Einzelhandel in Stuttgart Masse statt Klasse an der Königstraße

Von Sven Hahn 

In der Innenstadt dreht sich das Immobilienkarussell – aktuelle Mieterwechsel weisen auf einen klaren Trend hin: Teure Läden wandern Richtung Dorotheen-Quartier, für Teile der Königstraße sprechen Experten hingegen von einem Abwärtstrend.

Stuttgart - Mit Teilen der Königstraße geht es bergab. Das ist die einhellige Meinung zahlreicher Immobilien- und Handelsexperten mit Blick auf die jüngsten Mieterwechsel in der Stuttgarter Innenstadt. Fakt ist: Auch aufgrund der Eröffnung des Dorotheen- Quartiers am Karlsplatz ordnet sich der Handel in der City neu – einmal mehr.

Der jüngste prominente Wandel im Stuttgarter Immobilienkarussell ist der offenbar geplante Abzug des Juweliers Wempe von der Königstraße. Nach Informationen aus Maklerkreisen wird der Juwelier die Stuttgarter Innenstadt jedoch nicht verlassen. Wempe will mutmaßlich dort einziehen, wo sich derzeit die Filiale der Luxusmarke Escada an der Kirchstraße befindet.

Eine weitere Veränderung, die aus Sicht der Königstraße in eine ähnliche Richtung geht, ist die Nachfolge von Bogner. Der etablierte Modehändler hatte seine Filiale im Gebäude Königstraße 54 aufgegeben. Der Nachmieter heißt Iqos – ein Anbieter von E-Zigaretten aus dem Hause des Tabakriesen Philip Morris. Zu diesen Veränderungen kommen weitere Wechsel aus jüngster Vergangenheit: So wurde die Sportarena an der Ecke zur Schulstraße von einem Modeoutlet namens Saks off 5th ersetzt.

Hintergrund dieses Wandels in der Königstraße ist nach Meinung vieler Makler die baldige Eröffnung der umstrittenen Billigmodekette Primark im früheren Karstadtgebäude. „Primark sorgt für einen Aufschrei“, lautet die Einschätzung. Ulrich Nestel, Leiter des Bereichs Einzelhandel bei Ellwanger und Geiger, beobachtet, dass sich die Nachbarschaft entsprechend anpasst.

„Ein Schock für die Königstraße“

Weiter sagt er: „Kleinere Händler mit wenigen oder keinen Filialen werden abgedrängt.“ Das sei aufgrund der immer noch hohen Mieten gar nicht anders möglich. „Darunter leidet dann die Vielfalt“, so Nestel weiter. Auch den Einzug des E-Zigaretten-Händlers an einer derart prominenten Stelle bezeichnen viele Makler als „Schock für die Königstraße“. In der Branche wird der Standort als reines Marketinginstrument bezeichnet. „Zeitgleich mit der Eröffnung wurde eine massive Werbekampagne über die Stadt ausgerollt“, berichtet Nestel und erklärt: „Während ein inhabergeführter Händler mit den Einnahmen seines Ladens sämtliche Kosten decken muss, könnte das Geld für Miete und Personal etwa bei Iqos aus dem Marketingbudget stammen.“ Will heißen: Inhabergeführte Geschäfte haben an der Einkaufsstraße kaum noch eine Chance.

Der Grad der Filialisierung an der Königstraße lag im Bundesvergleich lange Jahre unter dem Durchschnitt. Dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren jedoch deutlich erhöht und liegt inzwischen höher als in vielen anderen deutschen Großstädten.

Citymanagerin Bettina Fuchs will zwar nicht von einem Absinken der Qualität der Mieter auf der Königstraße sprechen. Sie spricht mit Blick auf die Entwicklung an der oberen Königstraße aber sehr wohl von einem Abwärtstrend. „Dass dort ein Trading-down stattfindet, ist sichtbar.“ Es sei auffällig, dass Investoren bereit sind, etwas aus ihren Liegenschaften zu machen, während Bestandshalter jahrelang nichts investiert haben. „Hier kann ich nur hoffen, dass die Eigentümer dies erkennen und durch Investitionen entgegenwirken.“ Den Rückgang der Kundenfrequenz auf der Königstraße jedoch allein dieser Entwicklung zuzuschreiben, sei falsch. „Das ist ein Zusammenspiel aus wachsendem Online-Handel und der vergrößerten Handelsfläche in Stuttgart“, sagt sie. Durch die Eröffnungen von Gerber, Milaneo und Dorotheen-Quartier sind in wenigen Jahren rund 20 Prozent Verkaufsfläche in der City hinzugekommen – Fachleute sprechen von einer bundesweit einzigartigen Entwicklung.

Der Handel sortiert sich neu

Angelo Caldarelli, Einzelhandelsexperte bei Jones Lang Lasalle, sagt: „Es findet zusammen, was zusammengehört.“ Die große Masse an neuer Verkaufsfläche habe dazu geführt, dass Bewegung in den Markt gekommen ist, sagt er. „Der Handel in Stuttgart sortiert sich neu.“ Von einem Abwärtstrend will Caldarelli jedoch nicht sprechen. „Die Königstraße wird konformer für den Massenmarkt“, formuliert er vorsichtig.

Während die Geschäfte an der großen Stuttgarter Einkaufsmeile künftig also vermehrt auf Masse und ein jüngeres Publikum setzen, verstärkt sich auf dem Weg Richtung Dorotheen-Quartier der Trend zum Luxus. Denn auch rund um Stift- und Kirchstraße kündigen sich Veränderungen an. Neben der bereits erwähnten Eröffnung von Wempe wird die Marke Rimowa ihre Aluminiumkoffer künftig dort verkaufen, wo derzeit die Edelmarke Louis Vuitton an der Stiftstraße 3 ansässig ist. Diese wiederum zieht ins Dorotheen-Quartier. Der Wechsel erscheint logisch, da beide Marken zum selben Mutterkonzern gehören (Moët Hennessy – Louis Vuitton SE). Berichten aus Immobilienmagazinen zufolge plant zudem die französische Luxusmarke Hermès einen neuen Laden in einem Neubau an der Stiftstraße.

Angesprochen auf die aktuelle Lage sagt Christoph Achenbach, der Sprecher des Arbeitskreises Handel in Stuttgart: „Die Königstraße setzt auf Masse statt Klasse.“ Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang: Bereits vor Jahren hatte der heute 87-jährige Heinz Reinboth, Chef der einst einflussreichen Interessengemeinschaft Königstraße, vor einem zu starken Zuwachs an Verkaufsfläche in Stuttgart gewarnt.

Lesen Sie jetzt