Emiliano Insua zum Thema Heimat Emiliano Insua: Der VfB-Wandervogel wider Willen

Von Carlos Ubina 

Erst 28 Jahre, aber schon weit rumgekommen:Der Argentinier Emiliano Insua hat bereits in sechs Ländern gelebt. Foto: Pressefoto Rudel
Erst 28 Jahre, aber schon weit rumgekommen:Der Argentinier Emiliano Insua hat bereits in sechs Ländern gelebt. Foto: Pressefoto Rudel

Mit 18 Jahren von Südamerika nach Europa, danach sechs Vereine in fünf Ländern, seit 2015 in Stuttgart. VfB-Profi Emiliano Insua hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Dennoch hat er nie vergessen, wo seine Heimat ist.

Stuttgart - Emiliano Insua ist ein ausgebuffter Profi. 28 Jahre alt, Abwehrspieler und Argentinier mit sechs Auslandsstationen in fünf europäischen Ligen. So steht es in seiner sportlichen Vita. Ein Legionär eben, der seine Fußballdienste anbietet. Denkt man. Doch Emiliano Insua ist auch Mensch. Einer, der mit 18 kurz entschlossen sein Zuhause verließ. Mit nicht viel mehr als großen Hoffnungen und seinem Bündel an Begabungen.

Knapp elf Jahre später sitzt er im Clubhaus des VfB Stuttgart und wärmt sich an einem Schluck Heimat: Matetee. „Das ist normal bei uns. Jeder trinkt das“, sagt Insua. Von Santiago Ascacibar, der erst seit wenigen Wochen beim VfB unter Vertrag steht, bis Lionel Messi, der schon als Kind zum FC Barcelona kam. Sie alle halten gerne die traditionelle Kalebasse (ausgehöhlte Kürbisflasche) in Händen. Denn der Matetee ist für die Argentinier mehr als ein anregendes Aufgussgetränk aus den Blättern des Matestrauchs. Er ist ein Ritual – und auch Insua hat es sich bewahrt.

Insua opfert ein Stück Heimat

Er zieht noch einmal am Saugrohr und erzählt: „Das ging alles sehr schnell, damals.“ Im Januar 2007 brauchte es nur eine Woche, um sein Leben zu verändern. Angebot, Verhandlungen, Entscheidung – so lässt sich verdichten, wie es damals im Hause Insua in Buenos Aires zuging. Scouts des FC Liverpool hatten das Talent der Boca Juniors entdeckt und lockten es nach England. „Ich wollte das unbedingt machen. Es war mein Traum, bei einem großen Club in Europa zu spielen“, sagt Insua.

Doch nicht die Armut trieb ihn weg. Mit dieser Geschichte vom Jungen, der sich durch seine Kindheit schlagen musste, kann Insua nicht aufwarten. Er ist in Villa Urquiza aufgewachsen, „einem ganz normalen Viertel“, wie er sagt. Also saß er wenig später mit einem seiner vier Brüder in einem ganz normalen Flugzeug. Zweifel begleiteten ihn nicht, aber sehr schnell merkte der Teenager, was es bedeutet, sich fremd zu fühlen. „Natürlich gab es schwere Momente, aber es ist Teil des Lebens, Opfer zu bringen, um ein Ziel zu erreichen“, sagt Insua. Und er war bereit, die Nähe zu seiner Familie und seinen Freunden zu opfern. Ein Stück Heimat, wenn man so will.

Vertrautes Flair in Liverpool

„Heimat bedeutet für mich, an einem Ort zu sein, wo ich alles habe: Familie, Freunde und ein Wohlgefühl“, sagt Insua. Ein vertrautes Flair vermittelte ihm in Liverpool anfangs jedoch nur das Training: Der Coach hieß Rafael Benitez, ein Spanier. Zum Kader gehörten seine Landsleute Javier Mascherano und Gabriel Paletta sowie die Spanier Xabi Alonso und Pepe Reina. „Im Team wurde fast mehr Spanisch als Englisch gesprochen“, erinnert sich Insua.

