Weitere Bezirke
 
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren
Artikel bewerten [0.00/0]

Eine Wurzel des Stuttgarter Mädchenfußballs

"Nord-Rundschau", vom 30.01.2012 02:38 Uhr
Fußball Inge Strecker vom TSV Weilimdorf engagiert sich seit fast 30 Jahren für weibliche Nachwuchskicker. Von Simon Leißler

Eigentlich ist es ihr gar nicht so recht. Inge Strecker ist keine Frau der großen Töne, keine, die gerne im Rampenlicht steht. Dennoch wird die bescheidene 59-Jährige die Auszeichnung annehmen, die ihr der Württembergische Fußballverband (WFV) verleihen wird. Denn es geht dabei nicht nur um sie. Es geht um das, wofür sie sich seit fast drei Jahrzehnten mit viel Herzblut einsetzt. Am 4. Februar wird die Jugendtrainerin vom TSV Weilimdorf als eine von 16 Bezirkssiegern der Aktion Ehrenamt 2011 vom WFV für ihr Engagement für den Stuttgarter Mädchenfußball und ihren Beitrag zur Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ausgezeichnet.

"Bleibt lieber hinter dem Herd!", "Hey, tauscht doch mal die Trikots!", "Ihr seid besser in der Küche als auf dem Fußballplatz!" - solche Sprüche von den männlichen Kollegen waren an der Tagesordnung, als Inge Strecker vor 42 Jahren anfing mit dem Fußballspielen. "Eigentlich war es Zufall, dass ich überhaupt dazu gekommen bin", erzählt Strecker. "Mein Bruder war Schriftführer bei der Spvgg Giebel, und als die ein paar Mädchen für ein Faschingsturnier gesucht haben, hat er mich und meine zwei Schwestern gefragt, ob wir nicht Lust hätten." Die drei jungen Frauen hätten zugesagt und dann - trotz der häufigen Hänseleien - so viel Spaß gehabt, dass sie weiter dabei geblieben seien. Ein Jahr später spielten sie in einer der ersten Damenmannschaften im Bezirk Stuttgart. "Richtig erfolgreich waren wir zwar nie, aber wir haben gern Fußball gespielt", erinnert sich die 59-Jährige. "Aber wir waren auch nicht ganz schlecht." Ein Pokalsieg im Bezirk, ein Meistertitel in der Kreisliga und der Aufstieg in die Bezirksliga markieren die Höhepunkte der 25-jährigen Karriere der offensiven Mittelfeldspielerin. Auf die Idee, Trainerin zu werden, kam Inge Strecker 1983 bei einem Kurs rund um das Thema Damenfußball an der Sportschule in Wangen im Allgäu. Der fehlende Nachwuchs im eigenen Team motivierte die zierliche Ditzingerin, Mädchen für den Fußball zu begeistern. "Ich habe die Töchter von Bekannten angesprochen", sagt Strecker. "Am Anfang waren es nur drei oder vier, aber nach einem dreiviertel Jahr hat es dann für die erste Mannschaft gereicht." Seit dieser Zeit ist "Wurzel", wie Inge Strecker überall nur genannt wird, dem Mädchenfußball treu geblieben. Ihre Mädchenmannschaft war eine der ersten im Raum Stuttgart. "Als Trainerin musste ich gegen weniger Widerstände ankämpfen als als Spielerin", erzählt die gelernte Maschinenbautechnikerin. "Aber auch wenn die Jungs die Mädchen nicht mehr gehänselt haben wie das früher der Fall war, im Verein gingen trotzdem immer die Männer vor." Zu schaffen gemacht habe ihr aber vor allem das Desinteresse mancher Eltern. "Ich denke, dass viele nicht wollten, dass ihre Tochter Fußball spielt", sagt Strecker. "Wenn das Mädchen einen Bruder hatte, der auch gekickt hat, sind sie lieber zu seinem Spiel gegangen als zu ihrem." So sei es oft schwierig gewesen, Fahrer für die Mädchenspiele zu finden, aber auch das habe sich mittlerweile gebessert.

