Einzelhandel in Esslingen Das Ende eines Familienbetriebs

Von Kathrin Waldow 

Das Sterben inhabergeführter Läden in der Esslinger Innenstadt geht weiter: 200 Jahre lang haben die Langbeins ein Geschäft in der Pliensaustraße 22 geführt. Nun hat Traute Langbein ihre Drogerie aufgegeben.

Esslingen - Traute Langbein zog 1974 in das Haus in der Pliensaustraße 22, das sie nun verlässt. Ihr Mann war der Enkel der Bürstenfabrikanten Langbein, die 1814 das Geschäft für Pinsel und Bürsten in der Esslinger Innenstadt eröffneten. Über ein Jahrhundert später, 1981, übernahmen Eberhard und Traute Langbein das Geschäft. Die beiden machten daraus eine damals moderne Drogerie. „Angefangen haben wir mit Babynahrung, Windeln und Tees, später kamen Kosmetik- und Pflegeprodukte dazu. Pinsel und Bürsten hatten wir natürlich weiterhin im Sortiment“, erzählt Langbein.

Seit dem Tod ihres Mannes 1996 führte sie die Drogerie alleine weiter, unterstützt von ihren vier Kindern und zwei Angestellten. Nach über 200 Jahren Familienbetrieb war nun jedoch Schluss. „Alles muss raus – Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ stand in den letzten Wochen an den Schaufenstern geschrieben. Die Drogerie wirkte in Anbetracht der allgegenwärtigen Drogerieketten und im Vergleich zu mancher Hochglanzparfümerie wie aus der Zeit gefallen, doch sie war immer noch eines der wenigen Zeugnisse Esslinger Innenstadtgeschichte.

Über Mieten in Esslingen und wie die Stadt der Entwicklung des Einzelhandels begegnen will, haben wir mit Silke Renninger-Metz vom Citymanagement gesprochen. Hier geht’s zum Interview.

Ende der 70er kamen die großen Drogeriemärkte

„Als mein Mann und ich das Geschäft 1981 übernahmen, sah die Pliensaustraße noch ganz anders aus. Wir waren hier in den 70er- und 80er-Jahren eine richtige Straßengemeinschaft und organisierten etwa die Weihnachtsbeleuchtung zusammen. Die Kunden gingen erst zum Metzger und zum Bäcker und kamen dann zu uns“, erzählt Traute Langbein ein bisschen wehmütig. Mit der Zeit seien dann immer weniger Kunden gekommen. Dies habe vor allem an den Ende der 70er-Jahre aufkommenden Drogeriemärkten gelegen und weil so mancher alteingesessener Metzger und Bäcker zugemacht habe. „Heute hat sich alles in Richtung Bahnhofstraße entwickelt“, so Langbein. Dort lockt das Einkaufszentrum Das ES mit einem dm, H&M, C&A und einem Saturn.

Wirtschaftlich gelohnt habe sich ihre Drogerie mit den Rasier- und Schminkpinseln, Kosmetikartikeln und Putzmitteln schon länger nicht mehr. Langbeins Glück war, dass sie die Drogerie im eigenen Wohnhaus betrieb. „Wenn wir hier Miete hätten zahlen müssen, wäre es schon längst nicht mehr gegangen“, sagt die 67-Jährige. Das könne sich kaum einer leisten in der Esslinger Innenstadt.

„Mieten wären unbezahlbar“

Eine paar Meter weiter auf der Inneren Brücke erzählt Martin Bühler, der Inhaber des Hutladens Bühler, eine ähnliche Geschichte. Auch sein Geschäft stammt aus einem früheren Jahrhundert, um 1892 soll es gegründet worden sein. „Wenn das nicht mein Haus wäre, wären wir nicht mehr hier“, sagt der 64-Jährige. Obgleich er es mit seinen Hüten etwas leichter hat als Traute Langbein mit Drogerieartikeln: „Direkte Konkurrenz habe ich in Esslingen nicht. Der Trend geht wieder mehr zum Hut, gerade wenn es sehr sonnig oder kalt ist“, so der Ladenbesitzer. Was die Nachfolge angeht, hält sich Bühler bedeckt. „Es kann gut sein, dass es hier auch mal kein Hutgeschäft mehr gibt, für so einen Laden findet sich nicht so leicht ein Nachfolger“, sagt er.

Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten

Der Hutladen Bühler, die Drogerie Langbein oder auch das Süßwarengeschäft Haaga sind so etwas wie Überbleibsel aus vergangenen Tagen des Einzelhandels, bei denen Nostalgikern das Herz aufgeht. Wer heute die Pliensaustraße entlangläuft, sieht viele Ketten und Modefilialen: Orsay, Bonita, Zero, Starbucks, Handyläden und eine Filiale der Drogerie Müller direkt gegenüber der Langbeins. „Es ist schon traurig wie die Innenstadt verarmt. Abgesehen von der Konkurrenz der großen Drogeriemärkte und dem Onlinehandel, ist es unattraktiv für Familien so einen Betrieb zu führen, weil kaum Zeit für ein Privat- und Familienleben bleibt“, sagt Langbein. „Wir hätten uns komplett neu ausrichten und erneuern müssen, um in diesem Bereich zu bestehen“, pflichtet ihr Tochter Susanne bei. Sie wird das Haus übernehmen und renovieren, eine inhabergeführte Drogerie unter dem Namen Langbein wird es hier jedoch nicht mehr geben. Trotzdem: „Dass das Haus in Familienbesitz bleibt, macht es mir einfacher“, sagt Traute Langbein und freut sich nun auf ihren Ruhestand.

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