Niemand versteht mich? Von wegen! Zum Glück gibt’s mein Auto. Es denkt mit, reagiert auf die kleinste Geste, organisiert und informiert. Natürlich fährt es auch, aber das gerät zur Nebensache. „Das Auto wird zum digitalen Partner“, sagt Dieter Zetsche. Nicht nur der Daimler-Vorstandsvorsitzende setzt auf neue Telematik- und Infotainmentsysteme, auf innovative Mobilitätskonzepte, auf „noch mehr Flexibilität und Freiheit“. Der Chef der Audi-Elektronik-Entwicklung Ricky Hudi ist sicher: „Dieses Jahrzehnt wird das Auto voll mit seiner Umwelt vernetzen.“
Auf der Consumer-Electronic-Messe in Las Vegas hat Zetsche die Zauberformel vorgestellt: DICE (was für Dynamic & Intuitive Control Experience steht). Der weiße Designwürfel vermittelt einen Eindruck, wie das Auto der Zukunft von innen aussehen könnte. Da gibt es zwar noch ein Lenkrad, das der Fahrer nutzen kann, wenn er will – falls er nicht dem Wagen überlassen will, die Regie beim Einparken oder beim Beschleunigen und Abbremsen im Stau zu übernehmen.
Eines aber gibt es nicht mehr: Schalter, Knöpfe und Tasten. „Mit der zunehmenden Vernetzung strömen so viele Informationen auf den Fahrer ein, dass wir mit klassischen Bediensystemen nicht mehr auskommen“, sagt der Mercedes-Forscher Professor Bharat Balasubramanian. Also reichen Gesten, um durch die Menüs zu scrollen, Unterpunkte auszuwählen, Funktionen zu starten.
Denn genau wie bei Smartphones und Tablet-PCs reichen die Bewegungen einer Hand oder eines Fingers aus, um Funktionen zu aktivieren oder eine Auswahl zu treffen – ohne den Bildschirm zu berühren. Kameras erkennen die Richtung der Gesten, und Infrarotsensoren messen die Entfernungen: So kann die Elektronik das Bewegungsmuster erfassen und jedes Kommando verstehen.
Alles dreht sich dabei ums Smartphone, über das das Auto die Verbindung zum Internet hält und so mit der Außenwelt vernetzt, sagt Mercedes-Designer Hartmut Sinkwitz. Etwa so: Mit einem Fingerzeig wird über einen Live-Stream die Musik ins Auto geladen, die in einer Disco läuft, an der man gerade vorbeifährt (Menü Media); oder auf der Navigationskarte den Standort von Freunden und Bekannten aus den eigenen sozialen Netzwerken in der darunter angeordneten 3-D-Stadt sehen (Menü Social); oder im Vorbeifahren Hotelbetten und Theaterkarten buchen (Menü Places).
Wozu ist schließlich die Windschutzscheibe da? Nicht mehr nur ein Fenster, sondern auch ein Bildschirm – wenn gewünscht, in eine Fahrer- und Beifahrerseite getrennt. Klar, dass da auch das Armaturenbrett kein Armaturenbrett mehr ist, sondern ein Displayband.
Serienreif ist das noch nicht, aber weit mehr als nur eine Vision. „Die Technologie ist grundsätzlich schon verfügbar“, sagt der Leiter der Produktinnovation in der Mercedes-Forschungsabteilung, Professor Eike Böhm. Kameras, Mikrofone und Algorithmen können längst erkennen, welche Bedeutung die jeweiligen Bewegungen haben. Die entscheidende Frage ist nur: Was ist davon im Auto wirklich sinnvoll, was technische Spielerei?
,,Wir glauben, dass die Vernetzung ein Schlüsselelement der Zukunft sein wird.“
„Wir glauben, dass die Vernetzung ein Schlüsselelement der Zukunft sein wird“, sagt Zetsche und träumt davon, Kunden auf diese Art noch unabhängiger von Ort und Zeit zu machen. Vor allem für die Zeit, die man in seinem Premium-Automobil (besser: in seiner mitdenkenden, intelligenten und mobilen Kommunikationszentrale) verbringt. „So wie ein Smartphone weit mehr sein kann als nur ein Kommunikationsinstrument, so kann auch ein smartes Auto mehr sein als nur ein Transportmittel“, sagt der Daimler-Chef, der an den Schnittstellen von Kommunikation und Mobilität „riesige Innovationspotenziale“ sieht. Zetsches Ziel ist deshalb klar: „Die wollen wir heben.“
Das intelligente Auto kommuniziert nicht nur mit seinem Fahrer, sondern auch mit anderen Verkehrsteilnehmern und seinem gesamten Umfeld, wertet augenblicklich alle relevanten Informationen für die Fahrt aus und setzt sie um. Um heranfahrende Fahrzeuge an Kreuzungen früh virtuell eingeblendet zu erkennen, um Gefahrensituationen zu vermeiden, um einfacher freie oder frei werdende Parkplätze zu finden.
Trotzdem müssen die Autos nicht unbedingt teurer werden, hört man in der Branche. Schließlich würden Hardware-Bausteine entfallen und Software durch großflächige Verbreitung verhältnismäßig günstig werden. Auch ein anderes Problem scheint lösbar. Zwar dauert die Entwicklung eines neuen Autos rund sieben Jahre, während Apple etwa einmal im Jahr eine völlig neue iPhone-Generation auf den Markt bringt – doch auch hier gibt es ein Zauberwort: Cloud. Was bedeutet: Das Auto soll nicht mehr alle Daten an Bord haben, sondern sie frisch direkt aus dem Internet beziehen. Es gäbe folglich keine veralteten Straßenkarten mehr, und neue Anwendungen wären sofort verfügbar – ohne einen Besuch in der Werkstatt.
Dieter Zetsche formuliert es so: „Eine Lektion, die wir auf unserem Weg zur Internetmobilität gelernt haben, heißt: Das größte Risiko ist es abzuwarten, bis ein anderer den ersten Schritt macht.“ Da bleibt nur zu hoffen, dass Sebastian Haffner mit seiner 80 Jahre alten Beobachtung im neuen Mobilitätszeitalter danebenliegt: „Die Autos werden immer klüger, ihre Fahrer leider nicht.“