Durch geduldige und kontinuierliche Arbeit hatte Strecker die weibliche Jugendarbeit bei der Spvgg Giebel auf drei Mädchenmannschaften ausgebaut, als sie 2008 vom TSV Weilimdorf angesprochen wurde. "Da ging es mit Giebel schon bergab", erinnert sie sich. "Deshalb bin ich mit allen Mädchen zum TSV gewechselt." 2011 löste sich die Spvgg wegen Mitgliederschwundes und fehlender Mannschaften auf.

Mit dem neuen Verein und größerer Unterstützung kam dann auch der Boom. Die gut organisierte Nachwuchsarbeit trägt Früchte, immer mehr Mädchen strömen zum TSV. "Wir haben zurzeit zwischen 60 und 70 Mädchen", berichtet Strecker stolz. "Damit haben wir mit die meisten in Stuttgart." Vier weibliche Jugendmannschaften nehmen zur laufenden Saison 2011/2012 am Spielbetrieb teil, eine in jeder Altersklasse. Inge Strecker kümmert sich vor allem um die E-Jugend. "Ich wünsche mir, dass meine Mädels so erfolgreich bleiben wie in der Vorrunde und vielleicht Meister werden", so die Trainerin.

Neben ihrer Tätigkeit für den TSV Weilimdorf ist Strecker seit 2009 aber auch noch an der Maria-Montessori-Schule in Hausen aktiv - ein weiterer Grund für den Erhalt des Ehrenamtspreises. An der Grundschule leitet sie eine wöchentliche Fußball-AG für rund 20 Zweit- bis Viertklässler, viele davon mit Migrationshintergrund. "Sport ist auch für die Integration gut", findet Inge Strecker. "Alle müssen das Gleiche machen und werden gleich behandelt." Dass ihr integratives Wirken an der Schule eigentlich mit einem Missverständnis begann, bringt die Trainerin heute zum Schmunzeln. "Als die Schulsekretärin auf mich zugekommen ist, dachte ich, dass es nur Mädchen sind, die ich trainieren soll", erzählt Strecker. "Bis auf zwei waren es dann aber am Anfang ausschließlich Jungs." Die Kinder seien aber so begeistert dabei gewesen, dass sie sie nicht habe enttäuschen wollen.

Dass ihr Steckenpferd Frauenfußball wohl nie so populär werden wird wie der Herrenfußball, ist Inge Strecker bewusst. Vieles habe sich jedoch seit ihrer eigenen Anfangszeit zum Besseren verändert. Dennoch hofft sie, dass die Entwicklung noch weitergeht. "Ich wünsche mir, dass Frauen- und Männerfußball nicht immer miteinander verglichen werden. Das geht körperlich nicht, eine Frau läuft auch nicht gegen einen Mann die 100 Meter." Als eigene Disziplin solle der weibliche Fußball noch mehr in der Öffentlichkeit präsent sein. Strecker: "Es wäre schön, wenn man Frauenfußball in den Medien außerhalb einer WM nicht mehr mit der Lupe suchen müsste." Durch die Auszeichnung, die sie erhält, möchte sie dazu zumindest einen kleinen Beitrag leisten.

Kommentare (0)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentare schreiben
Titel *  
     
Autor *  
     
Kommentar *  
             
(optional)
E-Mail   (wird nicht veröffentlicht)
             
Straße     Hausnr.  
             
PLZ     Wohnort  
             
    (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
             
      * Pflichtfelder
 
Treiben Sie Sport? Spielen Sie ein Instrument? Dann erzählen Sie uns von Ihrem Verein. »
 
Anzeige
Prospekte

Videos
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
 
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise
 
 
stuttgart-gedenkt.de

Traueranzeigen, Trauerportal

Stuttgart-Gedenkt.de ist das gemeinsame Trauerportal der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten im Internet. Hier können Sie nach Verstorbenen suchen, an sie erinnern und gemeinsam mit anderen Menschen trauern.
www.stuttgart-gedenkt.de
Bestattungsunternehmen in Stuttgart und der Region