Als die Bomber kamen, stand Ruth Oberföll auf dem Balkon. Sie sah, wie die Kampfflugzeuge das Gelände der Firma Daimler Benz unter Beschuss nahmen. In einer Nacht im Februar 1944 traf es dann auch das Haus ihrer Eltern in Bad Cannstatt. "Als unser Haus abbrannte, waren wir im Bett. In die Bühne sind ein paar Brandbomben rein, und wir standen nun da mit unserem Koffer", erzählt sie.
Heute, fast ein Menschenleben später, heißt Ruth mit Nachnamen Rechnic und lebt in San Diego. Die 85-Jährige ist aus Kalifornien ins Fellbacher Stadtarchiv gekommen, um Ralf Beckmann aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Ein Leben, das sie an der Seite ihres Mannes Ber Rechnic geführt hat. Der polnische Jude hatte gerade seinen Abschluss als Arzt in der Tasche, als Polen von Hitler überfallen wurde. Er flüchtete nach Russland, geriet in die Hände der Roten Armee und landete im Moskauer Gefängnis. Nach einer Amnestie praktizierte er als Arzt in Usbekistan. Ein Lebenszeichen von seinem Bruder Leon aus Stuttgart führte ihn nach Kriegsende nach Fellbach.
Der Lebensweg von Ruth und Ber Rechnic ist für Stadtarchivar Beckmann interessant, weil die beiden für eine Gruppe von Holocaust-Überlebenden stehen, die in Deutschland fast keine Spuren hinterlassen haben. "In den Jahren 1945 bis 1953 lebten in Fellbach 70 bis 90 jüdische Holocaust-Überlebende, die unter dem Schutz der amerikanischen Militärregierung standen", sagt Ralf Beckmann (siehe Interview unten).
Nachdem die Bomben das elterliche Haus von Ruth Oberföll zerstört hatten, wohnte sie beim Großvater im Stadtteil Lindle und fand nach Kriegsende ein eigenes Zimmer in Fellbach. Über die Familie Gengenbach lernte sie in der Nachbarschaft deren Mieter Ber Rechnic kennen. Im Jahr 1948 zogen die beiden in eine eigene Wohnung in der Beethovenstraße. Ruth Rechnic reicht Ralf Beckmann eine Schwarzweiß-Fotografie. Es zeigt das Paar im Kreis von jüdischen Freunden in der Sebastian-Bach-Straße wenige Tage nach ihrer Hochzeit im Fellbacher Rathaus. Mit der Heirat im Jahr 1949 trat Ruth Rechnic aus der evangelischen Kirche aus und der jüdischen Religion bei. Eine mutige Entscheidung: "Die junge Frau war bereit, den Lebensplan ihres neuen Mannes komplett mitzugehen", sagt Beckmann. Und das, obwohl der Antisemitismus noch sehr spürbar war.
Ber nahm die junge Frau mit in eine völlig neue Welt: Die jüdische Welt der Holocaust-Überlebenden. Das Leben der von den USA betreuten Gruppe war strikt getrennt von dem der Deutschen. Von der Gesundheitsbetreuung bis zur Lebensmittelversorgung - alles wurde von der Besatzungsmacht bereitgestellt.
"Alle waren ausnahmslos auf die Ausreise erpicht, die USA war die große Sehnsucht", sagt Beckmann. Kein einziger wollte in Deutschland bleiben. Doch für die Ausreise waren viele Papiere nötig. Die Zeit des Wartens vertrieben sich die zur Untätigkeit verdammten Holocaust-Überlebenden meist mit Kartenspielen.
Ber Rechnic arbeitete als Arzt im UNRRA-Lager (siehe Hintergrund) in der Stuttgarter Reinsburgstraße, das mit bis zu 1500 Personen zu einem der größten in Süddeutschland zählte. "Die primäre Aufgabe des Lagerarztes war, die Menschen, die jahrelang unter dem Existenzminimum gelebt hatten, wieder aufzupäppeln", sagt Ralf Beckmann.
Die erhoffte Ausreise ließ lange auf sich warten. Ber Rechnic war staatenlos, und es gab Probleme mit der Scheidung von seiner ersten Frau, die wegen Schizophrenie in der damaligen Anstalt Stetten untergebracht war. "Aus der Gruppe der Juden waren die Eheleute Rechnic die Letzten, die Fellbach verließen", sagt Beckmann.
Am 18. November 1953 war es soweit: Die Eheleute kehrten dem Land, das soviel Unglück über Ber Rechnic gebracht hatte, den Rücken. Es ging nach New York. Doch das Leben auf dem neuen Kontinent bereitete zunächst Mühsal. "Wir sind mit leeren Händen rübergekommen, mussten Englisch lernen, außerdem war ich schwanger", erinnert sich Ruth Rechnic. Doch der Start gelang: Ber erhielt im Staat New York seine Zulassung als Arzt.
Später im Jahr 1984 siedelte die Familie nach Kalifornien um. 2005 stirbt Ber. Heute hat Ruth Rechnic Enkelkinder, die auf der ganzen Welt verstreut leben. "Das ist typisch für so eine Lebensgeschichte", sagt Beckmann. Enkel Michael wird demnächst für ein Jahr in Deutschland leben, um die Sprache zu lernen. Die Familie Rechnic hat sich entschieden, wieder Kontakt zur alten Heimat aufzunehmen.