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Ehrenamt Der Goldfisch im Haifischbecken

Julia Barnerßoi, 22.12.2012 16:24 Uhr
Menschen, die anderen Zeit schenken, gebührt ein Dankeschön. Wie zum Beispiel dem Vorlesepaten Rudolf Fiege.

Sillenbuch - Rudolf Fiege sieht aus wie ein Riese. Er sitzt auf einem für ihn viel zu kleinen Stuhl an einem viel zu niedrigen Tisch. Für die Kinder, die sich um ihn scharen, sind die Möbel genau richtig. Keines von ihnen hat das Schulalter erreicht. Sie besuchen noch bis kommenden Herbst das Kinderhaus Wirbelwind. Jetzt sind die Buben und Mädchen aber ganz still. Konzentriert gucken sie auf Rudolf Fiege und lauschen dem, was der 77-Jährige erzählt. Er ist an diesem Montag ihr Vorlesepate.

Draußen rieseln die Schneeflocken, während Fiege seinen kleinen Zuhörern Geschichten vom Fahrstuhlmonster und kleinen Spinnen erzählt. Zwischendurch stellt er geschickt Fragen, mit denen er den Kindern, die fast alle ausländische Wurzeln haben, deutsche Worte zur Übung entlockt. Eine gute halbe Stunde hat er die Aufmerksamkeit der Wirbelwinde, dann entlässt er sie. Ohne ein Wort des Abschieds stürmen sie mit trappelnden Füßen und wippenden Zöpfen zurück zum Spielen. Rudolf Fiege lacht. Von Kindern dürfe man keinen Dank erwarten. „Das ist auch nicht der Grund, warum ich das mache.“

85 Kinder aus 23 Nationen besuchen das Kinderhaus

Seit acht Jahren sind die Vorlesepaten von der katholischen Gemeinde Sankt Michael im Kindergarten der Kirche aktiv. Zu neunt wechseln sie sich ab. Das soziale Gefüge im Kinderhaus Wirbelwind ist ein besonderes: 85 Kinder aus 23 Nationen besuchen die Kita. „Manche sprechen anfangs kein Wort Deutsch“, erzählt Fiege. Umso wichtiger sei die Sprachförderung – die Vorlesestunden sind ein Teil von ihr. „Manche Menschen fragen, warum wir das für nicht-katholische Kinder anbieten“, sagt Fiege. Er könne mit einer solchen Frage nichts anfangen. „Die Kirche betreibt die Kita nicht für ihr Klientel. Wir sehen uns verpflichtet, einen Beitrag für das Gemeinwesen zu leisten“, sagt Fiege. Am Ende sei entscheidend, dass die Menschen ein glückliches Miteinander leben. Dieser Gedanke sei schon sein Leben lang Grundlage für sein Handeln gewesen, sagt er.

Nicht erst seit der Rente ist der Heumadener ehrenamtlich aktiv. Schon immer engagierte sich der studierte Psychologe und Theologe in der Kirchengemeinde, ob als Kirchengemeinderat, als Webmaster oder als Macher, der Computerkurse gab, Vorträge hielt oder Gruppen gründete wie etwa das Lesecafé. Vorlesen ist laut Fiege nämlich durchaus auch etwas für Erwachsene.

Vom Theologen zum Werbetexter

Beruflich hat sich Fiege auf Terrains begeben, die es ihm nicht immer leicht gemacht haben, nach seinem Ideal für ein gutes Miteinander zu handeln. Nach einer kurzen Zeit im Kirchendienst entschloss er sich für den Schritt in die freie Wirtschaft. Zunächst arbeitete er als Werbetexter. Vor den Freunden hat er sich manchmal schwer getan, diesen recht untheologischen Beruf zu rechtfertigen.

Anders war das bei seiner späteren Anstellung als Theologe im Management eines großen Technik-Konzerns. Der gebürtige Westfale arbeitete sich weit nach oben, obwohl er weder von der technischen noch von der kaufmännischen Seite kam. „Ich war kein Betriebswirt, sondern Trainer, beispielsweise für Rhetorik“, sagt Fiege. Quasi der Goldfisch im Haifischbecken, dem die Betriebsräte vertrauten. Zuletzt schaffte er es bis zum Personalleiter. Er war Mitbegründer des Deutschen Netzwerks für Wirtschaftsethik. Kaufmännische Entscheidungen wie Werksschließungen oder Entlassungen musste er mittragen. Bereuen würde er aber nichts, sagt Fiege heute.

Mit 75 Jahren, nachdem er auch noch vier Jahre Geschäftsführer bei der Breuninger-Stiftung war und als freier Berater arbeitete, gab Fiege schließlich bewusst alle Aufgaben und Ehrenämter ab. Nur das Vorlesen nicht. Denn die quirlige Lebendigkeit der Kinder tue ihm gut. „Und“, sagt Fiege mit einem Schmunzeln, „alle alten Leute erzählen eben gern“ .

 
 
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