Eine Weihnachtsgeschichte Natalies Lachen

Von Jan Sellner 

Hoffnung auf eine gute Zukunft: Rozan, Tochter Natalie und Kamiran (von links) Foto: Sellner
Hoffnung auf eine gute Zukunft: Rozan, Tochter Natalie und Kamiran (von links)Foto: Sellner

Vor eineinhalb Jahren kam Rozan hochschwanger von Syrien nach Deutschland. In der Hoffnung auf Frieden. In Tuttlingen fand die junge Kurdin eine Herberge. Hier wurde ihre Tochter Natalie geboren. Und hierhin fand auch ihr Mann. Die Fortsetzung einer Weihnachtsgeschichte.

Tuttlingen - Das Jesuskind ist eine süße Sie – Natalie. Sie hat sich prächtig entwickelt. Dunkle Haare, strahlende Augen, zarte Finger, die nach allem greifen. Erste Schritte, erste Wörter. Der kleine Kopf fliegt hin und her, die Augen tanzen – vom Besucher zum Teller mit den Keksen und wieder zur Mutter. Lachen, wenn der Papa Grimassen schneidet. Weinen, wenn die Mama sie absetzt, um Kaffee zu kochen. Und Staunen über den Gast – den „jabo“. Das kurdische Wort für Onkel. Dann folgt auf Deutsch ein blubberndes „Hallo“.

Hallo Natalie. Hallo Rozan und Kamiran. Schön, Sie wiederzusehen! Wie ist es Ihnen im vergangenen Jahr ergangen? Die Begrüßung in der kleinen Wohnung in der Tuttlinger Nordstadt ist herzlich. Groß geworden bist du, kleine Natalie . . .

Zeit, die Vorgeschichte zu erzählen. Es ist eine Weihnachtsgeschichte. Sie beginnt im vergangenen Jahr. Damals, im Herbst, hatte der Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck (CDU) die Landes-Grünen zu Gast in seiner Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war das Flüchtlingsthema nur eines von vielen, doch Beck stellte es bereits ins Zentrum. „Wir sollten Willkommenskultur leben und nicht nur darüber reden“, sagte er in seinem Grußwort an den Parteitag. Dem Berichterstatter aus Stuttgart zeigte er anschließend ein Foto von einer Flüchtlingsfrau und ihrem Baby: Rozan Mohammed und Natalie.

Ihre Flucht begann im Oktober 2013

Im Oktober 2013 war die junge Kurdin mit ihrem Mann Kamiran Farho aus der Stadt Amuda im Norden Syriens geflohen. Über die Türkei und Griechenland kam Rozan nach Deutschland. In Tuttlingen brachte sie im August 2014 Natalie zur Welt. Kamiran, der Vater, saß zu diesem Zeitpunkt noch in Griechenland fest, weil das Geld zur Weiterreise nur für seine Frau gereicht hatte.

Oberbürgermeister Beck, ein Mann mit einem besonderen Blick für Menschen, fühlte sich beim Anblick des Fotos an die biblische Geschichte erinnert: „Wie Maria mit dem Jesuskind. Sehen Sie . . .!“ Dann folgte die Einladung an den Journalisten: Kommen Sie doch mal vorbei!

So kam es zur Begegnung mit Rozan und ihrer heute 15 Monate alten Tochter. Damals lebte sie im Dachgeschoss einer städtischen Flüchtlingsunterkunft. Wehmut lag in den Augen der jungen Mutter. Ihre Eltern waren in Syrien zurückgeblieben, ihr Vater bald darauf gestorben, und die Ungewissheit über den Verbleib ihres Mannes saß wie ein Stachel. Er kannte seine Tochter nur von Handybildern. Getrübtes Glück.

Die Dinge entwickeln sich zum Guten

Wenige Wochen später waren Rozan, Natalie und Kamiran vereint – unter Mithilfe des Oberbürgermeisters. Die Dinge entwickelten sich zum Guten. Ihre Aufenthaltserlaubnis wurde rasch bewilligt. Bald darauf fanden sie eine Zweizimmerwohnung in einer Siedlung der Tuttlinger Wohnbau aus den fünfziger Jahren. Dort hat sich die Familie eingerichtet. Einfach, aber gemütlich. Mit bunten Gardinen, einer Spielecke und Fotos an der Wand – Familienbilder. Eines zeigt eine große Geburtstagstorte mit einer Kerze in Form einer Eins. Natalies erster Geburtstag. Die Fotos haben eines gemeinsam: das Lachen. „Es geht uns jetzt gut“, sagt Rozan. Sie fühlt sich wohl hier. Und endlich ­sicher.

Wo sie herkommt, herrscht Unsicherheit. Die Lage in ihrer ehemals 40 000 Einwohner zählenden Heimatstadt Amuda sei „mal so, mal so“, sagt die 24-jährige Muslimin. Die Kämpfer des Islamischen Staats stünden nur 70 Kilometer entfernt. Ob sie je zurückgehen werden? Rozan hebt die Schultern. Kamiran wiegt den Kopf. Sie wissen es nicht. Erst muss wieder Frieden einkehren. So lange wird Natalie in Deutschland in den Kindergarten gehen und die Schule besuchen und deutsche Freundinnen haben . . .

