Ein Ich wie eine Insel

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Das Asperger-Syndrom tut nicht weh. Es hindert Daniel Waitz nicht, in

Das Asperger-Syndrom tut nicht weh. Es hindert Daniel Waitz nicht, in der Sonne zu sitzen und ein Bananensplit zu essen. Er ist ein junger schlanker Mann mit feinen Gesichtszügen und ebenso feingliedrigen Fingern. Dass er Musiker ist, würde ihm jeder sofort glauben. Dass er Autist ist, sieht ihm dagegen keiner an. Es sei denn, der Beobachter schaut ganz genau hin. Da ist die Waffel, die keck aus dem Vanilleeis vor ihm hinausragt. Waitz zerteilt sie mit dem Löffel in zwei Teile, dann in vier und dann immer kleinere, gleich große Brösel. Das Eis schmilzt in der Aprilsonne, doch die Waffel muss sich in winzig kleine Teile auflösen, bevor Waitz das erste Mal seinen Löffel in die matschige Masse steckt.

Der 23-Jährige aus Heumaden macht manche Dinge anders als andere. Weil er sie ganz anders wahrnimmt. Informationsverarbeitungsstörung nennen das die Ärzte. Eine andere Art der Wahrnehmung, sagt Helga Braun-Habscheid, Vorsitzende des Vereins Autismus Stuttgart. Rund ein Prozent aller Kinder weltweit sind nach Angabe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Autismus-Spektrum zuzurechnen. Daniel ist einer von ihnen, ebenso Braun-Habscheids Sohn. Die Mehrzahl entwickelt wie Waitz das Asperger-Syndrom. Anders als beim frühkindlichen Autismus, dem Kanner-Syndrom, ziehen sie sich nicht völlig ins Ich zurück, und bleiben erreichbar für ihre Umwelt. Allerdings seien die Übergänge oft fließend, sagt Braun-Habscheid: "Viele Kanner-Kinder beginnen doch noch zu sprechen und entwickeln eine normale Intelligenz." Dann sprechen Mediziner vom Asperger-Syndrom. Die Brücke zur Umwelt ist dann zwar brüchig, aber sie ist vorhanden. Sterben muss am Asperger-Syndrom niemand, genauso wenig wie an anderen Formen von Autismus. Höchstens den sozialen Tod. Denn die menschliche Gesellschaft basiert auf Verlässlichkeit: Menschen verhalten sich in bestimmten Situationen in einer bestimmten Form, so lautet das unausgesprochene Gesetz. Alles andere gilt als verrückt. Verrückte Dinge machte Daniel Waitz von Klein an. Im Sportunterricht kickte er den Ball über den Zaun statt auf das gegnerische Tor. Nicht um den Lehrer oder seine Mitschüler zu ärgern, sondern einfach so. Er malte mit Buntstiften auch keine krakeligen Porträts von seiner Mutter, sondern kupferte einfach so Vorfahrtszeichen ab, und das exakt wie abfotografiert. Seine Mutter Ingeborg hat mit den Jahren einiges gesehen, das die Andersartigkeit ihres Sohnes belegt. Sie erzählt die Geschichte ihres Kindes, die auch ihre eigene ist, ohne ihren Gefühlen allzu viel Raum zu geben. Ingeborg Waitz spricht in einem schnörkellosen Hochdeutsch. Es passt zu der distanzierten Art, in der sie aufzählt, welche Probleme der Sohn von früher Kindheit an hatte und welche Anstrengungen sie unternehmen musste, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Ingeborg Waitz klingt wie eine Mutter, die so schnell nichts aus der Bahn wirft - oder werfen darf. Daniel ist ihr einziger Sohn. Er kam als Frühchen auf die Welt. Für die Mutter war das die Erklärung dafür, dass er sich in manchen Dingen langsamer entwickelte. Als er mit vier Jahren immer noch die Windel brauchte, ging sie zum ersten Mal zum Kinderpsychologen. "Er hat unglaublich schnell gelernt, das passte einfach nicht", sagt Waitz. Ihren kleinen Sohn erlebte die Mutter als "sehr klug, sehr rational". Auf der anderen Seite musste sie ihn immer noch wickeln. Der Psychologe fand keine klare Diagnose für die ungleiche Entwicklung des Kindes. "Er sprach von einem untypischen ADS", sagt Ingeborg Waitz. Die Abkürzung steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, die Ergänzung "untypisch" ist eine Chiffre für die Ratlosigkeit des Fachmanns. ADS war zumindest etwas, das sich auswachsen konnte und für das es Medikamente gab. Auch Daniel Waitz bekam mit zwölf Jahren Ritalin. Der Absturz seiner schulischen Leistungen hatte bereits eingesetzt, als er die Amphetamin-ähnliche Substanz erhielt. Doch bei ihm wirkten die Tabletten nicht beruhigend wie bei ADS-Patienten. Sie wirkten aufputschend auf ihn wie bei Gesunden, die den Wirkstoff missbrauchen. Auf die Idee, dass Daniel Waitz etwas ganz anderes haben könnte als ADS, kam dennoch kein Arzt. In der neunten Klasse verließ er das Gymnasium. Es ging nicht mehr anders, sagt die Mutter. Er konnte ausgezeichnet rechnen, versagte aber dann völlig bei Trigonometrie. Anderen Fächern verweigerte er sich ganz. Bei Klassenarbeiten in Biologie gab er nur leere Blätter ab. Wenn die Mutter mit ihm lernte und Fragen stellte, blieben seine Lippen fest verschlossen. Nicht aus Trotz, sondern weil sein Verstand sich ausknipste. Die Lehrer versuchten, das vermeintliche ADS-Kind auszuhalten. Doch in der neunten Klasse sprengte die ungleiche Leistungskurve den gymnasialen Rahmen.

