Energiekrise Belgiens Angst vor dem nächsten Winter

Von Detlef Drewes 

Ein Greenpeace-Aktivist protestiert auf dem Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich - in Belgien könnten viele im Winter – zumindest stundenweise – ohne Strom dastehen.  Foto: Greenpeace
Ein Greenpeace-Aktivist protestiert auf dem Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich - in Belgien könnten viele im Winter – zumindest stundenweise – ohne Strom dastehen. Foto: Greenpeace

Ein Horrorszenario: Zig belgische Gemeinden könnten im Winter – zumindest stundenweise – ohne Strom dastehen. Zwei defekte Atomreaktoren des Landes können möglicherweise nie mehr ans Netz – diese Krise betrifft offenbar auch deutsche Meiler.

Brüssel - Es ist ein Horrorszenario, mit dem sich Belgien seit Mittwoch ernsthaft befassen muss: Zig Gemeinden könnten im Winter – zumindest stundenweise – ohne Strom dastehen.

Zahlreiche Industrie-Anlagen müssen für Tage heruntergefahren werden, um Energie einzusparen. In den öffentlichen Gebäuden sollen die Lichter auf Notbeleuchtung ­umgestellt werden. Wo immer es geht, sind Verbraucher und Wirtschaft gehalten, ihren Stromverbrauch einzuschränken. „Nein, das ist leider kein schlechter Scherz“, bestätigte Energie-Staatssekretärin Catherine Fonck jetzt erstmals öffentlich. Dabei ist das Szenario damit noch nicht zu Ende.

Die Ursache für die belgischen Probleme könnte auch die Energieversorgung in anderen Mitgliedstaaten treffen, Deutschland eingeschlossen. Belgien besitzt zwei Atomkraftwerke, die beide seit Jahren zu den europäischen Sorgenkindern gehören. Doel bei Antwerpen verfügt über vier Blöcke, Tihange in der Nähe von Lüttich nahe der deutsch-belgischen Grenze über drei Reaktoren. Sollten tatsächlich einmal alle Meiler am Netz sein, liefern sie 5700 Megawatt, rund 55 Prozent des Stromverbrauchs für zehn Millionen Einwohner. Doch etwa 3000 Megawatt (vier von sieben Blöcken) sind derzeit abgeschaltet. Kein Problem im Sommer, eine Katastrophe im Winter.

Im März wurden Doel 3 und Tihange 2 heruntergefahren, weil man Tausende von Haarrissen in den Stahlkesseln entdeckt hatte. Die Risse waren von der Aufsichtsbehörde FANC zwar schon öfters kritisiert worden und sollen angeblich bereits seit 1979 existieren. Doch mit neuartigen Ultraschall-Testgeräten habe man im Frühjahr das ganze Ausmaß des Schadens aufgedeckt und die sofortige Abschaltung veranlasst, heißt es bei den zuständigen Regierungsstellen.

In einem Forschungszentrum wurden die Beschaffenheit der Stahlkessel sowie das ­Risiko durch die Risse untersucht. Experten setzten in den vergangenen Wochen das Material einer extremen nuklearen Strahlung aus. Erste Ergebnisse zeigen: Möglicherweise können die beiden Reaktoren nie wieder ans Netz gehen.

Damit nicht genug. Weitere 22 Kessel in anderen europäischen Meilern wurden aus dem gleichen Material in der gleichen Weise gefertigt, darunter auch deutsche Anlagen. „Sollte Belgien die Reaktoren nicht wieder anfahren können, ist es schwer vorstellbar, dass die Meiler gleicher Bauart einfach weiterbetrieben werden“, hieß es in dieser ­Woche in Brüssel.

Die Krise in Belgien wird dadurch verschärft, dass erst vor kurzem auch der Block Doel 4 – vermutlich nach einem Sabotage-Akt – abgeschaltet werden musste. Von 90 000 Liter Schmieröl einer Hochdruckturbine waren 65 000 Liter ausgelaufen, was zur Überhitzung führte. „Die Situation ist angespannt und wird nach und nach komplizierter, wenn der Winter kommt und die Temperaturen fallen“, sagte Energie-Staatssekretärin Fonck. Ihr früherer Chef, Ex-Energieminister Johan Vande Lanotte, kündigte inzwischen an, auf „Notstromaggregate und Energieeinsparungen zu setzen sowie Zukäufe aus dem Ausland“ tätigen zu wollen. Auch ein stillgelegtes Gaskraftwerk könne eventuell reaktiviert werden.

Doch er räumte ein, dass die Lage derart „brenzlig“ sei, dass in Belgien wohl durchaus „ein paar Lichter ausgehen“ könnten. Und auch der EU-Markt gibt nicht mehr viel her, auf dem Belgien Ersatzstrom einkaufen könnte. Immer mehr EU-Länder, die auf Kernkraft setzen, ringen mit gravierenden Schwierigkeiten. In Großbritannien mussten gerade erst vier Meiler vom Netz genommen werden, weil sich Defekte im Kesselsystem bestätigt hatten. Betreiber ist die französische EDF. Sollten sich die Probleme als grundsätzlicher Konstruktionsfehler von Anlagen dieser französischen Bauart herausstellen, müsste Paris zwölf Atommeiler stilllegen. Und wenn die Mängel an den belgischen Stahlkesseln alle Reaktoren mit dieser Konstruktion betreffen, würden EU-weit weitere 22 Meiler stillgelegt werden müssen – neben Deutschland auch in den Niederlanden, Schweden, der Schweiz, Spanien und sogar den USA sowie Argentinien.

Mit anderen Worten: Der europäische Strom-Binnenmarkt gibt längst nicht mehr die Überschüsse her, die freies Einkaufen für Belgien oder andere möglich machen. „Glauben Sie mir: Wir sind gerade ziemlich ratlos“, heißt es aus belgischen Regierungskreisen.

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