Stuttgart - Kleinstkredite an Arme zu verleihen galt vor einigen Jahren als revolutionäre Idee. Mit sogenannten Mikrokrediten lässt sich die größte Not lindern, doch Jobs, die dauerhaft das Einkommen vieler Menschen sichern, entstehen nicht. Die Idee muss weiterentwickelt werden.
Die 20-jährige Ega wollte ihre Familie aus dem Elend befreien. Sie lieh sich umgerechnet 166 Euro von einem Mikrofinanzinstitut und kaufte eine Nähmaschine. Neben ihrem Studium wollte sie für Nachbarn in ihrem indischen Dorf nähen und flicken. Alles lief gut an, bis die Familie einmal die Zinsen nicht zahlen konnte. Die junge Frau nahm einen zweiten Kredit auf, einen dritten und einen vierten. Doch das Familieneinkommen reichte nicht, die auflaufenden Zinsen und Rückzahlungen zu leisten. Die Geldverleiher waren nicht zimperlich. Am Ende schlugen sie der Mutter vor, die Tochter an ein Bordell zu verkaufen. Daraufhin verbrannte sich die Studentin.
Der gute Ansatz, mit Kleinstkrediten Menschen aus der Armut zu helfen, wird überschattet von solchen Nachrichten. Egas Schicksal, über das die "FAZ" berichtete, ist kein Einzelfall. Selbstmorde unter Kreditnehmern, maßlose Gehälter für die Chefs von Mikrokreditinstituten und Wucherzinsen haben das Instrument der Mikrokredite zuletzt in Verruf gebracht. Dabei ist die Idee überzeugend. Kleinste Beträge, die an Einzelpersonen oder Gruppen, oftmals Frauen, verliehen werden, helfen den Menschen, eine Geschäftsidee zu verwirklichen und sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In der Gruppe bürgt jeder für den anderen, die Ausfallquote ist gering.
Ben Simmes weiß um die Problematik. "Das eigentliche Ziel, Menschen aus der Armut zu helfen, ging über die Jahre verloren. Es ging oftmals nur noch um die finanzielle Rendite", kritisiert der Mikrofinanzexperte bei Oikocredit den ungewollten Trend. Die kirchliche Genossenschaft mit Sitz in den Niederlanden hat sich seit vielen Jahren schon auf die Vergabe von Klein- und Kleinstkrediten spezialisiert. Als Folge der Auswüchse in der Branche hat Oikocredit 2009 eine Abteilung ins Leben gerufen, die überprüft, ob Mikrokredite ihren vorgesehenen sozialen Zweck erfüllen, sie wird von Simmes geleitet.
Negative Schlagzeilen kommen gehäuft aus Indien. Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh leben rund 85 Millionen Menschen, etwas mehr als in Deutschland. In dem stark landwirtschaftlich geprägten Gebiet ist die Idee der Mikrokredite besonders weit verbreitet. Dort haben Mikrokreditinstitute viele Nachahmer gefunden, was zu heftigen Konkurrenzkampf führte.
Wettbewerb ist an sich gut. Er hatte jedoch zur Folge, dass Kunden nicht nur einen sondern gleich mehrere solcher Kleinstkredite aufnahmen und am Ende überschuldet waren. Oder sie haben in Notlagen, wenn etwa ein Familienmitglied krank wurde, das Geld ausgegeben, anstelle die Kreditraten zurückzuzahlen. Statt ihrem Elend zu entfliehen, gerieten manche Menschen erst recht in Verzweiflung.
Die schwarzen Schafe unter den Mikrofinanzinstituten wurden vor einigen Jahren durch den Trend zur Kommerzialisierung angelockt, der den Sektor erfasste. Die Institute sollten unabhängig von Spenden werden. "Sie sollten kostendeckend arbeiten und ihr Personal bezahlen können", erläutert Simmes. Dabei hätten manche Institute erkannt, dass man mit Kleinstkrediten gutes Geld verdienen kann: Sie haben auf Kosten der Armen ihren Gewinn maximiert, haben überzogene Zinsen verlangt, sie haben nicht sorgfältig geprüft, ob das Geschäftskonzept des Kreditnehmers stimmt und er überhaupt in der Lage sein wird, die Schulden zu begleichen, zählt der 62-Jährige auf.