Daniel Waitz lächelt selig, während er sein flüssiges, von Bröseln gekröntes Eis löffelt. Neben ihm sitzt die Mutter und spricht über seinen Schulabbruch und die Fehldiagnose der Ärzte. Die Mutter referiert, der Sohn hört zu. Er reagiert oft ratlos, wenn eine Frage an ihn gerichtet wird. Der Blick schweift dann zur Mutter, und nicht selten ist sie bereit, dem Sohn das Antworten abzunehmen. Vor allem, wenn es um Gefühle geht, wird es offenbar schwierig für ihn, sich selbst einzuschätzen. War er aufgeregt, als er nach der neunten Klasse das Gymnasium verlassen musste? Seine Mimik arbeitet, während er versucht den Sinn der Frage zu erfassen. Nachdem die Frage eine Weile in der Luft hängt, antwortet er mit einer Gegenfrage: "Vielleicht ein bisschen?" Autisten können Emotionen schwer beschreiben, sagt Braun-Habscheid vom Verein Autismus Stuttgart. Das habe nichts mit Gefühlskälte zu tun. "Bei Autisten sind Gehirnregionen anders verknüpft. Sie schauen Gesichter an wie Gegenstände." Doch wem es unmöglich ist, fremde Emotionen zu erkennen, der hat auch Probleme damit, eigene Gefühle zu beschreiben. "Das Gefühlsleben läuft meist über den Verstand", sagt Braun-Habscheid. Je intelligenter ein Mensch mit Asperger-Syndrom sei, desto besser könne er rational kompensieren, was er emotional nicht begreift. "Das läuft nach dem Motto: ,Mache ich das, reagiert meine Umwelt so"."

