Eine Chance für junge Mamas dank Teilzeit

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Fellbach. Im Rathaus wird schon die zweite Frau in 30-Stunden- Wochen ausgebildet. Angebot einmalig im Kreis. Von Simone Käser

Fellbach. Im Rathaus wird schon die zweite Frau in 30-Stunden- Wochen ausgebildet. Angebot einmalig im Kreis. Von Simone Käser

Mit 18 Jahren zog Anja Knafelj nach Spanien, um dort in einer deutschen Praxis als Zahnarzthelferin zu arbeiten. Fünf Jahre später kam die Fellbacherin zurück - ohne Job, dafür mit einem kleinen Kind. "Ich wusste damals nicht, wie ich das jetzt allein hinkriegen sollte mit Beruf und Kind. Und vor allem wusste ich nicht, wo ich arbeiten sollte", sagt Anja Knafelj. Also ging sie zum Arbeitsamt, wo man ihr einen 1,50-Euro-Job im Fellbacher Rathaus vermittelte. Und dort wurde Anneliese Roth auf die junge Mutter in Not aufmerksam. "Wir kamen ins Gespräch und ich dachte mir die ganze Zeit, dass man an ihrer Situation doch was machen muss", sagt die Gleichstellungsreferentin der Stadt.

Und sie machte etwas: Weil sie schon von der Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit gehört hatte, recherchierte Anneliese Roth. Sie fragte beim Regierungspräsidium nach und riet Anja Knafelj dann, schon mal eine entsprechende Bewerbung einzureichen. Die tat wie geheißen, und am letzten Tag ihrer 1,50-Euro-Tätigkeit war es dann soweit: Anja Knafelj konnte in Teilzeit eine Ausbildung als Fachangestellte für Bürokommunikation bei der Stadt Fellbach beginnen. "Das war eine tolle Überraschung", sagt sie. Und beim Gedanken an den Glückstag vor vier Jahren breitet sich sofort wieder ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus.

Mithilfe der 30-Stunden-Woche konnte die heute 31-Jährige ihr Leben mit Kind endlich regeln. "Ich hatte plötzlich sowohl genügend Zeit für meine damals vierjährige Tochter Sara als auch die Chance, meine Zukunft in die Hand zu nehmen", sagt Anja Knafelj. Dass die Ausbildung dafür eben vier Jahre dauert, nahm die Pionierin gern in Kauf. Denn die Fellbacherin war eine der ersten, die das Modell nutzten.

Im Jahr 2005 wurde das Berufsbildungsgesetz (BBIG) geändert, und damit wurde eine Ausbildung in Teilzeit möglich. "Bisher ist das Fellbacher Beispiel im Rems-Murr-Kreis aber einzigartig, das soll jedoch nicht so bleiben", sagt Martina Görz. Schließlich käme die Teilzeit-Ausbildung auch für junge Väter oder für pflegende Angehörige in Frage. "Eben für alle, bei denen die familiäre Verantwortung eine Vollzeitausbildung unmöglich macht", sagt die Ausbildungsleiterin der Stadt.

Dass das Angebot mittlerweile eine feste Größe ist, dafür hat sich der Gleichstellungsbeirat stark gemacht. "Wir haben bei der Stadtverwaltung einen Antrag gestellt, die Teilzeit-Ausbildung grundsätzlich anzubieten", sagt Anneliese Roth. Und darauf ist sie stolz, schließlich "ist eine ordentliche Ausbildung wichtig und sollte jedem, und zwar in jeder Lage, ermöglicht werden", sagt die Gleichstellungsreferentin. Das Problem: Nur die wenigsten Betriebe wissen von dem Modell. "Es hat sich bisher noch nicht wirklich etabliert", sagt Martina Görz. Und das, obwohl die Sonderregelung auch für die Firmen Vorteile bringt. So geht damit für den Arbeitgeber eine finanzielle Entlastung einher, "und daneben kann man davon ausgehen, dass diese Auszubildenden aufgrund ihrer besonderen Situation viel motivierter sind", sagt Martina Görz. Grundsätzlich könne jeder Beruf auf die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung geprüft werden, sagt sie.

Auch Katharina Würfel macht bei der Stadt Fellbach eine Ausbildung in Teilzeit. Sie ist die Nachfolgerin von Anja Knafelj, die nach der erfolgreich beendeten Ausbildung jetzt einen Jahresvertrag bei der Stadt unterschrieben hat. Katharina Würfel wird in drei Jahren zur Verwaltungsfachangestellten ausgebildet - ebenfalls in 30-Stunden-Wochen. "Nur die Berufsschule ist davon unabhängig, aber die geht ja sowieso immer nur bis mittags", sagt die 21-Jährige. Sie war Schülerin am Wirtschaftsgymnasium, als sie erfuhr, dass sie schwanger ist. Daraufhin brach sie die Schule ab und suchte Hilfe beim Berufsbildungswerk in Waiblingen. "Mit meiner dortigen Betreuerin stieß ich im Internet auf das Modell der Teilzeit-Ausbildung. Zum Glück", sagt die Mutter des eineinhalbjährigen Niklas.

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