Das hat ihm die Integration erleichtert. Auch, dass er die ersten sechs Monate in einer englischen Gastfamilie verbrachte. Aufgehoben fühlte er sich dort, und auch sein Englisch verbesserte sich enorm. Nur sportlich lief es nicht wie gewünscht. Der Champions-League-Gewinner von 2005 war eine Nummer zu groß – und die Nachwuchskraft wurde an Galatasaray Istanbul verliehen, um Spielpraxis zu sammeln.

„Eine verrückte Stadt“, sagt Insua. Hektisch, laut, unberechenbar. Doch er war offen genug, sich auch in der türkische Metropole anzupassen. Wie später bei Sporting Lissabon oder Atlético Madrid beziehungsweise Rayo Vallecano. Das entspricht Insuas Naturell. Er sieht mehr die Sonnen- als die Schattenseiten. Allerdings hielt Istanbul eine neue Erfahrung für den jungen Defensivmann parat: Er spielte nicht. Weder bei den Profis noch in einem Nachwuchsteam – und daran änderte sich nicht viel.

Viele Argentinier in Spanien und Portugal

Also zog der Wandervogel wider Willen weiter. Nach Portugal und Spanien. „Dort ist die Mentalität der argentinischen sehr ähnlich“, sagt Insua, „deshalb spielen viele von uns in diesen Ländern.“ Nach Deutschland verschlägt es weniger Südamerikaner. Geplagt von Kälte und Heimweh zieht es sie oft zurück. Auch Insua war vor einigen Wochen wieder in Buenos Aires. „Ich habe eine kleine Luftveränderung gebraucht. Ansonsten wäre mir die Zeit hier wegen der Verletzungspause sehr lange vorgekommen.“

Anfang August hatte sich Insua eine Riss- und Muskelverletzung oberhalb des rechten Knies zugezogen. In Argentinien behandelte diese der Arzt der Nationalmannschaft weiter, ein befreundeter Physiotherapeut arbeitete mit ihm zusätzlich in der Reha und – ganz wichtig – der Nationaltrainer Jorge Sampaoli sprach mit ihm. Ergebnis: Insua befindet sich im Blickfeld.

Das spornt den Linksverteidiger vor seinem möglichen Comeback an diesem Freitag gegen den 1. FC Köln weiter an. Denn Pathos ergreift auch Insua, den sie seit 2015 beim VfB als gelassenen Typen wahrnehmen, wenn es um die Albiceleste geht. Und irgendwann will Insua zurückkehren, nicht nur für Länderspiele oder Stippvisiten. Das weiß er sicher – obwohl er nichts bereut und in Stuttgart weder fröstelt noch fremdelt. „Ich fühle mich unglaublich wohl hier. Alles ist klar geregelt und gut organisiert. Als Spieler brauchst du dich nur um den Fußball zu kümmern“, sagt Insua.

Kontakt zu den Eltern von Nicolas Sessa

Als Mensch muss der zweifache Vater aber ebenso danach schauen, dass es seiner Lebensgefährtin Tatiana Chao sowie den Söhnen Noah (5) und Iker (1) gut geht. Sie wohnen in Bad Cannstatt, und anfangs tat sich vor allem seine Partnerin wegen der Sprache schwer. Mittlerweile hat auch sie Anschluss gefunden – über ihren Sport, das Hockey, sowie über neue Freunde. Zum Beispiel den Eltern des U-23-Spielers Nicolas Sessa, die Argentinier sind.

Für Noah ist es dagegen ein Kinderspiel gewesen, Kontakte zu knüpfen. Er besucht den Kindergarten der Swiss International School in Fellbach. „Er wirft nur manchmal die deutschen und englischen Wörter durcheinander, ansonsten läuft es sehr gut“, sagt Insua über den Fünfjährigen, der dreisprachig aufwächst. Seit Kurzem schnürt Noah auch die Kickstiefel für die Bambini des SV Fellbach. Und nächsten Sommer wird er eingeschult, sein jüngerer Bruder soll dann in den Kindergarten kommen. Das ist der Plan – und Stuttgart als zweite Heimat? „Langsam“, sagt Insua und ist wieder der ausgebuffte Profi. Für ihn hat Heimat keinen Plural. Es gibt nur eine.

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