hat Dankwarths Umfeld die Transsexualität nie. Im Schützenverein hat man den Namen Iris nie in den Mund genommen. „Für meinen Vater war ich auch immer der Wolfgang.“ Und ein Nachbar beschimpfte ihn im Suff als „Tunte“, das tat weh. „Es ist eine Riesenscheiße, transsexuell zu sein“, sagt Dankwarth.

Die Geschichte von Iris beginnt, als Wolfgang sehr jung ist – in Achern. Dort wächst das Kind auf und probiert schon früh die Kleidung seiner Mutter. Die macht sich nicht viel draus, nach zwei Totgeburten hat sie sich statt eines Jungen ohnehin ein Mädchen gewünscht. Wolfgang weiß nicht, was das ist, dieses Gefühl, anders zu sein. „Was bin ich? Diese Zerrissenheit hat sich durch mein Leben gezogen“, sagt er. Transgender, das ist damals etwas völlig Exotisches. Transsexualität verbinden viele mit dem Dunstkreis um Prostitution und Crossdressing. Öffentlich zugängliche Informationen gibt es keine. Ermutigung erst recht nicht. Wolfgang unterdrückt den Impuls. Er geht zur Bundeswehr, macht verschiedenste Jobs: Maschinenbautechniker im Mittelstandsbetrieb, Verwalter am Campingplatz. Wolfgang heiratet, damals wie heute steht er auf Frauen. Immer wieder fühlt er Iris in sich hochkommen. Sein Leben lang nimmt er weibliche Hormone: Östrogen, heimlich im Ausland bestellt. Vielleicht auch wegen dieser Neigung kriselt die Beziehung. Als sie in die Brüche geht, verliert Dankwarth das Sorgerecht für die damals dreijährige Tochter. Bis heute hat er kaum Kontakt zu ihr. Noch eine Ehe scheitert. Seine dritte Frau, eine Kasachin, lernt Dankwarth übers Internet kennen, sie zieht zu ihm nach Deutschland.

„Man kann auch sagen, es war eine Flucht“, sagt Dankwarth heute über die Zeit als Iris. Besonders in Krisensituationen sei seine weibliche Seite immer stärker geworden. Zum Beispiel vor vier Jahren. Die Mutter, zu der er ein enges Verhältnis hat, ist schwer krank. Dankwarth ist beruflich am Ende, finanziell ist es knapp, die abgenutzten Gelenke und Bandscheiben schmerzen höllisch. Dazu kommt ein Nervenzusammenbruch. Dann: der Tod der Mutter. Nach so vielen Katastrophen denkt sich Dankwarth: „Sterbe ich jetzt, oder kämpfe ich noch mal? Dann dachte ich mir: Zieh ich’s halt durch.“ Wolfgang will nicht mehr Wolfgang sein, sondern Iris. Endlich. Da ist er schon über 50 Jahre alt.

Rolle rückwärts

Dann folgt der bürokratische Marathon, den Transmenschen durchlaufen müssen. In Irland, Malta oder Dänemark kann man recht einfach sein Geschlecht ändern. In Deutschland muss Dankwarth Monate investieren, um offiziell als Frau zu gelten. Zwei unabhängige Gutachten von Psychiatern, Kontakt mit dem Gericht, die Änderung der Personalien. In „Rekordzeit“ seien sie ihm gelungen, sagt Dankwarth: drei Operationen in Freiburg, eine davon mit Harnröhrenverschluss als Komplikation.

Nun hat Dankwarth einen Termin an der Uniklinik abgesagt, geplant war eine Brustvergrößerung. Er fühlt sich mittlerweile nicht mehr als trans, sondern als androgyn, sagt Dinge wie: „Ich habe immer noch eine Riesenladung Weiblichkeit in mir.“ Aber auch: „Biologisch bin ich ein Mann.“ Die Geschlechtsangleichung nennt er einen „riesengroßen Fehler“, einen „Wahnsinn“. Trotz aller Strapazen findet er heute: „Es war wirklich unwahrscheinlich leicht für mich.“ Er wünscht sich, jemand hätte ihn damals aufgehalten – und will jetzt wieder als Mann leben.

Was Wolfgang Dankwarth die „Rolle rückwärts“ nennt, hat im Beamtendeutsch einen Namen: Rückwandlungsbegehren. Das heißt: Die betroffene Person kehrt wieder zu ihrem biologischen Geschlecht zurück. Das kommt nur sehr selten vor. Um herauszufinden, wie selten genau, hat der Frankfurter Psychiater Bernd Meyenburg mehr als 3000 Gutachten ausgewertet – und kommt zum Schluss: Weniger als ein Prozent macht die Personenstandsänderung wieder rückgängig. Für die überwältigende Mehrheit der Transmenschen kommt eine Rückwandlung nicht infrage.

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