Energiewende DIW kritisiert Altmaiers Kostenschätzung als „verantwortungslos“

Steffen Rometsch, 20.02.2013 16:19 Uhr
1.000.000.000.000 Euro – so hoch schätzt Umweltminister Peter Altmaier die Kosten für die Energiewende, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird. Er will damit vor allem den Druck für seine Pläne einer Strompreisbremse erhöhen. Doch Experten rätseln, wie der CDU-Mann auf diese Zahl kommt.  

Stuttgart/Berlin -Es ist Wahlkampf. Es geht darum, sich selbst in ein gutes Licht zu setzen, Erfolge zu verbuchen und Politik-PR zu betreiben, indem man für Schlagzeilen sorgt. Darum listet Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Horrorzahlen auf, die Stromkunden und Wähler elektrisieren. Bei Energieexperten löst er damit ratloses Kopfschütteln aus.

Als „nicht nachvollziehbar“ bezeichnet Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Altmaiers Rechnung. Die Kosten der Energiewende könnten sich auf eine Billion Euro summieren, rechnet der 54-Jährige vor, der vor neun Monaten das Amt des Bundesumweltministers von dem glücklosen Norbert Röttgen (CDU) übernommen hat. Dem hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das Management der Energiewende nicht mehr zugetraut. Altmaier will nun zeigen, dass er es kann – deshalb muss noch vor der Bundestagswahl im September seine sogenannte Strompreisbremse unter Dach und Fach kommen.

„Es ist verantwortungslos, solche Milliardensummen zu nennen, ohne zu erklären, ohne schlüssige Berechnungen vorzulegen und auf die positiven Effekte der Energiewende hinzuweisen“, sagt Energiefachfrau Kemfert unserer Zeitung.

In der Tat lässt Altmaiers Kostenkalkulation viele Fragen offen, beinhaltet viele Unbekannte. Bleibe es bei dem jetzigen Ausbautempo, könnten unter Berücksichtigung bisher eingegangener Förderverpflichtungen bis zum Jahr 2040 Kosten von rund 680 Milliarden Euro entstehen, erklärt der Minister. Dabei geht Altmaier offenbar von einem festen Börsenstrompreis für die kommenden Jahrzehnte aus. Tatsächlich schwankt der Preis jedoch täglich – und damit auch die Kosten der Ökostromumlage.

„An diesem Vorstoß ist viel Show dran“

Hinzu kämen Kosten für den Netzausbau und für Reservekraftwerke als Ersatz für Atomkraftwerke, für Forschung und Entwicklung, Elektroautos sowie die energetische Gebäudesanierung. Ohne es genauer aufzuschlüsseln, beziffert Altmaier diesen Posten demnach auf rund 320 Milliarden Euro. Eine Gegenrechnung macht der CDU-Mann gar nicht erst auf. So würden jedoch gerade Energieeffizienzmaßnahmen die Stromkosten senken.

„An diesem Vorstoß ist viel Show dran“, sagt Stefan Lechtenböhmer vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie unserer Zeitung. „Das ist eine Milchmädchenrechnung.“ Die Energiewende werde nicht zum Nulltarif zu haben sein, betont Lechtenböhmer: „Natürlich wird uns das was kosten. Das, was es nützt, ist bei Altmaier aber gar nicht eingerechnet.“

„Ohne Energiewende würde es richtig teuer“, warnt auch Kemfert. „Die wahren Kosten-Billionen entstehen durch steigende Preise bei Öl und Gas.“ So wären durch Energieeffizienzmaßnahmen wirklich Milliardenkosten einzusparen. Die Öko-Energien würden als Sündenbock deklariert, so Kemfert, „um von eigenen Managementfehlern der Energiewende abzulenken“. Das Hauptmotiv scheine zu sein, die Energiewende diskreditieren und weiterhin auf fossile Energien setzen zu wollen. „Ein Irrweg, der teuer wird und der die Treibhausgase weiter ansteigen lässt.“

Zu einer seriösen Gesamtrechnung müsse auch gehören, die positiven Effekte der Energiewende einzubeziehen, mahnt der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE) an. „Allein in den vergangenen fünf Jahren hat der Einsatz erneuerbarer Energien Deutschland 43 Milliarden Euro an Ausgaben für fossile Brennstoffe erspart“, sagt BEE-Geschäftsführer Hermann Falk. Ferner erwecke Altmaier den Eindruck, dass der Gesellschaft keinerlei zusätzliche Kosten entstünden, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst würde. „Das ist ein Trugschluss“, so Falk. Stattdessen würden Investitionen in zusätzliche fossile Kraftwerke notwendig.

Untersteller: Angst schüren keine gute Politik

Ähnlich sehe es beim Netzausbau aus: Eine Modernisierung der Netze sei seit Jahren überfällig und von ihren Betreibern nach Kräften verzögert worden. „Hier stehen so oder so erhebliche Investitionen an, die nicht auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zurückgehen“, sagt Falk.

Angst zu schüren sei keine gute Politik, kritisiert Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). „Altmaiers Zahlenakrobatik hat mit sachorientierter Politik nichts zu tun.“ Auch Grünen-Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin rügt Altmaiers Warnung vor Kosten von bis zu einer Billion Euro bei der Energiewende bis zum Jahr 2040 und sprach von „Märchenpeters Rechenkünsten“.„Würde man die gleiche Logik von Altmaier auf die Preise für fossile Brennstoffe anwenden, müsste man für die Brennstoffimporte nach Deutschland im selben Zeitraum fast 16,5 Billionen Euro ausgeben“, erklärt Trittin.

