Ein Puppendoktor hat immer Bereitschaft

Von "S-Innenstadt" 

Bohnenviertel In seiner Puppen- und Bärenklinik rettet Giuseppe Ricucci Stofftieren das Leben. Von Nina Faecke

Bohnenviertel In seiner Puppen- und Bärenklinik rettet Giuseppe Ricucci Stofftieren das Leben. Von Nina Faecke

Manche Kinder erschrecken, wenn sie die Operation an ihrem Lieblingsstofftier selbst mitansehen müssen, erzählt Giuseppe Ricucci. "Als ich das Auge von einem Teddy repariert habe, musste ich zuerst mit einer Nadel in den Augapfel pieksen. Die kleine Besitzerin des Bären hat dann angefangen zu weinen."

Als Puppen- und Stofftierdoktor hat der 48-Jährige oft Bereitschaftsdienst. Sein Operationssaal, der hinter einem grauen Vorhang liegt, ist zugleich auch Ersatzteillager. Kleine Puppenbeine aus Keramik, Gummi oder Plastik, winzige Hände, Augen und Ohren hat Ricucci in alte Umzugskartons einsortiert. Maximal vierzehn Tage Zeit für Reparaturen gibt sich Ricucci. "Sonst würde es auch zu eng werden in meinem OP." Weil er regelmäßig zu Haushaltsauflösungen geht, gehen ihm die Ersatzteile niemals aus. "Einen abgetrennten Puppenarm oder einen zerrupften Teddy schmeißen die Leute schnell weg", sagt er.

Mit 14 Jahren ist Giuseppe Ricucci von Süditalien nach Stuttgart gekommen. Sein erster Ausflug einen Tag nach der Anreise hat ihn auf einen Flohmarkt geführt. Mit dem Modell "Kleine Inge" von Schildkröt für zwei Mark habe die Sammelwut angefangen. Als der gelernte Feinmechaniker 1995 seine Arbeit verlor, entschied er sich, von nun an enthauptete Puppen oder einäugige Teddybären wieder gesund zu machen. Wie eine Puzzlespiel sei die Spurensuche, auf die sich Ricucci begibt, sobald ein kaputtes Spielzeug "eingeliefert" wird.

Für seine Reparaturen verwendet er nur alte Materialien oder gar Originalteile. Die Spuren der Operation sollen nicht sichtbar sein. "Puppen sind in ihrer Machart so vielfältig. Durch ihre Frisuren und Kleider stehen sie jeweils für eine ganz bestimmte Epoche. Die Geschichte hinter der Puppe interessiert mich immer sehr." Mit seinen eigenen Sammlungen füllt Ricucci Ausstellungsräume und Museen. "Eine alte Dame hat in meiner Sammlung ein Puppenmodell entdeckt, dass sie als Kind selbst hatte. Vor lauter Rührung hat sie auf einmal angefangen zu weinen."

Dass eine kostbare Puppe über Generationen weiter gereicht wird, sei selten geworden, sagt der Puppendoktor. "Heute werden überwiegend Puppen aus billigem Material gekauft. Wenn das Kind aus dem Spielalter raus gewachsen ist, wandert die Puppe auf den Müll oder sie verschwindet im Keller." Die meisten von Giuseppe Ricuccis Kunden sind Sammler. Durchschnittlich zehn Kunden habe er pro Monat. Mit der Eröffnung der Puppenklinik 1995 hat sich Ricucci ein zweites Standbein organisiert. Auf Flohmärkten, wie dem Antik- und Sammlermarkt auf dem Karlsplatz, verkauft er Antiquitäten und Sammlerstücke. "Auf dem Flohmarkt gewinne ich die meisten Kunden für die Puppenklinik." Den ganzen November und Dezember verbringt er dort. Mit den Reparaturen kommt er dann kaum hinterher. "Viele Leute werden auf dem Flohmarkt erst darauf aufmerksam, dass ich Puppen und Stofftiere restauriere." Deshalb legt Ricucci oft Nachtschichten im Namen des Christkindes ein. "Wenn die Puppe pünktlich zum Fest unter dem Baum liegen soll, geht das schon in Ordnung."

Im Notfall hat ein Puppendoktor aber durchaus das ganze Jahr über Bereitschaft. "Wenn der Lieblingspuppe ein Auge raus gefallen ist, repariere ich das sofort. Denn die meisten Kinder können ohne ihre Puppe nicht einschlafen."

Kontakt Termine in der Puppen- und Bärenklinik, Weberstraße 86, sind auf Vereinbarung unter der Nummer 23 52 26 möglich.

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