DTB-Pokal in der Porsche-Arena Gestatten: Der Bretschneider!

Von Marco Seliger 

Andreas Bretschneider Foto: Baumann
Andreas BretschneiderFoto: Baumann

Turner aus Chemnitz zeigt beim DTB-Pokal Übung mit höchsten Schwierigkeitsgrad und gibt ihr seinen Namen - Bretschneider.

Stuttgart - Als er es geschafft hatte, präsentierte sich Andreas Bretschneider (25) als Humorist und Meister der Untertreibung. „Relativ zufrieden“ sei er, sagte der Turner aus Chemnitz. Und: „Es ist ganz gut gelaufen.“ Wer Bretschneiders Geschichte kennt, der musste sich bei diesen Worten fast schon das Lachen verkneifen. Wenig später dann, als der Turner nach der Team-Qualifikation beim DTB-Pokal in der Porsche-Arena davon sprach, wie hart die Zeit war, bis es geklappt hat mit seinem ganz persönlichen Turn-Element, wurde klar: Da sitzt ein Mann, der mit sich im Reinen ist, weil er eine Mission endlich zu Ende gebracht hat.

Andreas Bretschneider hat den Salto über die Reckstange (Kovacs) mit anschließender gehockter Doppelschraube hinbekommen. Die Übung ist ein Novum im Turnsport – und sie ist eine Darbietung, die vom Weltverband als sogenannter H-Teil anerkannt wird. Die bisher höchste Stufe war der G-Teil – der H-Wert musste aufgrund des Schwierigkeitsgrads der Übung erst geschaffen werden.

Bretschneider hat sich nach dem Coup von Stuttgart auch namentlich in der Turngeschichte verewigt. Da es die Übung noch nicht gab und sie erstmals in einem Weltverbands-Wettkampf geturnt wurde, trägt sie nun seinen Namen. Gestatten: Der ­Bretschneider hat den Bretschneider. Und wer sich künftig an die Übung wagt, der turnt, genau: den Bretschneider. Seit 1970 ist er der 13. deutsche Turner, nach dem ein Element benannt ist. Vorgänger waren unter anderem Bernd Jäger und Eberhard Gienger mit seinem berühmten Gienger-Salto.

Mehr als zwei Jahre lang hatte Bretschneider auf seinen großen Moment hingearbeitet. Nach Olympia 2012 hat er angefangen, seine Idee für die neue Flugshow in die Tat umzusetzen. Zunächst habe er es bei etwa acht von 800 Versuchen geschafft, sagte er. Doch Bretschneider wusste, dass er die Voraussetzungen mitbringt, so schnell durch die Luft zu wirbeln, dass er die Stange in ausreichender Höhe in den Griff bekommt. „Anfangs habe ich blind zugegriffen“, sagte er. Mittlerweile aber besitze er den Überblick, um die Stange vorher bewusst wahrzunehmen. „Es ist schön zu fühlen, dass es funktioniert“, sagte der Sportsoldat, „vor allem, wenn man in der Entwicklung solche Höhen und Tiefen erlebt hat wie ich.“

Die Halle tobte

Den Tiefpunkt erlebte Bretschneider bei der WM in Nanning im Oktober. Schon dort sollte es so weit sein mit seiner Premiere. Das Feld war bereitet, im Teamfinale wollte er den Bretschneider turnen – allein, es klappte nicht. Schlimmer noch: Bretschneider dachte nach seiner Reckübung, dass er es geschafft hatte. Ein Irrtum. „Er hatte einen Blackout“, sagte Cheftrainer Andreas Hirsch. Bretschneider meinte hinterher: „Dass ich so danebenliege, ist mir noch nie passiert.“ Er hatte statt der doppelten nur eine einfache Schraube gezeigt – und nix war’s mit der großen Premiere.

Vereinfacht ausgedrückt, besteht die Hauptschwierigkeit bei der Übung darin, dass Bretschneider die Reckstange in der Luft bei einer Doppelschraube nicht sieht – bei der einfachen Schraube hat Bretschneider sie im Normalfall im Blick. „Es hat lange gedauert, bis ich die Geschichte von Nanning verarbeitet habe“, sagte er, „ich hatte Angst, dass es wieder so passieren kann“.

Bretschneider feilte nach der WM im Training an seiner Übung, er arbeitete mit einer Psychologin zusammen, „um den ganzen Mental-Käse zu verarbeiten“, wie er sagt. Im Training hatte Bretschneider eine Erfolgsquote von 80 Prozent, die große Herausforderung war nun aber die große Bühne: der DTB-Pokal in Stuttgart.

Hier, bei einem Weltcup, konnte er die Scharte von Nanning auswetzen, hier konnte er seiner Erfindung seinen Namen geben. „Ich war supernervös“, sagte Bretschneider, „dabei wollte ich einmal so richtig cool sein – das hat nicht so ganz geklappt.“

Mit einer großen Portion Anspannung klappte dann aber die Übung. Die Halle tobte, die Teamkollegen jubelten mit – und Bretschneider widmete sich hinterher den nächsten Zielen. „Eine Medaille mit dem Team bei einem Großereignis wie WM, EM oder Olympia, das wäre ein Traum“, sagte er. Und eine neue Übung, eine neue Erfindung mit höchstem Schwierigkeitsgrad? „Langsam“, sagte der Pionier: „Ich muss jetzt erst mal den Bretschneider verfeinern.“

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