Elektrifizierung Illusion oder die Zukunft des Verkehrs?

Von Norbert Wallet 

Teststrecke von Siemens in Berlin: Hier fahren schwere Lastwagen mit Strom. Foto: Siemens AG
Teststrecke von Siemens in Berlin: Hier fahren schwere Lastwagen mit Strom.Foto: Siemens AG

Siemens glaubt an die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs, bei Daimler keine Überzeugung.

Berlin - Es klingt utopisch. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen schlägt vor, Autobahnen mit Oberleitungen zu versehen, damit der Lkw-Verkehr elektrifiziert ablaufen kann.

„Nein, wie soll das denn funktionieren? Das kann doch nicht klappen!“ Als Karlheinz Schmidt von der Idee zum ersten Mal hörte, reagierte er, wie die meisten Menschen reagieren, wenn sie mit einer kühnen Zukunftsvision konfrontiert werden – mit einem gehörigen Schuss Skepsis. Zumal Schmidt vom Fach ist und weiß, wovon er redet. Er ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr. Und dass Lastwagen einfach mal Zug spielen und ihre schwere Ladung elektrisch und durch Kontakt mit einer Oberleitung angetrieben auf der Straße transportieren – das wollte ihm nicht in den Kopf.

In Großdölln betreibt Siemens eine Pilotstrecke

Jetzt denkt er anders, denn er war in der Uckermark. Dort hat er selbst gesehen, dass es funktioniert. In Großdölln betreibt Siemens eine Pilotstrecke. Das Projekt nennt sich „Enuba“ und wurde vom Bundesumweltministerium in den Jahren 2010 und 2011 mit über zwei Millionen Euro gefördert, inzwischen läuft Enuba II. In der technischen Sprache der ministeriellen Planer hieß das Ziel, „den elektrischen, fahrdrahtgebundenen Betrieb schwerer Nutzfahrzeuge für den Straßengüterverkehr zu untersuchen und die technische Realisierbarkeit des Systems auf einer Teststrecke zu demonstrieren“.

Das Ergebnis kann man so beschreiben, wie es Karlheinz Schmidt tut: „Ich bin fasziniert. Es funktioniert. Es gibt auch beim Überholen kein Rütteln und Schütteln, ganz sanft, wegen der Hybridtechnik. Wenn der Lkw den Kontakt zum Fahrdraht verliert, springt der Dieselantrieb ein.“ Oder so, wie es in einer offiziellen Broschüre des Ministeriums heißt: „Insgesamt konnte auf der Teststrecke die technische Machbarkeit des gewählten Systems aus Fahrzeug, Fahrleitungssystem und Energieversorgung zur Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs nachgewiesen werden.“ Aber dann schleicht sich selbst in die staubtrockene Beamtenprosa ein Hauch Euphorie: „Mit dem Projekt Enuba wurde der Grundstein für ein neuartiges, ökologisch orientiertes Güterverkehrskonzept gelegt.“

Die Nachricht kommt zur rechten Zeit, denn zwei Entwicklungen machen allen Umweltexperten große Sorgen: Die Verkehrsleistung wird in Tonnenkilometern gemessen. Sie liegt heute insgesamt im Güterverkehr bei 620 Milliarden Tonnenkilometern. Etwa 70 Prozent entfallen dabei auf den Verkehrsträger Straße. Bis zum Jahr 2050 wird sich dieses Volumen nach seriösen Prognosen verdoppeln. Von 2008 bis 2050 werden sich zudem die CO2-Emissionen von 67,5 Millionen Tonnen auf dann 120 Millionen Tonnen erhöhen. Das ist grotesk, denn soll das Klimaziel der Bundesregierung bis 2050 verwirklicht werden, dann dürfte der Ausstoß bis dahin nicht über zehn Millionen Tonnen liegen. Es besteht also – milde ausgedrückt – Handlungsbedarf. Am Montag stellt der Sachverständigenrat für Umweltfragen sein Jahresgutachten vor. Die Ratgeber der Bundesregierung empfehlen darin, „der leitungsgebundenen Elektrifizierung des Güterverkehrs Priorität“ einzuräumen.

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Kritik an Europa Europa ist oft der Sündenbock

Von 27. August 2016 - 9:30 Uhr

Ob bei der Regulierung, dem Freihandel oder dem Arbeitsrecht: Pauschalkritik an der EU ist nicht berechtigt. Häufig verschärfen die Mitgliedsländer die Vorgaben aus Brüssel.