Die 2a der Uhlandschule übt ein Flötenstück ein - und Aimee döst auf dem Parkettboden vor sich hin. Wird ein Diktat geschrieben, kaut die junge Dame so lange auf einem Knochen herum, damit ihr nicht langweilig wird. Aber wenn die Kinder im Sitzkreis hocken und miteinander das Hallo-Lied singen - dann spaziert Aimee (sprich: Äimie) schon mal durchs Rund und schleckt Marcel am Ohr. Aimee ist immer dabei, ist sie doch der Schulhund der Klasse 2a.
Klassenlehrerin Kathrin Schelling hat das Tier dreimal die Woche dabei, montags, mittwochs und freitags. Eine kleine Hundehütte steht im Klassenzimmer, um der 15 Monate alten Hündin eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten. Aber die nutzt das Angebot kaum, ist sie doch viel lieber bei ihren Kindern. Das ganze Schuljahr hat sie mit ihnen verbracht. Von Klein auf kennt sie es nicht anders. Schelling hat sie noch als Welpen aus Italien geholt, Aimee ist Halbitalienierin: Der Vater ist ein deutscher Hovawart, die Mutter Südländerin.
Bevor die Klassenlehrerin der 2a den Hund nach Deutschland gebracht hat, hat sie die Idee eines Schulhundes mit der Schulleitung abgeklärt. "Der Rektor zeigte sich sehr offen und tierlieb", freut sie sich. Bei der Zusammenstellung der Schüler für die 2a sei darauf geachtet worden, dass keine Allergiker und keine Kinder, die große Angst vor Hunden haben, in die Klasse kamen. Entsprechend gab es auch wenig Probleme mit den Eltern.
Aimee, die meist unaufdringlich, manchmal aber auch mit Nachdruck Kontakt zu den sie umgebenden Menschen hält, hat auch eine Aufgabe in dem Kollektiv: Schelling glaubt, dass ein Hund die Atmosphäre, die Stimmung in einer Klasse positiv beeinflusst. Verantwortung für das Tier und Rücksichtnahme mit dessen speziellen Bedürfnissen sollen die Kinder lernen. "Menschen umarmen sich zum Beispiel, um zu zeigen, dass sie sich mögen. Ein Hund fühlt sich bedroht", erklärt die Lehrerin und führt es auch gleich vor. Etwas verärgert macht Aimee zwei Schritte rückwärts. Die Zweitklässler mussten sich auch an bestimmte Regeln halten, wie die, dass sie das Tier nur dann streicheln durften, wenn es zu ihnen kam. Hinterherrennen war tabu. Als die Hündin noch ein kleiner Welpe war, haben auch jeweils zwei Kinder eine Woche lang Aimee-Dienst geschoben. Dabei haben sie geschaut, dass das Tier immer Wasser hat und dass es nicht zu sehr von Kindern bedrängt wird - und dafür hatten sie besonderes Spielrecht mit Aimee.
Die Hundedame suchte sich aber auch schon früh selbst Freunde. Als allererstes nahm der kleine Welpe zu Benjamin und Lukas Kontakt auf. Dabei haben Hunde ja ganz eigene Kriterien: Sie nehmen sich nicht unbedingt den Klassenbesten, den Lustigsten, den Stärksten zum Freund. Inzwischen ist Aimee aber mit allen Kindern dicke, legt ihre Vorderfüße mal zum einen und holt sich dann bei der anderen eine Streicheleinheit ab.
Nur wenn sich die Tür plötzlich öffnet und ein Erwachsener hereinkommt, dann sagt Aimee ein paar Mal etwas lauter "wuff, wuff". "Sie will uns halt beschützen", erklärt die kleine Annik. Das gutmütige, aufmerksame Wesen von Aimee wird den Kindern im kommenden Jahr fehlen. Kathrin Schelling übernimmt als Klassenlehrerin neue Abc-Schützen, und die werden ab kommendem Schuljahr das Privileg eines eigenen Schulhundes haben. "Und wir werden sie vermissen", sagt Meriem.