Altmaier rechtfertigt derweil seine Kostenschätzung von bis zu einer Billion Euro. „Ich will mit dieser Zahl die Notwendigkeit der Reform unterstreichen“, sagt er. Daher sei eine umfassende Kostenreform unabdingbar. So ließen sich bis 2040, wenn die letzten auf jeweils 20 Jahre garantierten Förderzahlungen auslaufen könnten, bis zu 300 Milliarden einsparen. In besagtem Interview sagt Altmaier, das Konzept, das er mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) vereinbart habe, sehe vor, „dass wir die Einspeisevergütung für neue Anlagen von jährlich 1,8 Milliarden Euro um eine Milliarde senken“. Und weiter: „Das würde bedeuten, dass wir binnen 20 Jahren 200 Milliarden Euro bei der Einspeisevergütung sparen würden.“ Multipliziert man aber die erhoffte Einsparung von einer Milliarde mit den 20 Jahren käme man nur auf 20 Milliarden. Stellt sich die Frage, wie Altmaier hier gerechnet hat.

 

 

 
 
Kommentare (10)
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EchoRomeo Ist schon länger als 1 Jahr her
der sollte selbst Zahlen vorlegen und keine Zahlenakrobatik betreiben. Dabei ist die Rechnung - ohne politische Verschleierungs-Variablen - ganz einfach. Jahres-Stromverbrauch * KW/h-Kosten die dafür bezahlt werden müssen. Aber so rechnet noch nicht einmal Altmaier, der das übereilte Modell Grünstrom befördern muß. Er muß aber so rechnen - obwohl ihn das auf den Pisa-Stand des Dosenpfand-Politikers bringen könnte - sonst käme zu schnell heraus, daß die Energiewende ein Loch ohne Boden ist. Sauteuer und sinnlos, dazu planlos und völlig übereilt.
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Auch wer Ist schon länger als 1 Jahr her
1.) Es gibt Tausende von Stromanbietern und schon seit 1998 keine Monopole mehr. 2.) Der Strompreis ist inflationsbereinigt seit 1998 gesunken. 3.) Klima wandelt sich immer. Falls sie die Klimaerwärmung meinen: Die Temperaturen steigen seit 15 Jahren nicht mehr. Nichts gegen ihre Religion. Sie können gerne der CO2-Kirche angehören. Aber bei den Fakten sollten sie dennoch bleiben.
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Stromer Ist schon länger als 1 Jahr her
Herr Altmeier, der alte Fuchs... wenn er allerdings davon ausgeht, dass das Volk sich immer noch politikergefilterte Lobbypropaganda als Wahrheit verkaufen lässt, könnte er im Herbst eine lustige (oder garstige) Überraschung erleben. Dass Großkonzerne natürlich interessiert sind, alles weiterhin monopolistisch beliefern zu können, ist klar. Dass Großverbraucher daran interessiert sind, möglichst viele Kosten per Umlage durch die Gesamtbevölkerung tragen zu lassen - geschenkt. Dass man die zu erwartenden Kosten des sich beschleunigt vollziehenden Klimawandels mal eben unter den Tisch fallen lässt - hoppla! Dass 'Nebenkosten' der nuklearen Eenergieerzeugung seit Jahrzehnten sozialisiert werden - autsch! Dass Rückstellungen für unvorhergesehene Fälle in eben dieser Industrie seit Jahren abgebaut werden - die Kosten hierfür aber nach wie vor in die Preiskalkulation der großen 'Versorger' einfließen - na? Macht weiter so, Ihr Volksparteipolitiker (ja, auch Sie, Herr Steinbrück!), und Ihr werdet eine Renaissance des Sozialismus erleben, von der Ihr in den grauslichsten Nächten nicht träumen wolltet... Infrastruktur wie Straße, Bahn, Energie und Trinkwasser gehören schlicht zu den stattlichen Grundaufgaben. Wer hier allzu offensichtlich das Volk für Privatinteressen verkauft, schwört gewaltige und eventuell gewalttätige Unruhe herauf. Herr Altmeier darf sich dann auch zu denjenigen zählen, die die Spur (oder die Lunte) gelegt haben.
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Lenhard Ist schon länger als 1 Jahr her
1.000.000.000.000 Euro - welch ein Chaotenverein, dem wir die Macht gegeben haben. Aber nur noch bis Herbst 2013!
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tomtomtoy Ist schon länger als 1 Jahr her
Im April 2011 wurde eine britische Studie bekannt, wonach Windkraftanlagen (Wind“parks“) weniger effizient sind als behauptet. Untersucht wurde die Stromerzeugung von „Windparks“ in Großbritannien zwischen November 2008 und Dezember 2010 von der Stuart Young Consulting. Nach Darstellung von Windkraftindustrie und Regierungsseite erreichen die Anlagen im Jahresdurchschnitt etwa 30 Prozent ihrer Nennleistung. Aber die Studie hat ergeben, dass während der Hälfte des untersuchten Zeitraums nur unter 20 Prozent der Kapazität erreicht worden sind und während eines Drittels der Zeit sogar unter zehn Prozent. Eine BBC-Bericht darüber ist hier zu finden: http://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-12985410 Dr. Klaus Peter Krause
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