Ingeborg Waitz beschreibt ihren Sohn als hochintelligent. Allerdings galoppierten seine Begabungen davon, während der Rest seiner Entwicklung nicht vom Fleck kommt. In manchen Dingen erlebt sie ihn als genial. Mutter und Sohn spielen Orgel. Doch an die Fähigkeit ihres Kindes, sich ein neues Stück über den Gehörgang anzueignen, kommt Ingeborg Waitz nicht heran. "Was andere in Monaten lernen, dafür braucht er bloß ein paar Tage. Er ist eben Asperger", sagt sie, und es klingt wie eine Auszeichnung. Der junge Mann mit der laut WHO "tiefgreifenden Entwicklungsstörung" entwickelt ungeahnte Fähigkeiten, sobald er an einer Orgel sitzt. Am Ostersonntag übt er in der Gedächtniskirche im Stuttgarter Westen. Waitz setzt sich auf die Bank und knackt mit den Knöcheln, bevor er den Ton an der Orgel regelt. "Heute geht das alles elektronisch, ganz ohne Blasebalg", sagt er. Mit einem Mal gibt er bereitwillig Auskunft, spricht über Klangfarben oder erklärt, wie er mit dem Pedal den Bass regelt. Dann schweigt Daniel Waitz, um nur einen Moment später die Kirche mit der Klanggewalt seiner Orgel zu füllen. Seine Gesichtszüge entspannen sich. Immer wieder schließt er die Augen, seine Noten vor ihm fixiert er selten. Die Mutter sitzt auf einem Klappstuhl daneben. "Er ist eben Asperger", scheint ihr zufriedener Gesichtsausdruck zu sagen.

Als Daniel Waitz 17 war, hatten er und seine Mutter endlich Glück. Sie fanden Psychiater, die sich nicht mit einer schwammigen Diagnose zufrieden gaben. Tests ergaben, dass er das Asperger-Syndrom hat. Der Erleichterung darüber, einen schlüssigen Befund zu haben, wich bald Ernüchterung. Denn das Asperger-Syndrom ist ein lebenslanger Begleiter, der eifersüchtig den Weg bestimmt. Es bleibt nur die Chance, sich anzupassen an die Gesellschaft der Nicht-Autisten. "Vor kurzem hat mir Daniel die Tür aufgehalten, ich habe meinen Augen nicht getraut", sagt seine Mutter. Ohne eine Spur Ironie schiebt sie die Bemerkung hinterher, dass das Sozialtraining des Sohnes ein Erfolg gewesen ist. Drei Jahre haben Psychologen Daniel Waitz und anderen Menschen mit dem Asperger-Syndrom beigebracht, was andere Kinder von selbst lernen. Zum Beispiel, dass ein verkniffener Gesichtsausdruck Wut bedeuten kann. Braun-Habscheid betont die Bedeutung solcher Verhaltenstherapien. Je früher sie einsetzen, desto leichter könnten Betroffene mit ihrem Leben zurechtkommen. "Deshalb sind frühe Diagnosen so wichtig", sagt sie. Daniel Waitz hat Fortschritte gemacht, obwohl die Ärzte ihn lang falsch therapiert haben. Seit 2008 lebt er in Heidelberg und macht eine Ausbildung zum Organisten. Er fährt nur noch am Wochenende nach Heumaden zu seiner Mutter. Es war die Diagnose Asperger-Syndrom, die ihn wieder hinter eine Schulbank brachte. Der Autistenverband Baden-Württemberg hatte der Mutter empfohlen, den Sohn auf eine Sonderschule für Hörgeschädigte zu schicken. Er machte die Mittlere Reife gemeinsam mit Hörbehinderten. An der Sonderschule erlebte er einen Unterricht, der sich an seinen Bedürfnissen orientierte. "Die Gehörlosen haben auch Probleme mit der Kommunikation, nur eben aus anderen Gründen", sagt die Mutter. An der Heidelberger Fachhochschule bewältigt Daniel Waitz den Wettbewerb mit Kommilitonen ohne Asperger-Syndrom und ohne Behinderung. Und er hat Freunde, die keine Autisten sind. Wenn alles gut läuft, kann die Mutter Stück für Stück das Band lockern, das beide verbindet. Doch auch wenn ihr Sohn eine Stelle findet, wird die Mutter weiter seine Managerin bleiben müssen. So viele Dinge wird Daniel niemals selbst tun können, sagt sie. Zum Beispiel, sich auf Ämtern anmelden oder eine Steuererklärung ausfüllen. Wird er einen Haushalt führen können? Vielleicht. Falls nicht, wird die Mutter ihm solange helfen, wie sie es vermag. Danach, so hofft sie, wird ein geeigneter Betreuer ihren Sohn unterstützen. "Es muss auf jeden Fall jemand sein, der etwas von Orgelmusik versteht", sagt sie.

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