Für ihren Einstand bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen hatte die junge Pianistin, die aus Kornwestheim kommt, ein unkonventionelles und sehr persönliches Programm zusammengestellt. Statt Komponisten der Klassik oder Romantik hatte sie sich Werke des Barocks, Impressionismus" und der Avantgarde ausgewählt, dazu Jazzstücke aus eigener und fremder Feder. Zudem hatte sie mit Etüden von György Ligeti und dem Dis-Moll-Präludium und Fuge von Johann Sebastian Bach Werke im Programm, die neben technischer Perfektion ein hohes Maß an intellektueller Durchdringung erfordern.
Beim Spiel der hoch begabten Künstlerin wurde jedoch schnell klar, dass für sie Kategorien keine Rolle spielen. Sie hat sich die unterschiedlichen Stücke ganz zu eigen gemacht, man könnte sagen, sie ist zur Seele dieser Musik vorgedrungen. Bei diesem tiefen Verständnis gibt es keine Gegensätze zwischen Emotion und Intellekt, zwischen Kompositionsstilen und Epochen. Vielmehr entsteht der Eindruck großer Einheitlichkeit, die einen Spannungsbogen über das Programm schlägt. Olivia Trummer verfügt zudem über eine hohe Konzentration und Intensität, die sich dem Publikum unmittelbar mitteilt und dafür sorgte, dass es im drückend heißen Ordenssaal mit angehaltenem Atem und größter Aufmerksamkeit dem Zweistunden-Programm lauschte. Außerdem ist sie, was man ihren eigenen Stücken anmerkt, eine begnadete Geschichtenerzählerin. Das gesamte Konzert war somit auch so etwas wie eine lange Erzählung mit vielen unterschiedlichen Charakteren.
Dazu passte als Einstieg Claude Debussys "Children"s Corner" hervorragend. Im ersten Stück "Doctor Gradus ad Parnassum" schildert der Komponist liebevoll eine Klavier-Übestunde seiner kleinen Tochter, die brav mit Tonleiterstudien beginnt, dann aber schnell in ihre Fantasiewelt eintritt. In Dmitri Kabalewskis dritter Klaviersonate machte Trummer einerseits die konventionelle Formsprache des 1946 entstandenen Werkes deutlich. Andererseits betrachtete sie es - wie alle anderen klassischen Stücke des Abends auch - aus einem persönlichen Blickwinkel, wie die drei Kapitel einer kurzen Novelle.
Der Barockkomponist Domenico Scarlatti verwendet dagegen in seinen Sonaten, wie auch in der A-Dur-Sonate, gerade so viel Kontrapunktik, um den Konventionen seiner Zeit zu genügen. Ansonsten lässt er seiner teilweise auch folkloristischen Fantasie freien Lauf. Bei Scarlattis Zeitgenossen Francis Couperin war schon der lautmalerische Titel des Stückes "Le Tic-Toc-Choc" Programm. Die Pianistin ließ den Steinway-Flügel wie ein Cembalo klingen und spielte die kleinen Genrebilder mit Charme und tänzerischer Anmut. Johann Sebastian Bachs Dis-Moll-Präludium und Fuge sind allein schon von ihrem Notenbild mit den vielen Versetzungszeichen außerordentlich schwer zu erfassen. Olivia Trummer, die ihr Konzertprogramm auswendig vortrug, machte unaufdringlich die durchstrukturierte Anlage der beiden Teile deutlich, zeigte aber auch, wie viel sinnlichen und emotionalen Gehalt diese Musik haben kann. Einer der Höhepunkte des Konzertes waren die zwei Etüden des zeitgenössischen Komponisten György Ligeti. Die vom Verlag mit der höchsten technischen Schwierigkeitsstufe gekennzeichneten Stücke boten Trummer Gelegenheit, ihr unglaubliches fingertechnisches Können bei schnellem Laufwerk zu zeigen. Ihr Anschlag ist leicht, sensibel, dabei doch auch entschlossen und zielgerichtet.
Die Künstlerin wechselt herzerfrischend unbekümmert zwischen dem Jazz, mit dem sie sich international schon einen Namen gemacht hat, und der Klassik. Bach und Mozart waren ihr Ausgangspunkt für vergnügliche Crossover-Stücke. Für ihre anrührenden Eigenkompositionen "Die Liebe" und "Ohne Winter" begleitete sie ihren ausdrucksstarken Gesang selbst am Flügel. Duke Ellingtons "I let a song go out of my heart" fasste das Konzert noch einmal thematisch zusammen.
Das Publikum im restlos ausverkauften Saal erklatschte sich zwei Zugaben: einen Chopin-Walzer und Olivia Trummers "Nobody knows".