Integration ist in Tuttlingen seit langem ein Thema

„Über eines müssen wir uns im Klaren sein: Viele von denen, die jetzt zu uns kommen, werden bleiben“, schrieb der Tuttlinger Oberbürgermeister an seine Bürger: „Es liegt daher an uns, ob wir frühzeitig die Weichen für eine erfolgreiche Integration stellen oder ob wir durch Untätigkeit die Grundlagen für die sozialen Probleme der Zukunft legen.“

Tuttlingen ist nicht untätig. Etwa 11 000 der knapp 35 000 Einwohner haben das, was man einen Migrationshintergrund nennt. Integration war hier schon lange ein Thema – lange bevor die ersten Flüchtlinge kamen. Davon profitiert die Stadtgesellschaft heute. Tuttlingen ist auf Integration ausgerichtet – von der Volkshochschule bis zum Fußballverein. Für Kinder von Asylbewerbern wird ein Fußballtraining angeboten. Bis zu 20 Jungs nehmen daran teil. Bei den Erwachsenen ist es schwieriger. „Flüchtlinge sind nur vereinzelt in Sportvereinen vertreten“, sagt der Sprecher der Stadt. Fußball? Kamiran wäre schon interessiert. In Syrien hat der 29-Jährige viel Fußball gespielt. Jetzt macht das Knie nicht mehr mit. Dafür schaut er Bundesliga: „FC Bayern!“ Er streckt den Daumen nach oben: „Die Besten!“

Rozan und Kamiran wollen schnell Deutsch lernen

Von der winzigen Küche und dem Essplatz aus blickt die kurdische Familie direkt auf einen Spielplatz. „Da!“, ruft Natalie und zeigt auf die Schaukel. Ihr Lieblingsplatz, sagt Rozan. Sie sagt nicht wirklich Lieblingsplatz. Sie sucht noch nach Worten. Deutsch verstehen kann die gelernte Grundschullehrerin dagegen schon recht gut. Regelmäßig geht sie in die Stadtbibliothek. Demnächst will Rozan einen Sprachkurs besuchen. Kamiran, ihr Mann, lernt bereits jetzt an drei Vormittagen in der Woche Deutsch. Er ist gelernter Schneider. Sobald er sich auf Deutsch verständigen kann, will er sich um eine Beschäftigung bemühen. Auch da bieten sich Perspektiven. Jüngst hat die Stadt das Projekt „Future“ gestartet – ein „Praktikumsangebot“, das Flüchtlinge und Unternehmer zusammenbringen soll.

Tuttlingen tut was. Oberbürgermeister Beck ist Realist, kein Schwärmer: „Wir wollen nüchtern überlegen, wie wir dauerhaft helfen können“, sagt er. In der Botschaft der Kanzlerin „Wir schaffen das!“ sieht er eine Form des Pragmatismus. Deshalb steht seine Unterschrift auch unter einem Brief baden-württembergischer Kommunalpolitiker, die den Kurs Merkels unterstützen. An die eigenen Bürger gerichtet, schreibt der frühere Verwaltungsrichter: „Gemeinsam gilt es zu beweisen, dass wir auf unsere europäischen und christlichen Werte nicht nur stolz sind, sondern dass wir sie auch in unserem Alltag leben.“

„Hinter allen Zahlen stehen Menschen“

Natürlich läuft auch in Tuttlingen nicht alles reibungsfrei. Auch hier gibt es Probleme, die aus der großen Zahl der Ankommenden resultieren. Als Rozan vor eineinhalb Jahren in der Stadt eintraf, bereitete die Unterbringung vergleichsweise wenig Mühe. Heute leben rund 400 Flüchtlinge hier. An großen Sammelunterkünften führt auch in Tuttlingen kein Weg vorbei. Auf eine Wohnung, wie sie Rozan, Kariman und Natalie gefunden haben, werden viele der Neuankommenden lange warten müssen. Die kleine Familie hat Glück gehabt.

Doch Jammern ist keine Lösung – nicht für den Oberbürgermeister. „Es hilft nichts, über die Dauer der Asylverfahren und anderes mehr zu lamentieren“, sagt Beck. Er spricht ruhig und empathisch. Im Stil der Weihnachtsbotschaft formuliert er: „Hinter allen Zahlen stehen Menschen, die meist Dinge durchgemacht haben, die wir uns weder vorstellen wollen noch können.“ Beck hat einen Anteil daran, dass in Tuttlingen die Einstellung Flüchtlingen gegenüber überwiegend wohlwollend ist. Auch Rozan empfindet das so – beim Einkaufen auf dem Wochenmarkt, in der Bibliothek. Unlängst war sie mit ihrem Mann beim Neubürgerabend. Sie wollen dazugehören.

Auf Wiedersehen im nächsten Jahr

Natalie strahlt immer noch. Außer „Hallo“ kennt sie noch ein anderes deutsches Wort: „Tschüss!“ Tschüss, Natalie! „Jabo“, der Onkel, geht. Bis nächstes Jahr . . .

Rozan, Kamiran und Natalie stehen an der Tür. Sie winken. Hinter ihnen erheben sich die Hänge des Donautals. Es ist ihr zweiter Dezember in Deutschland. Sie freuen sich auf Schnee.

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